Anreise

Es ist soweit. Die Sicherheitschecks am Flughafen sind hinter uns. Vor uns steht unser Flugzeug bereit. Vom Fingerdock aus sehen wir seinen Namen: Es heisst „Solothurn“, so wie meine alte Heimatstadt. Es ist fast, wie wenn mir das Schicksal zum Abschied freundlich zuzwinkern würde. Schliesslich hebt das Flugzeug ab, und damit bin ich definitiv unterwegs zu meiner Amerikareise.

Auf diesem Flug werden wir von einer ganz feinen Kabinencrew betreut. Es sind alles Leute, die in ihrem Job richtig gut sind, die ihre Arbeit auch ganz offensichtlich gerne machen und die auch sehr gut zu diesem Job passen. Es sind Dienstleister in Topform. Ich liebe es, so etwas zu sehen, und ich beneide sie auch etwas. So wie die Crew hier möchte ich als Dienstleister auch gerne sein.

Der Flug dauert mehr als zehn Stunden, und die Zeit will irgendwie herumgebracht werden. Ich versuche, etwas Interessantes im Unterhaltungssystem zu finden. Leider gibt es da kaum etwas Passendes. Schliesslich lande ich beim Film „Intern“.

Robert de Niro gibt darin einen Rentner, der als Praktikant in einer Internetfirma anfängt. Er spielt den lieben alten Sympathiebolzen, der unter all den Nerds auffällt, weil er zum einen alt ist, weil er ausserdem sehr nett ist und weil er gerne Anzüge trägt. Auf die Frage, warum er denn so gerne Anzüge trage, antwortet Robert de Niro: Weil man dann immer ein Taschentuch dabei hat, wenn jemand eins braucht.

Bitte was? Robert de Niro, der kann zwar im Gegensatz zu Bruce Willis und Steven Seagal mit seinem Gesicht etwas sagen, ohne dazu noch reden zu müssen. Aber am Ende des Tages kennt man ihn doch als Schauspieler, der für schlagen, schiessen, töten, bluten und drohen steht. Robert de Niro, das ist doch einfach ein richtig Böser. Und dieser Robert de Niro gibt hier plötzlich den lieben Alten, dazu noch einen, der am liebsten ein Taschentuch dabei hat, wenn andere eins brauchen?
Einen ähnlichen Wandel habe ich doch erst gerade bei Jack Nicholson gesehen. Der Neurose-Darsteller vom Dienst hat in seiner Schauspielkarriere doch jede noch so üble Psychopathenrolle übernommen. In jüngerer Zeit ist er aber mit Rollen aufgefallen, in denen er plötzlich Liebenswürdigkeit und Gemeinsinn entwickelt.
Mir kommt da ein böser Verdacht auf: Tut man so etwas, weil man älter wird und die Job-Angebote im angestammten Gebiet rar werden? Muss man mit zunehmendem Alter einfach Kreide fressen und Arbeit annehmen, die man eigentlich gar nicht tun will? Es ist zwar bestimmt nicht verkehrt, wenn man zu seinem Alter steht. Mir ist es recht, wenn berühmte und grosse Schauspieler altershalber auf Rollen verzichten, die sie nicht mehr glaubwürdig darstellen können. Ich finde das sogar ehrenwert. Peinlichkeiten wie auf jung geschminkte Senioren, die ganz offensichtlich nicht mehr in der Lage sind, die Welt so zu Kleinholz zu verarbeiten, wie sie uns das gerne glauben machen möchten, die will ich mir doch nicht ansehen.
Aber das Thema trifft mich an einem wunden Punkt. Ich sitze ja hier im Flugzeug, weil auch für alte Projektleiter die Jobangebote offensichtlich rar werden. Ich bin zwar deutlich jünger als Robert de Niro oder Jack Nicholson. Trotzdem möchte ich jetzt gerade nicht weiter über dieses Thema nachdenken. Irgendetwas soll mich bitte davon ablenken. Im Unterhaltungssystem finde ich nur eine einzige brauchbare Ablenkung, nämlich die Fluginformation. Während der restlichen Flugzeit versuche ich, möglichst nicht mehr an Robert de Niro zu denken und verfolge intensiv unsere Flugroute. Wenn wir dann in Los Angeles sind, so nehme ich mir vor, dann werde ich mein amerikanisches Motorrad abholen und drei Monate lang durch den Wilden Westen fahren. Ich bin mir eigentlich sicher, dass ich damit niemanden beeindrucken will. Es ist eher andersrum: Ich will meinen Traum einfach noch wahr machen, solange ich noch kann. Aber für heute ist es schon zu spät. Der Stachel von Robert de Niro sitzt.

Kia Soul

Nach der Ankunft in Los Angeles dauert es eine Weile, bis wir unseren Mietwagen übernehmen können. In der Agentur gibt es eine Warteschlange und nur zwei Schalter sind besetzt. Als wir dann an der Reihe sind bin ich mir nicht sicher, ob ich einfach nur müde bin, oder ob uns der Herr von der Autovermietung in aller Freundlichkeit übers Ohr haut. Dann dürfen wir uns endlich ein Auto aussuchen. Wir entscheiden uns für einen KIA Soul, für ein etwas hässliches, aber recht spritziges Entlein.

Nach unseren ersten Autobahnkilometern in den USA und nach einigen Hindernissen kommen wir schliesslich gut in unserer Airbnb-Unterkunft in Santa Monica an. Obwohl wir eigentlich ziemlich geschafft sind gehen wir doch noch rasch auf ein Willkommensbier nach Santa Monica Downtown. Wozu ist man schliesslich hier und wohnt so zentral? Dann ist der erste Tag geschafft und wir sind in Los Angeles angekommen.

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