Quartzsite – Ajo

Nach dem Aufwachen und Aufstehen will ich zuerst einmal wissen, in welcher Gegend ich hier eigentlich gelandet bin. Es war ja bereits dunkel, als ich am Vorabend angekommen bin. Böse Zungen würden sagen: Das hätte auch so bleiben können. Es ist etwas unwirtlich hier. Quartzsite liegt in einer Wüstenebene. Der Boden ist geröllartig und trocken. Je nachdem wohin man blickt ist die Ebene etwas weiter, aber sie wird immer begrenzt durch eine Kette von dreieckigen Bergen. Ich will joggen gehen und suche nach etwas freiem Land. Dabei komme ich zuerst an etwas verkommenen Wohnwagensiedlungen vorbei. Am Dorfrand weisen mehrere Wegweiser auf eine Kirche hin, bei der man den Gottesdienst besuchen soll. Schliesslich finde ich endlich das freie Feld.

Wüstenebene in Arizona

Nach einer Weile stehe ich das erste Mal vor einem Saguaro-Kaktus in freier Wildbahn, eindrücklich! Auf dem Trampelpfad, dem ich folge, geht es irgendwann nicht mehr weiter. Eine Schranke zeigt an, dass hier Privatgrund beginnt. Mir ist schon mehr aufgefallen, wie viele Schranken und Zäune gibt es hier gibt. Das kontrastiert etwas mit der Grösse und der Weite des Landes.
Frühstück gibt es aus dem Rucksack. Ich sitze vor dem Zimmer und schaue einem Kaninchen zu, das sich von mir nicht gestört fühlt.

Saguaro-Kaktus

Die Dame von gestern Abend fährt mit einem verhältnismässig riesigen Pickup vor. Sie ist vielleicht einssechzig gross und muss fast einen Meter weit heruntersteigen. Dabei ist sie gar nicht so gut zu Fuss unterwegs. Sie inspiziert die Schrotthalde, die sich um einen abgewrackten Wohnwagen am Ende des Motelgeländes gebildet hat. Es ist offensichtlich, dass ihr der Zustand nicht gefällt, und gleichzeitig drückt ihr Gang und ihre Mimik etwas Schicksalsergebenes aus. Wenn es so ist, wie es ist, und man nichts machen kann, dann bleibt es eben wie es ist, ob das einem passt oder nicht. Ich hätte Mühe, die Unordnung auf dem Gelände so zu akzeptieren, aber sie kann das offenbar. Ich kriege Respekt vor der Dame.

Quartzsite, so lese ich später, wird im Winter von sogenannten Sunbirdies aus dem amerikanischen Norden besiedelt. Das sind vorwiegend Rentner, die vor der Kälte flüchten und dann in ihrem Wohnmobil irgendwo in Arizona an der Wärme überwintern. So ein Wohnmobil kann locker zehn Meter lang und eventuell auch noch doppelstöckig sein. Einige dieser Wohnmobile, das sehe ich später auf dem Highway, haben eine Kupplungsvorrichtung für einen PW, der dann auch noch mit nachgezogen wird. Von diesen Gefährten gibt es sehr viele hier. Einige davon sind offenbar wieder auf der Rückreise in den Norden. Ein kleiner Ort wie Quartzsite braucht im Winter also sehr viel Platz für die Sonnenvögelchen aus dem Norden mit ihren riesigen Trucks. Das ist Infrastrukturgelände, das nach der Abreise der Sunbirdies dann einfach so brach liegt und darauf wartet, dass dreiviertel Jahre später die Schwärme wieder ins Winterquartier kommen.

Ewig geradeaus

Ich mache mich auf den Weg. Am Vorabend hatte ich noch getankt und bin danach noch etwa 40 Meilen gefahren. Reifendruck prüfen reicht also. Ein freundlicher Mann an der Tankstelle zeigt mir, wie das in Amerika geht. Und dann geht es ab auf die Traverse. Ich will heute durch das Sonoran Desert National Monument fahren und dann am Abend am Rand des Organ Pipe Cactus National Monument in Ajo sein. Lilo hatte gekalauert: Morn zobe acho in Ajo. Bis zum Sonora-Park sind es gut 130 Meilen, alles geradeaus mit einmal rechts abbiegen. Das könnte langweilig werden.
Nein, langweilig wird es nicht. Bei mir bahnt sich nämlich gerade ein Benzinkrimi an. Irgendwie habe ich nicht richtig gerechnet, und jetzt wird es mit dem Benzin richtig knapp. Wenn alles gut geht, dann sollte mein Tank mit etwa 5 Meilen Spielraum gerade bis zur nächsten angezeigten Raststätte reichen.
Das Benzin reicht auch bis zur Raststätte. Trotzdem mache ich ein langes Gesicht, als ich dort ankomme. Auf dem Restplace gibt es keine Tankstelle. Ich steige ab, ziehe Helm und Handschuhe aus, und habe zunächst einmal ein richtig mulmiges Gefühl.

Donna

Eine etwas untersetzte Frau in meinem Alter sammelt gerade Abfall. Sie lacht mich freundlich an und grüsst ganz amerikanisch: „ Hi, how are you?“ „Hi, thank you, not so good“. „What’s going on?“ „I am empty of gas and I thought, there would be a gas station here“. „Oh, that’s no problem, I have gas, I can give you some of it, just wait“.
Die Dame wuselt davon und verschwindet in der Rastplatzanlage. Kurz darauf taucht sie auf einem dieser Golfplatzfahrzeuge wieder auf, fährt an mir vorbei, und winkt: „Just wait here, I’ll be back soon“. Das passt, denn einerseits habe ich gerade nichts Anderes vor, und andererseits würden mir die Mittel fehlen, um hier zu verschwinden. Ich warte also.

Da kommt sie wieder angebraust und hat einen Kanister dabei. „Here you go!“. Etwa 10 Meilen weiter gibt es eine Tankstelle, erzählt sie. Mir reicht also eine Gallon aus ihrem Kanister, um mit einem sicheren Gefühl weiterfahren zu können. Die Frau heisst Donna. Ich bedanke mich sehr bei ihr. Sie strahlt mich an, umarmt mich zum Abschied und mahnt: „Take care!“
Man muss als aufgeklärter Mensch nicht an Engel mit Flügeln glauben. Engel haben keine Flügel. Sie heissen Donna, sehen aus wie die nette Frau von nebenan und haben einen Benzinkanister dabei. Thank you, Donna!

 

Kurz vor dem Sonorapark gibt es etwas abseits der Strasse eine Erholungszone mit Picknickplatz. Es ist Zeit für das Mittagessen aus dem Rucksack. Während dem Essen lese ich über den Sonorapark, dass man da nur auf der Strasse 238 durch den Park durchfahren kann. Viel mehr gäbe es da nicht. Das klingt nicht besonders interessant.

Picknickplatz

Es ist auch nicht besonders interessant, stelle ich eine gute Stunde später fest. Ich finde hier nichts Sehenswertes. Auf halber Strecke kehre ich um und fahre direkt Richtung Ajo. Das Motel dort ist so wie die meisten Motels. Aber wenn ich vor meinem Zimmer sitze, dann schaue ich direkt in eine wunderschöne Abendstimmung. Darauf stosse ich mit mir an.

Abendstimmung vom Motel aus

Kaktus im Abendlicht

Reiseroute am Freitag, 11. März 2016

Kommentare

  • Karl Bürgi Mittwoch, 13. April 2016 Antworten

    Hallo Martin
    Das habe ich auch schon gedacht und erfahren: Engel haben keine Flügel. Und wenn es „nur“ um eine Gallone Sprit geht. Aber was heisst da nur. Deine Bilder sind fantastisch und die Blogeinträge verführen mich in (d)eine andere Welt. Ich melde mich wieder.
    Babylonische Grüsse und gute Fahrt Karl.

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