Ajo – Tucson

Von Ajo bis zur mexikanischen Grenze sind es nur 40 Meilen. Das merkt man. Wenn ich den Leuten auf der Strasse hier zuhöre, dann höre ich sie meistens spanisch sprechen. Ausserdem sehe ich hier deutlich mehr Sicherheitseinrichtungen als in den Regionen, durch die ich bisher gefahren bin. Bei der Anfahrt gestern bin ich zwischen Gila Bend und Ajo an einem Kontrollposten vorbeigekommen, der alle Fahrzeuge kontrolliert hat, die von Süden – also aus der Richtung von Mexico – hergekommen sind. Heute Morgen gerate ich auf meiner Joggingtour etwas vom Weg ab und laufe schliesslich durch ein Einfamilienhaus-Quartier. Hier stehen viele Häuser zum Verkauf, und die bewohnten Häuser sind von hohen Toren und Zäunen umgeben und werden von Hunden bewacht. Wenn ein Auto an mir vorbeifährt, dann werde ich von den Fahrern freundlich gegrüsst, obwohl ich hier ein Fremder bin. Ob das wohl damit zu tun hat, dass mein Gesicht so wenig Hispanisches hergibt? So richtig wohl ist mir nicht dabei. Bei einem Haus schleicht sich ganz langsam ein Tier weg, als ich daherkomme. Zum ersten Mal sehe ich einen Kojoten in Freiheit. Ich rufe ihm zu: „Hey Willi“, aber er schaut sich nur kurz um und läuft dann weg.
Als ich später gegen Süden weiterfahre sehe ich, dass ich mich in der nördlichen Eingangszone des Dorfes Ajo aufgehalten habe. Das Dorf Ajo hat einen Dorfkern mit einem eindeutig erkennbaren hispanischen Charakter. Da scheint es heute irgendeine Fiesta zu geben. Schade, dass ich das nicht schon gestern Abend bemerkt habe.

Von Ajo aus fahre ich nach Süden zum "Organ Pipe Cactus National Monument". Das klingt für meine helvetischen Ohren unglaublich eindrücklich. Letztlich sind es aber einfach ein paar Quadratkilometer Wüste, in denen es vorwiegend zwei grosse Kaktusarten zu sehen gibt, nämlich die Orgelpfeifen-Kakteen, die dem Monument seinen Namen geben, und die Saguaro-Kakteen. Das ist aber noch nicht alles: Am Eingang des Monuments steht das "Kris Eggle Visitor Center", ein ziemlich grosser, eingeschossiger Flachdachbau, vor dem die US-Fahne weht. Es ist nach Kris Eggle benannt, einem 28-jährigen Park Ranger, der 2002 in einer Schiesserei mit Mitgliedern eines Drogenkartells umgekommen ist.
Von hier aus führt ein ziemlich grober Feldweg zuerst nach Osten und dann in einem Bogen nach Süden rund um den Mount Ajo herum. Nach etwa 20 Meilen endet der Feldweg dann wieder an seinem Ausgangspunkt. Die Motorrad- und Touristenführer finden die Gegend hier sehenswert. Das hat mich bewogen, hier durchzufahren, obwohl die Strasse hier nur aus diesem holperigen Feldweg besteht.

Heute ist mein zweiter Tag in Arizona. Hier wachsen überall diese grossen Saguaro-Kakteen. Zuerst habe ich gar nicht verstanden, warum es für diese Pflanzen ein Schutzgebiet braucht, wenn sie doch überall hier wachsen. Erst bei dem Gerüttel während der Fahrt auf diesem Feldweg ist mir aufgegangen, dass das hier ein National Monument und nicht ein Naturschutzgebiet ist. Ich bin hier nicht in einem Schutzgebiet für Kakteen, sondern in einer Gegend, wo diese Kakteen wachsen, und wo man sie daher zeigen will. Das ist eigentlich ziemlich einfach und logisch. Manchmal muss ich einfach ein bisschen durchgeschüttelt werden, bis ich auch einfache Dinge verstehe.
Tatsächlich bekommt man hier sowohl die Saguaro- als auch die Organ Pipe-Kakteen ausführlich zu sehen. An einigen Stellen sieht es sogar so aus, als ob sich die Kakteen zu Szenerien zusammengefunden hätten, so dass hier ein Märchenwald aus Kakteen entstanden ist. Die hohen Saguaro-Kakteen zeichnen mit ihren starken, geraden Stämmen und den rechtwinklig abgehenden Ästen klare, dominante Strukturen in die Landschaft. Die niedrigeren Organ Pipe Kakteen hingegen sehen mehr wie breite Büsche aus und wirken dadurch eher flächig, weich und unstrukturiert. Wenn man von einer erhöhten Position auf eine Fläche hinunter blickt, kann man die hoch aufragenden Saguaros immer klar erkennen. Die organ pipes hingegen muss man in der Landschaft etwas suchen. Manchmal sieht es sogar so aus, als ob die Saguaros die Wächter sind, welche die grazilen organ pipes beschützen müssen.

Einige dieser Szenen aus dem Kakteen-Märchenwald sind besonders eindrücklich. Da gibt es zum Beispiel einen Saguarokaktus, bei dem mehrere Äste aus dem Hauptstamm heraus und dann quer darüber nach unten gewachsen sind. Etwas weiter oben sind aus dem Kaktusstamm zwei Äste rund nach vorne gewachsen. Wie zwei beschützende Arme beugen sie sich über die unteren Äste und bilden dabei eine Pietà-Skulptur aus einem Saguarokaktus.


Etwas später fahre ich an einer Szenerie vorbei, wo ein Orgelpfeifen-Kaktusbusch direkt unter einem mächtigen Felsen wächst. Dabei ist er so von Saguaro-Kakteen umstellt, als sei er der König in einem Kaktus-Schach, der von Kaktusbauern geschützt wird.

Der Feldweg rund um den Mount Ajo herum ist voller Schlaglöcher und immer wieder mit Fussball-grossen Felsbrocken übersät. Es ist etwas heikel und mühsam, hier durchzufahren. Nachdem ich mich an den Kakteen-Formationen sattgesehen habe finde ich noch eine weitere landschaftliche Attraktion, nämlich eine Art Elmsloch oben in den Felsen des Mount Ajo. Und dann wünsche ich mir bald einmal, dass der Feldweg bald zu Ende gehen möge. Nach einer guten Stunde stehe ich wieder am Ausgangspunkt beim Visitor Center und mache mich auf den Weg zurück nach Norden.

Im Dorf Why zweigt die Strasse ostwärts nach Tucson ab. Vorher muss ich aber noch einen dieser amerikanischen Kontrollposten passieren. Als ich darauf zu fahre beschleicht mich ein etwas flaues Gefühl, etwa so ähnlich wie vor etwa 30 Jahren, als wir auf die DDR-Grenze zugefahren sind. Ich will jetzt einfach nichts falsch machen. Daher bremse ich wie vorgeschrieben schon etwa 300 m vor dem Posten auf 15 Meilen ab, holpere langsam über die ausgelegten Bodenschikanen und komme so vorsichtig beim US-Grenzbeamten an. Der Mann entspricht jedem Klischee: Er trägt eine Polaroid-Sonnenbrille, einen Stetson-Hut, einen grossen Schnurrbart und einen grossen Stern auf der Uniformbrust. Kaugummikauend fragt er mich: „US Citizen?“ „No, Swiss.“ „OK Sir, thank you“, tippt mit dem Finger an seinen Hut wie weiland John Wayne und dann bin ich auch schon abgefertigt. Ich schaue, dass ich weiterkomme, bin aber doch etwas überrascht. Hinter meinem Helm, der Sturmhaube und der Sonnenbrille hat der Beamte hat von meinem Gesicht wirklich nicht viel sehen können. Wie kommt es dann, dass er mich einfach durchwinkt? Vielleicht hat das Motorengeräusch von Olga einfach zu wenig mexikanisch geklungen.

Von der Abzweigung in Why bis nach Tucson führt die Strasse während ca. 200 km fast immer geradeaus. Die Strecke ist also kein Highlight für Motorradfahrer. Kurz vor Tucson bietet sie aber noch zwei Zückerchen an: Etwa 70 km vor Tucson zweigt eine Strasse zum Kitt Peak Observatory ab. Über 15 km und 1000 Höhenmeter führt eine vielversprechende Bergstrecke zu einem Aussichtspunkt, von dem man die ganze Gegend hier überblicken kann. Und noch etwas später, etwa 20 km vor Tucson wird meine Route quer durch den Saguaro National Park nach Tucson führen. Verglichen mit den mehr als 200 km pfeifengerader Landstrasse sind diese beiden kurzen Strecken zwar wirklich nicht mehr als zwei Zückerchen, aber sie sehen beide auf der Karte ganz hübsch aus, und immerhin: Es sind zwei Zückerchen. Das ist doch viel besser als gar nichts.

Vorher mache ich aber noch Mittagspause. Bei einer Tankstelle mitten in der flachen, heissen Wüste kurz vor dem Dorf Sells finde ich einen freie Bistrotisch am Schatten. Im Tankstellenshop kaufe ich etwas Kleines zu essen und stelle mich in der Schlange vor der Kasse an. Der Mann vor mir ist um die dreissig, einen Kopf kleiner als ich, aber sichtlich durchtrainiert. Seine langen, schwarzen Haare hat er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Er trägt ein T-Shirt, Shorts und Flipflops. Mit einem breiten Grinsen dreht er sich zu mir um und sagt: "Ooohhh, I envy you!" Die Freundlichkeit dringt nicht ganz bis zu mir durch. Sein breiter Gürtel passt nicht so recht zu seinem Freizeit-Look, und der Holster, in dem eine grosse Handfeuerwaffe steckt, passt nicht so ganz zu seinem Lachen. Ich glaube zwar nicht, dass ich hier etwas zu befürchten habe, aber mir macht der Mann Angst.
Eine gute Stunde sitze ich während der Siesta an meinem schattigen Bistrotisch. An Lilo schicke ich ein Kalauer-SMS : „Bi hüt morge in Ajo abgfahre, jetz sitzi in Sells und chaufe nüt“. Lilo antwortet prompt: „Frächheit“.

Aussicht vom Kitt Peak Observatory

Die lange, gerade Strecke nach Tucson bietet keine Überraschungen. Wie auch, man würde sie ja schon von weitem sehen. Aber die kurze Strecke zum Kitt Peak Observatory ist eine wunderbare Belohnung für das Ausharren auf der langen Traverse. Die Bergstrecke fährt sich ganz toll, sowohl bergauf als auch bergab. Und oben auf dem Aussichtspunkt hat man wirklich eine 360° Sicht über das ganze Umland hier in Arizona. Da hat der Gott der Motorradfahrer aber einen guten Tag gehabt, als er den Kitt Peak gemacht hat.

Ausblick 2 vom Kitt Peak Observatory

Aussicht 3 vom Kitt Peak Observatory

Auf dem letzten Wegstück nach Tucson gerate ich dann zum zweiten Mal in eine Kontrolle der US-Grenzbehörde. Wieder fahre ich ganz langsam auf den Kontrollposten zu. Wieder fragt mich der Beamte „US Citizen?“ Und ich antworte wie vorher: „No, Swiss“. Dieser Beamte hier will es aber genauer wissen: „Do you have your passport with you?“ Natürlich habe ich meinen Pass dabei. Ich deute auf den Koffer hinter mir und sage: „Sure, in the topbox behind there“. Das versteht der Mann aber nicht richtig: „You don’t have your passport with you?“ Das will ich gleich richtigstellen: „Sure I have, ...“ und weiter komme ich gar nicht. Energisch weist mich der Beamte auf den Untersuchungsplatz. Der Beamte dort scheint etwas lockerer und freundlicher zu sein. Er macht mir Komplimente für meine Olga und will alle möglichen technischen Details wissen. Derweil ziehe ich Sonnenbrille, Helm und Sturmhaube aus und hole aus dem Topcase meinen Pass hervor. Der Beamte wirft kurz einen Blick darauf und schon ist die ganze Sache gegessen. Eigentlich hätte ich von selber drauf können kommen, dass ich meinen Pass immer in der Jackentasche mit mir führe, mindestens solange ich in diesem Teil von Arizona bin. Das ist ja kein Aufwand, man muss es einfach wissen.

Der Saguaro Park kurz vor Tucson scheint ein Naherholungsgebiet der Grossstadt zu sein. Hier gibt es viele Picknick- und Aussichtsplätze und viele kleine, kurvenreiche Strassen mit Mischverkehr. Gerade rechtzeitig komme ich in meinem Motel in Tucson an, um in der Abendsonne noch etwas die Beine zu strecken. In Tucson bleibe ich zwei Nächte, weil es hier im Süden von Arizona offenbar noch ein paar Dinge zu sehen gibt. Danach führt mich mein Weg dann nach Nordosten in die Richtung von New Mexico.

Reiseroute am Samstag, 12. März

Kommentare

  • Karl Bürgi Mittwoch, 13. April 2016 Antworten

    Hallo Martin
    Seit umschlungen, diese Worte sind in mir aufgetaucht, als ich eines deiner Kakteen-Bilder gesehen und bestaunt habe. Beethoven mit seiner 9. und Schiller mit der Ode „An die Freude“ lassen (dich) grüssen. Alles was ich auf deinen Bildern und Texten sehen kann ist wirklich Freude. Ich glaube, ich reise mit dir auf der Olga mit…

    Liebe Grüsse Karl

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