Show Low – Springerville

Heute steht eine Rundfahrt auf dem Plan, die mich von Show Low im Uhrzeigersinn etwa 350 Meilen herumführt, bis ich etwa 50 Meilen östlich von hier in Springerville lande. Damit hätte ich die attraktiven Strecken der Region hier befahren und wäre morgen früh am richtigen Ausgangspunkt für eine weitere spannende Rundfahrt, die mich Richtung Süden nach New Mexico führen würde.

 

Ursprünglich geplante Route

 

Hier in Show Low ist es heute Morgen sehr kühl. Ich bin nicht sonderlich darauf erpicht, in dieser Kälte hier durch die Berge zu fahren und womöglich noch irgendwo auf Frost zu stossen. Darum nehme ich es etwas gemächlich und lasse mir Zeit mit Aufstehen, Packen und Losfahren.
Gegen zehn Uhr bin ich schliesslich mit Packen und Laden fertig. Der Motelier kommt vorbei um sich zu verabschieden. Er möchte, dass ich ihn auf dem Buchungsportal gut bewerte. Das mache ich gerne. Er bekommt zweifellos ein sehr gutes Rating von mir, denn er bietet wirklich einen tadellosen Service. Der Motelier lebt seit 22 Jahren hier in Show Low. Ich stelle mir das schwierig vor, sich als indisch-stämmiger Immigrant in dieser abgeschiedenen Gegend Arizonas hier eine Existenz als Motelier aufzubauen und in Konkurrenz zu den vielen anderen ansässigen Anbietern zu treten. Er bestätigt, dass er viel und hart gearbeitet habe. Seine einzige Tochter studiert zurzeit an der Ostküste Informatik und ist gerade daran, ihr Studium mit dem Master abzuschliessen. Eigentlich hätte seine Tochter gerne am MIT studiert, am Massachusetts Institute of Technology, der Eliteakademie für technische Berufe schlechthin, die so renommierte Absolventen wie Kofi Annan, Mario Draghi oder Peter Senge hervorgebracht hat. Aber das hätte ihn fast 60'000 Dollar pro Jahr gekostet, und das sei einfach nicht drin gewesen. Er zahlt aber immer noch jedes Jahr 36'000 Dollar für das Studium seiner Tochter, und er muss sich dafür anstrengen, dass auch tatsächlich genügend Geld in dem Masse hereinkommt, damit er seiner Tochter das Studium finanzieren kann. Der aktuelle Geschäftsgang macht ihm etwas Sorgen. Es gibt nur wenige Gäste hier, und er muss gut darauf achten, dass er seinen Verpflichtungen nachkommen kann. In einem Wahljahr geht der Tourismus in den USA offenbar immer etwas zurück. Damit könnte er noch leben. Wenn er aber hört, was Donald Trump auf seiner Wahlkampftournee jeweils zum Besten gibt, dann bereitet ihm das doch einige Bauchschmerzen. Er ist ein zurückhaltender, sorgfältiger Mann, der das Richtige tun und nichts Falsches sagen will. Deshalb schaut er mich fragend an. Ich kann ihn in seiner Haltung nur bestätigen. Mir wird auch nicht warm ums Herz wird, wenn ich Donald Trump reden höre. Wir sind uns darin einig, dass wir beide uns um die Welt etwas Sorgen machen, wissen aber beide auch, dass uns das nicht gut tut, und dass es die Welt auch nicht retten wird. Noch in einem weiteren Punkt sind wir uns einig: Wir tun sicher das Richtige, wenn wir in die Zukunft unserer Kinder investieren. Seine Tochter wird zwar an der Ostküste bleiben. Sie wird das Motel, das ihre Eltern über 20 Jahre lang aufgebaut haben, mit Sicherheit nicht übernehmen. Das klingt ein bisschen bitter, wenn er das so sagt, aber es ist ganz offensichtlich, dass er das nicht anders haben will. Schliesslich ist es für uns beide Zeit, unseren Tag wie geplant in Angriff zu nehmen und wir verabschieden uns voneinander.

Es dauert noch etwa bis halbzwölf, bis ich mit Tanken, Kontrollieren und Einkaufen fertig und endlich unterwegs bin. Die Strasse von Show Low nach Payson führt über einsames Land. Es ist nun nicht gerade so, dass die Landschaft hier einen völlig in Ruhe lässt, aber so richtig atemlos macht sie mich auch nicht. Zwölf Uhr ist schon lange vorbei, es ist nach wie vor wirklich ziemlich frisch und ich bekomme langsam Hunger. Beim nächsten Restaurant, das nicht zu einer Fastfoodkette gehört, kehre ich ein und bestelle etwas Warmes zu Essen. Ich bin hier i „June’s Café“ in einem sehr lang langgezogenen Strassendorf namens Heber-Overgaard. Hier bedient eine kleine, schlanke und ziemlich zackige Frau in meinem Alter. Am Tisch nebenan betreut sie äusserst liebevoll einen Rentner-Stammtisch und umsorgt die schon sehr betagten Gäste aufmerksam. Die Frau kennt ihre Gäste bestimmt schon lange, denn sie kennt alle Spezialwünsche, auch die, an welche sich ihre Gäste schon lange nicht mehr erinnern.

June's Café

 

Nach dem Essen bleibe ich gerne noch eine Weile an der Wärme sitzen, aber schliesslich hilft alles nichts: Ich muss weiter. Wie ich auf dem Parkplatz stehe und mich für die Weiterfahrt bereitmache kommt ein Paar in meinem Alter auf mich zu und verwickelt mich in eine liebenswürdige Diskussion über Motorräder und Touren. Sie heissen Barb und Kelly Reppert und sind die Besitzer von June’s Café. Barb verabschiedet sich bald einmal und lässt uns Männer allein weiter palavern. Kelly hat viele Jahre als Touristenführer in den grossen Städten von Arizona gearbeitet und weiss über alles hier Bescheid. Er erzählt, wie er irgendeinmal gemerkt hat, dass ihm die Lust abhanden gekommen war, die Touristen hier herumzuführen. Da ist er mit seiner Familie hierher aufs Land gezogen und hat das Café übernommen. Er fragt nach meinen Plänen. Meine Tour von heute findet er schon einmal sehr gut und meint: „Oh, you will love it!“ Aber ob der Tour, die ich für morgen geplant habe, da kommt er richtig ins Schwärmen. Das muss offenbar das Motorrad-Eldorado der Region sein. Er wünscht sich, dass er mit mir kommen könnte. Das würde auch nicht schlecht passen, denn morgen ist Mittwoch, da ist das Café geschlossen und er hätte theoretisch Zeit. Aber morgen haben Barb und er einen Termin beim Onkologen. Bei Barb ist vor sechs Jahren Brustkrebs diagnostiziert worden. Ihr Zustand war so schlimm, dass er befürchtet hatte, dass sie das nicht überleben würde. Bei dem Arzttermin morgen werden sie die neusten Untersuchungsergebnisse erhalten. Wenn nach fünf Jahren immer noch alles in Ordnung ist gilt Barb als geheilt. Kelly ist mindestens ein Kopf grösser als ich und wirkt sehr kräftig. Aber bei dieser Geschichte muss er ein wenig schlucken. Jedenfalls kann er morgen unmöglich mit mir auf diese Tour kommen, das isst uns beiden klar. Kelly und ich wir sind zwar nicht gleich gross und nicht gleich stark, aber wir haben trotzdem vieles gemeinsam. Unter anderem sind wir im selben Jahr geboren und sind beide auf dem Land aufgewachsen. Wir unterscheiden uns in einigen Dingen aber auch sehr deutlich. Kelly ist ein typischer Mann aus Arizona. Er hält gar nichts von der Regierung, wohlverstanden von gar keiner Regierung. Aber wenn er sich entscheiden müsste, dann würde er am ehesten eine Regierung mit Donald Trump wählen. Soweit wird es aber nicht kommen, weil er ja nicht wählt. Seiner Meinung nach ist eine Gesellschaft völlig ausreichend organisiert, wenn jedermann zu Hause ein paar Gewehre, in der Tasche eine Handfeuerwaffe und darüber hinaus genügend Munition für beides hätte. Das sehe ich natürlich gar nicht so, und wenn man mich fragt, dann sehe ich das natürlich viel differenzierter. Kelly erklärt sich kompromisslos bereit zu rücksichtsloser Gewalt für den Fall, dass er von Gewalt bedroht würde. Ich dagegen habe seit meiner Kindheit nie mehr gekämpft oder mich mit jemandem geprügelt, und das mit gutem Grund: Ich habe bei einer Rauferei ja auch meistens die Hucke vollgekriegt und weiss genau, dass ich in einer Auseinandersetzung weitaus grössere Chancen habe, wenn sie nicht mit Gewalt geführt wird. So gesehen stelle ich für Kelly wahrscheinlich eine Reizfigur dar, und das scheint ihn zu provozieren. Trotzdem sagt mir mein Gefühl, dass Kelly ein guter Typ ist, der mit Sicherheit den grössten Teil seines Herzens am rechten Fleck hat. Schliesslich kommt dann zwischen Brummeln und Schmunzeln heraus, dass es ihm eigentlich ganz ähnlich wie mir geht. Auch er hat sich seit seinen Jugendtagen nie mehr geprügelt, und auch er geht einer Rauferei lieber aus dem Weg. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen uns beiden: Als Kelly ein kleiner Junge war, da hat ihm sein Vater sein erstes Gewehr geschenkt, hat ihm gezeigt, wie man damit umgeht und hat ihn damit jagen gelehrt. Kelly besitzt ein Arsenal von etwa 20 Gewehren und zwei Dutzend Handfeuerwaffen und schwört auf die bewaffnete Freiheit. Damit steht er in einer traditionsreichen, weit zurückreichenden Ahnenreihe, die alle mit der Waffe in der Hand aufgewachsen sind. Bei mir ist das aber ganz anders. Mein Vater hat als kleiner Bub den zweiten Weltkrieg in Deutschland erlebt. Er war gerade einmal 16 Tage zu jung, um als Flakhelfer eingezogen zu werden. Während der Kriegszeit und erst recht als Gymnasiast im Nachkriegsdeutschland hat mein Vater eine ganz andere Beziehung zu Waffen entwickelt und diese auch an uns Kinder weitergegeben. Ich sehe noch sein Gesicht, wenn er mitbekommen hat, dass wir irgendwoher wieder einmal eine Wasserpistole geschenkt bekommen hatten.

Kelly gibt mir noch einige wichtige Hinweise für meine weiteren Pläne. Er empfiehlt mir, den Rundkurs morgen im Gegenuhrzeigersinn zu fahren. Der westliche Teil der Strecke führt über mehr als 3'000 Meter Höhe. Jetzt im Frühjahr ist es klüger, da am Morgen durchzufahren. Dabei soll ich mich vor vereisten Stellen in Acht nehmen. Würde ich aber erst am Nachmittag oder gegen Abend da durchfahren, dann wäre ich zu müde für die anspruchsvolle Strecke, das schräge Nachmittags- oder Abendlicht würde zu schaffen machen, ich müsste mit Wapiti-Hirschen auf der Fahrbahn rechnen und zusammen mit der Ermüdung und den schwierigen Lichtverhältnissen wäre das sehr gefährlich.

Kelly nennt die Tiere übrigens nicht Wapiti, sondern "Elk". Ich bin ganz erstaunt, als ich das höre und frage, ob es denn hier in Arizona tatsächlich "Elks" gebe. Kelly ist ob der Frage ganz entrüstet: Natürlich gibt es hier Elks. Leider merken wir dabei nicht, dass wir beide uns missverstehen. In Arizona nennt man die Wapiti-Hirsche eben Elk. Ich aber glaube, mit Elk seien Elche gemeint, und bin der Meinung, dass diese doch erst viel weiter oben im Norden vorkommen. Das ist auch so. Elche kommen tatsächlich erst im hohen Norden vor. Sie werden hier aber nicht „Elk“ sondern "Moose" genannt. Es gibt in Arizona, im Süden der USA Elks, also Wapiti-Hirsche, und im Norden von Kanada und in Alaska Mooses, also Elche. Das finde ich aber erst zwei Monate später heraus. Es ist ausgerechnet ein Barkeeper, der auf dem Weg nach Alaska ist, der mir dieses Missverständnis erklärt.

Als Kelly ich mich schliesslich von Kelly verabschiede haben wir etwa zwei Stunden miteinander verbracht. Zum Abschied spricht er noch eine grosszügige Einladung aus: Wenn ich irgendwann mit meiner Frau in der Gegend sein sollte, dann solle ich mich unbedingt melden. Er hätte gleich hier oben einen Camper fest installiert und komplett eingerichtet. Den können wir jederzeit beziehen und während Wochen da kostenlos wohnen. Ich bedanke mich sehr, wünsche ihm alles Gute für den morgigen Tag und bitte ihn, auch Barb meine besten Wünsche auszurichten.

Aussicht auf der Strecke nach Payson

Teich auf der Strecke nach Payson

Landschaft auf der Strecke nach Payson

Etwa eine Stunde dauert die Fahrt von Heber-Overgaard nach Payson. Sie ist zwar nicht so spektakulär wie die Fahrt durch den Salt River Canyon gestern, aber auch ganz schön. Mittlerweile ist es 15.30 Uhr, zu spät für die Strecke, die ich mir für heute vorgenommen habe. Weil ich das Motel in Springerville aber schon gebucht habe werde ich einfach die Schlaufe über den Petrified Forest Park weglassen und auf dem direktem Weg nach Springerville fahren. Das sind aber immer noch dreieinhalb Stunden Fahrzeit.

In Payson biege ich nach Norden ab und will gerade losziehen, als ich sehe, dass es hier einen Walmart gibt. Da fahre ich jetzt hin. In den letzten Tagen habe ich nämlich nachgeforscht, ob ich hier eine Prepaid-Karte für mein iPad bekommen kann, und habe gesehen, dass nur Walmart ein Angebot für mich hat. „Bring your own iPad“, heisst das Programm und ist speziell für Ausländer in den USA gemacht. Damit man dieses Angebot nutzen kann braucht es kein US-Mobile-Abonnement, keinen US-Wohnsitz und auch keine US-Kreditkarte. Man geht einfach zu Walmart, kauft dort eine SIMcard und ein Datenpaket, installiert beides und ist sofort betriebsbereit. Es kommt eben immer wieder einmal vor, dass ich unterwegs bin und mich auf der Karte neu orientieren muss, oder dass ich ein anderes Hotel, ein Restaurant oder ein spezielles Geschäft oder sonst etwas suche wie zum Beispiel in Quartzsite. Würde ich dazu mein Handy mit einem Swisscom-Abonnement verwenden, dann wäre das ziemlich teuer. Swisscom verlangt in den USA und in Canada CHF 70 für ein Datenpaket von einem Gigabyte. Da ist das Angebot von Walmart ist schon sehr viel günstiger. Ich drehe in Payson also noch einmal um, gehe zu Walmart und kaufe dort eine Prepaid-SIMcard für mein iPad. Leider ist die Installation dann doch nicht so einfach, wie es die Werbung versprochen hat. Zwei Stunden dauert es bis mein iPad endlich im Netz ist.

Jetzt bin ich also stolzer Besitzer einer funktionierenden Datenkarte in meinem iPad. Leider ist es mittlerweile 17.30 Uhr geworden. Die Fahrt nach Springerville dauert auf dem direkten Weg zurück über Show Low noch zweieinhalb Stunden, und schon in einer Stunde wird es dunkel und kalt. Ich beisse in einen sehr sauren Apfel und fahre auf derselben Strecke zurück, auf der ich heute schon hierher gefahren bin. Etwa 20 Meilen vor Show Low wird es dann dunkel und so kalt, dass ich anhalten und die ganze warme Ausrüstung anziehen muss. In Show Low halte ich noch einmal an, weil ich auch noch tanken muss. Der letzte Teil meiner Fahrt heute dauert 45 lange, dunkle und sehr kalte Minuten, bis ich schliesslich in Springerville ankomme. Motorradfahren im Dunkeln und bei Kälte ist eine spezielle Disziplin. Die muss man nicht mögen.

In Springerville angekommen habe ich nur noch zwei Wünsche: Ich möchte möglichst schnell etwas essen und dann möglichst schnell ins Bett. Der Herr vom Motel hier erklärt mir ausführlich, wo ich hier überall ein gutes Restaurant finde. Der Schlaumeier erwähnt aber mit keiner Silbe, dass die Restaurants hier in Springerville alle um 21.00 Uhr schliessen. Ich bin zu spät dran für ein vernünftiges warmes Abendessen und stehe vor verschlossenen Türen. Damit ich nicht auch noch hungrig zu Bett gehen muss füge ich mich dem unvermeidlich Amerikanischen: Ich lande bei McDonalds, weil das das einzige Lokal ist, welches um diese Zeit noch eine warme Mahlzeit anbietet. Ich bin zwar müde und etwas klamm, aber ich will mich gar nicht beschweren, denn immerhin habe ich diese dreistündige heikle Fahrt heil und ohne Zwischenfall überstanden.

Reiseroute am Dienstag, 15. März 2016

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