Springerville

Das Motel hier in Springerville habe ich gleich für zwei Nächte gebucht. Ursprünglich hatte ich nämlich geplant, von hier aus zuerst die tolle Rundfahrt zu machn, dann wieder hierher nach Springerville zurückzukommen und erst am nächsten Tag weiter nach New Mexico fahren. Die schwierige Fahrt bei Dunkelheit und Kälte gestern Abend sitzt mir aber noch in den Knochen. Kelly Reppert hat gemeint, ich brauche für die Rundfahrt etwa zehn Stunden. Das ist viel zu viel für eine Tagesetappe. Darum mache ich heute in Springerville Rast. Ich schlafe aus, lese, arbeite am Macbook, wasche das Motorrad und schaue mich im Dorf um.

White mountain Motel ind Springerville

Abgewrackte Liegenschaft

Das Motel hier ist schmutzig und unfreundlich. Im Zimmer gibt es keine Ablageflächen, keine Haken und keine Garderobe. Der Hotelier ist ein unsympathisches Schlitzohr. Er leistet wirklich nur gerade das Nötigste. Dabei tut er aber immer so unglaublich gastfreundlich. Was soll’s? Ich brauche eine Unterkunft für meinen Pausentag, und dafür reicht das hier.

Das Dorf Springerville wirkt auf mich etwas heruntergewirtschaft. Einige der Liegenschaften an der Hauptstrasse sind zum Verkauf ausgeschrieben. Ehrlich gesagt sehen die meisten dieser Häuser auch so aus, als würden sie sich für nichts Anderes als für den Verkauf eignen.

Aber die Leute hier in Springerville sind nett. Es gibt hier einen ähnlichen Drugstore wie in Show Low. Weil ich genügend Zeit habe schaue mich da um. Nicht lange, da werde ich von einer Dame sehr freundlich und gleichzeitig ganz bestimmt angesprochen. Ob ich finde, was ich brauche, möchte sie wissen. Grossgewachsen, hager, mit langem, zusammengebundenem Haar erinnert sie mich an Calamity Jane. Ihr freundliches aber gleichzeitig resolutes Gesicht, lässt keine Zweifel darüber offen, wer hier das Sagen hat. Bei mir ist alles in Ordnung. Ich brauche ja nichts, da habe ich auch keine Probleme mit dem Finden. In diesem Drugstore gibt es wirklich alles, was man zum Leben auf dem Dorf so braucht: Lernhefte und Sticker für Kinder, Socken, Mützen, Handschuhe, Werkzeuge, Gewehre und Messer. Etwas überrascht bleibe ich unter einem Spalier von Fischerruten stehen. Auf einer Länge von etwa zehn Metern sind hier links und rechts Fischerruten dicht an dicht zu einem Spalier aufgereiht. Verwundert schaue ich nach oben zur Spalierspitze. Die Überraschung im Gesicht und den Mund etwas zu weit offen, so sieht mich Calamity Jane setzt ein wissendes Lächeln auf. Offenbar weiss sie, wie grosse Jungs aussehen, wenn sie sich wieder einmal neue Spielsachen anschauen.

Hauptstrasse von Springerville

Pferede auf der Weide in Springerville

Springerville ist wie Show Low ein Strassendorf. Zwischen den Häusern hindurch sieht man gleich ins weite, gelbe Grasland hinaus. Weit hinten bei den Bergen steigen Rauchwolken zum Himmel. Überall im Grasland weiden Pferde. Das alles erinnert mich sehr an die klassischen Western-Klischees.

Madonna of the trail

Inschrift Madonna of the Trail

Inschrift zu den Trail-Statuen

In der Mitte des Dorfes steht eine Statue, die der „Madonna des Trails“ gewidmet ist. Wenn ich die dazu gehörende Inschrift richtig verstanden habe, dann ist die Statue all den Frauen gewidmet, die mit ihren Familien nach Westen gezogen sind und sich dabei gegen allerhand Gefahren verteidigen mussten, so zum Beispiel gegen die Indianer, wenn sie in deren Jagdgebiete kamen.
Das weckt in mir zwiespältige Gefühle. Ich würde mich schliesslich auch wehren, wenn man mir meinen Lebensraum wegnehmen würde. Gestern habe ich mit Kelly Reppert kurz darüber gesprochen. Als Nachfahre der Siedler vertritt er natürlich deren Haltung. Für einen kurzen Augenblick habe ich die Kontrolle verloren und mich dazu kritisch geäussert. Aber ich habe sofort gemerkt, dass ich damit nur den unhöflichen und unklugen Klugscheisser gegeben habe. Zwar habe ich mich sofort bei Kelly entschuldigt. Der hat auch ganz cool reagiert: „Never mind“. Aber das steckt mir noch in den Knochen. Die Statue hier wirkt auf mich sehr zwiespältig. Aber für die Bevölkerung hier scheint sie eine grosse Bedeutung zu haben..

Abendessen gibt es heute etwas früher als gestern. Schlieslich will ich nicht wieder bei McDonalds landen. Der Kellner im Restaurant ist noch keine zwanzig. Noch bevor ich mich hinsetze fragt er mich, was ich trinken möchte. Ich möchte ein Glas Rotwein. Das bringt den jungen Mann ins Stottern und er fragt etwas unsicher nach: „Oh, is this a Cabernet-Sauvignon?“ „For example.“ „Ok, I will see“. Das Glas mit dem Rotwein – wie auch später das zweite Glas – darf der junge Kellner aber nicht bringen. Das übernimmt die Chefin selber.

Zurück im Motel ist es Zeit für die Planung der nächsten Tage. Die fällt mir jetzt auch ganz leicht. Morgen werde ich die erste Hälfte der geplanten Rundstrecke  nach Süden fahren. Meine Unterkunft wird ein paar Meilen abseits der Strecke in Silver City, New Mexico liegen. Übermorgen werde ich wieder zurück nach Norden fahren. Kurz vor Springerville werde ich dann nach Osten abbiegen und die weite Ebene bis nach Albuquerque durchqueren.

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