Silver City – Albuquerque

Meine Übernachtung in Silver City war eigentlich nur eine Notlösung. Kelly Reppert hatte geschätzt, dass ich für den ganzen geplanten Rundkurs von Springerville aus etwa zehn Fahrstunden brauchen würde. Im Moment schrecke ich vor zu langen Etappen etwas zurück. Die Fahrt bei Dunkelheit und Kälte von vor ein paar Tagen sitzt mir noch in den Knochen. Darum fahre ich den ursprünglich geplanten Rundkurs nicht in einem Tag, sondern in zwei Tagesetappen. Dazu brauche ich aber ungefähr in der Mitte des Rundkurses eine Übernachtungsmöglichkeit. Silver City liegt zwar etwas abseits der geplanten Strecke, ist aber der einzige Ort in der Region, wo man übernachten kann. Das bedeutet für mich, dass ich die 45 Meilen, die ich gestern Abend extra nach Silver City gefahren bin, heute Morgen wieder zurückfahre. Das ist weiter nicht schlimm. Die Strecke ist auf dem Rückweg noch schöner als bei der Anfahrt. Ausserdem ist es Morgen, da sind die Geister zusammen mit der guten Laune noch wacher als sie es am Vorabend waren. Wieder wird vor Wapitis gewarnt. Und tatsächlich stehen da zwei junge Tiere am Strassenrand und warten, bis der Weg frei ist. Erst im letzten Augenblick merke ich, dass das lebendige Tiere sind und nicht irgendwelche Skulpturen, wie es sie hier manchmal gibt. Nur gut, dass die Wapitis wie brave Fussgänger am Strassenrand warten, bis ich vorbei bin.
Nach einer Weile stehe ich wieder an der Weggabelung, wo ich gestern Richtung Silver City abgebogen bin. Jetzt fahre ich auf der geplanten Route zurück nach Norden, einfach ein paar Meilen weiter östlich als die Strecke auf dem Hinweg gestern. Die Gegend hier ist ganz anders, so wie sich ja auch die Landschaft in New Mexico schon gestern anders gezeigt hat. Die Strasse führt nie mehr so weit in die Höhe wie gestern. Die Landschaft ist auch kaum bewaldet und weniger bergig, sondern immer irgendwie prärieartig und geprägt von diesem graugelben Gras. Aber die Strassenführung wird dafür je länger desto spannender. Die Strecke wird zunehmend zu einer richtigen Berg- und Talbahn, mit richtig steilen Abwärtsstrecken und jähen Steigungen, mit unberechenbaren Kurven in unerwarteten Augenblicken. Da kann die gute alte Achterbahn aber einpacken, denn so geht das etwa eine gute Stunde lang Richtung Norden, und es hebt die gute Laune noch ganz gewaltig.

Tuine der Minenbahn in Mogollon

Eingang von Mogollon

Haus in Mogollon

Nachdem sich die Strecke wieder etwas beruhigt hat - und ich mich auch - halte ich bei einem Strassenschild an. Da heisst es, dass man hier nach Osten abbiegen und nach neun Meilen die ehemalige Bergarbeiterstadt Mogollon erreicht. Mogollon ist heute nur noch eine Geisterstadt für Touristen. Warum auch nicht? Ich habe Zeit, biege ab und fahre nach Mogollon.
Um es kurz zu machen: Es ist ein Reinfall. Es sind nicht neun, sondern zehn Meilen bis Mogollon. Das wäre weiter nicht schlimm, wäre da nach neun Meilen nicht die Strasse zur Geisterstadt weggeschwemmt. Die letzte Meile bis zur Geisterstadt muss ich zu Fuss gehen. Olga muss solange auf mich warten. Endlich in Mogollon angekommen frage ich mich, was genau es denn hier zu sehen geben soll. Hier gibt es zwar die vergammelten, verbogenen Reste einer kleinen Minenbahn, einen verrammelten kleinen Mineneingang sowie drei, vier Häuser. Die sind aber für Touristen wieder schick gemacht worden und sehen kein bisschen nach Geisterstadt aus. Ausserdem scheinen die paar wenigen Häuser in Privatbesitz zu sein, denn auch sie sind verrammelt und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Es gibt also nicht einmal ein Geisterhaus in der Geisterstadt. Genau genommen gibt es nicht einmal Geister hier in der Geisterstadt. Die Saison in Mogollon hat noch gar nicht begonnen. Das hätte man ruhig auf die Touristentafel hinschreiben dürfen. Ziemlich enttäuscht mache ich mich wieder auf den Rückweg. Olga hat brav auf mich gewartet. Wenigstens auf Olga kann ich mich verlassen.

Zum Mittagessen halte ich in einem kleinen Dorf namens Reserve an. Da gibt es ein Restaurant, das von einer jungen, resoluten Frau geführt wird. Ich bestelle Carne Avada, eine Art Gulasch an Béchamel mit Currypaste, lecker!
Nach einer Weile steht ein paar Tische weiter eine Gruppe von Rentnern auf und verabschiedet sich. Einer der älteren Herren, mit Gehstock, Hemd und Hosenträgern, bleibt an meinem Tisch stehen. "Is there a little wind today when you're riding your bike?" fragt er mich. Es dauert einen Moment bis ich merke, was er meint. "Oh, yes, somtimes, but normally it is only a real small wind", gebe ich zurück. Er grinst über das ganze wettergegerbte Gesicht, zwinkert hinter seiner dicken Brille und macht mit Daumen und Zeigefinger das Zeichen für klein: "Un Pochito, no?" So ein Schlitzohr! Der hat es früher mal mit Sicherheit so richtig krachen lassen.

Nach meinem Mittagessen in Reserve beginnt der Tag dann vor sich hinzudümpeln. Je länger je mehr bekomme ich den Eindruck, als ob in dieser Gegend hier zwar alles irgendwie recht, aber im Grunde ist doch nichts Richtiges los wäre. Nach etwa zwei Stunden Fahrt bin kurz davor, so ein kleines bisschen grantig zu werden. Gerade noch rechtzeitig fällt mir wieder ein, dass ich ja am Vormittag schon eine tolle Berg- und Talbahn gefahren bin. Da muss über mich selber etwas schmunzeln. Meine Laune hat eigentlich gar nichts mit der Strecke hier zu tun. Mein Körper hat einfach zu wenig Zucker oder zu wenig Flüssigkeit, das ist alles. Da kann sich die Landschaft Mühe geben wie sie will. Ich muss nur kurz anhalten, absteigen, etwas trinken und etwas Obst essen. Das ist ja auch nicht weiter schwer. Es kommt einfach manchmal vor, dass ich gerne etwas früher im Quartier wäre, dass ich vergesse, was ich an Zückerchen den Tag durch schon bekommen habe, oder dass mich plötzlich die Furcht packt, dass das Benzin nicht reichen könne. Wenn ich dann auch noch eine kleine Mangelerscheinung habe, dann werde ich zuerst etwas grantig und muss dann immer mehr gähnen. Irgendeinmal merke ich dann, was es geschlagen hat.
Diese Furcht, dass das Benzin nicht reichen könne, ist eine alte Geschichte. Vor vielen Jahren waren wir zu zweit mit den Motorrädern in Frankreich unterwegs und haben mitten in den Bergen einfach keine Tankstelle gefunden. Schliesslich hat ein Autofahrer für uns ein paar PET-Flaschen mit Benzin organisiert. Aber jetzt ist es ja fast zehn Jahre später und ich bin hier in Amerika. Hier gibt es einfach immer irgendwo eine Tankstelle, auch wenn das für mich - gerade wenn ich wieder einmal zum ängstlichen Schweizer mutiert bin - nur schwer vorstellbar ist.

Drei Tonnen aus Fels

Ich halte also an, mache Pause, trinke genügend Wasser und esse brav meinen Apfel. Und siehe da, schon gibt sich die Strecke versöhnlich und spendiert mir am späteren Nachmittag doch noch ein paar Zückerchen.
Zuerst stehen da plötzlich drei Felsen wie überdimensionierte Tonnen mitten in der Landschaft.

Unendlich weite Prärie

Dann wandelt sich die Landschaft und ich fahre durch eine unendlich weite Graslandebene. Vielleicht gibt es da und dort eine Sumpfkuhle, aber sonst sehe ich hier einfach nur ein nicht enden wollendes flaches Land mit graugelbem Gras. Unvorstellbar, dass solche unendlichen Weiten früher zu Fuss, mit dem Planwagen oder zu Pferd durchquert wurden. Ich halte an und schaue mir das eine Weile an. Als ich mich dann umdrehe und zurückgehe, sehe ich Olga für einen kurzen Moment mit ganz anderen Augen. Sie steht da wie die technisierte, moderne Version eines Reitpferdes. Und das ist sie ja auch. Olga ist eigentlich der Mustang von heute, einfach aus Metall und mit Motor. Aber ich rufe sie nicht und tätschle sie auch nicht. Das hier ist ein Motorrad, kein Pferd.

Die Gegend wird wieder etwas felsiger und zeigt immer wieder spannende Felsformationen.

Felsformation 1

Schwarze Verwerfungen

Felsformation 2

Felsformation 3

Gegen Abend biege ich ich auf de Highway nach Albuquerque ein und fahre noch etwa eine Stunde bis dahin. Dabei ziehen immer wieder links und rechts rötliche Steinskulpturen an mir vorbei. Offenbar ist dieser Teil hier von New Mexico voll davon. Mit diesen Eindrücken, den rötliche Felsen in der roten Abendsonne, komme ich in Albuquerque, der Hauptstadt von New Mexico an.

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