Santa Fé – Durango

Die letzten Tage habe ich in Santa Fe Station gemacht. Jetzt ist mein kleiner Reisehaushalt wieder à jour. Auch mein Reiseblog ist endlich richtig aufgesetzt. Nichts hindert mich, wieder weiterzuziehen.
Santa Fe liegt am Südostende der Rocky Mountains. 100 km weiter östlich beginnt die grosse Ebene der USA. Da will ich bestimmt nicht hin. Stattdessen werde ich einem weiten Bogen in Richtung Nordwesten ins südliche Colorado fahren. Meine Route wird mich heute durch Orte wie Pojoaque, Peñasco, Ranchos de Taos und Los Ojos führen. So heissen die Orte hier in New Mexico nun einmal. Für heute Abend habe ich eine Unterkunft in Durango gebucht.

Eigentlich ist es noch ein bisschen früh, um schon so weit nach Norden zu fahren. Aber ich möchte wissen, wie es da um die Temperaturen und die Strassenverhältnisse steht. Ausserdem ist Colorado der erste Bundesstaat, der Cannabis als Genussmittel legalisiert hat. Ich habe ja kaum Ahnung davon, aber so einen Hanfladen möchte ich unbedingt einmal sehen.
Die Fahrt heute beginnt genau so, wie eine richtig spannende Motorradtour eben beginnen sollte. Weil ich genügend Zeit habe leiste ich mir da einen Abstecher und dort einen kurzen Zwischenhalt, so wie es gerade passt. Hier gibt es überall diese imposanten Felsformationen aus rotem Gestein. Die verleihen der Landschaft etwas Majestätisches und gleichzeitig strahlt der rote Farbton eine angenehme Wärme aus.

Nachdem ich eine Weile so ganz gemütlich unterwegs bin, bekomme ich es mit einem altbekannten Thema zu tun. Die Frage nach Gleichgewicht von zwei Balancen taucht nämlich fast auf jeder meiner Motorradreisen auf. Die sind zwar etwas schwierig zu erklären. Aber ich versuche es einmal.
Die eine Balance betrifft das Verhältnis zwischen Fahren und Anhalten. Fahren heisst, dass es immer weiter vorwärts geht. Ich fahre in die Landschaft hinein. Die kommt auf mich zu, teilt sich an mir und zieht links und rechts an mir vorbei. Dabei streifen mich ihr Licht, ihre Gerüche, Wind, Wärme und Kälte und sind an mir vorbei kaum, dass ich sie wahrgenommen habe. Fahren heisst auch, die Fortbewegung des Fahrzeugs auf der Strasse zu spüren. Der Körper nimmt auch die Vibrationen des Fahrzeugs auf, die Erschütterungen durch die Unebenheiten der Fahrbahn, die Hin- und Her-Bewegungen beim Fahren durch Kurven und die Lastwechsel bei Steigungen und Gefälle. Wenn alles stimmt, dann entsteht beim Fahren ein Gefühl von Fluss und Harmonie, von Richtigkeit, Sicherheit und Vertrautheit. Ich merke, dass ich am richtigen Ort unterwegs bin. Im Körper breitet sich ein Glücksgefühl und im Gesicht ein Strahlen aus. Das ist Fahren.
Wenn ich dann in eine beeindruckende Landschaft hineingerate, wenn nach einer engen Bergstrecke plötzlich die Kuppe erreicht ist und der Horizont weit aufreisst, wenn der Blick unerwartet etwas Beeindruckendes streift, wenn die Landschaft unvermittelt sich ganz erstaunlich verändert, dann packt mich die Atemlosigkeit, und ich möchte so schnell wie möglich anhalten und mir das anschauen, den Moment gerade jetzt und möglichst lange festhalten, die Überraschung auskosten und in die Länge ziehen. Dann klingt die Begeisterung langsam aus und hinterlässt das Gefühl vom Glück, gerade eben einen tollen Moment erlebt zu haben. Das ist aus dem Fahren Anhalten geworden.
Wenn die Euphorie dann einmal verflogen ist wird es Zeit zum weiterfahren. Das ist jeweils etwas ernüchternd. Die Begeisterung hat sich verflüchtigt. Der Fluss des Fahrens ist unterbrochen. Das erhebende Körpergefühl ist weg. Stattdessen stellt sich Bedauern ein gepaart mit der Befürchtung, dass es wieder eine ganze Weile dauern wird, bis sich der Fluss wieder einstellt. Dann wünsche ich mir, dass ich nicht angehalten hätte. Dann nehme ich mir manchmal vor, möglichst lange nur noch zu fahren und möglichst lange nicht mehr anzuhalten, damit ich den Fluss, wenn er dann wieder da ist, möglichst lange nicht mehr verliere und wieder nur noch das Fahren geniessen kann. Manchmal gelingt das. Aber irgend einmal halte ich nach längerer Fahrzeit dann doch wieder an und erinnere mich satt und zufrieden an die besonderen Momente, die ich gerade beim Fahren erlebt habe. Es dauert aber bestimmt nicht lange und ich bedaure, dass ich mir nicht mehr Zeit genommen und angehalten habe, um einzelne Augenblicke zu geniessen. Dann nehme ich mir vor, wieder etwas öfter anzuhalten und mir mehr Zeit zu nehmen, wenn ich auf etwas Sehenswertes treffe. Fahren und Anhalten gehören zwar untrennbar zusammen. Sie beissen sich aber auch in den unpassendsten Momenten. Auf früheren Motorradreisen hat mich das manchmal sehr unzufrieden gemacht. Ich bin mir unentschlossen und entscheidungsunfähig vorgekommen und habe mir falsche Entscheidungen und mangelndes Gespür für die Situation vorgeworfen. Mittlerweile weiss ich, dass es beim Fahren und Anhalten um die Balance zwischen zwei guten Dingen geht. Die ergänzen sich nicht einfach so gegenseitig. Aber es macht Sinn, die Balance zwischen Fahren und Anhalten zu suchen.

Die andere Balance ist die zwischen schauen/erleben einerseits und fotografieren andererseits. Ich muss zugeben, dass ich mir immer etwas blöd vorkomme, wenn ich merke, dass ich mich in dieser Balance neu verorten muss. Schauen und fotografieren sind schliesslich keine grossen Bewegungen, und es ist kein Aufwand, um vom einen zum anderen zu kommen. Wenn ich aber irgendwo bin und etwas Besonderes sehe, dann wird das manchmal zu einem Erlebnis, zu einer Erfahrung, die mit einem besonderen Gefühl verbunden ist, und das möchte ich gerne so in Erinnerung behalten und einfach nicht vergessen. Andererseits weiss ich nicht, wie ich mich an meine Erlebnisse erinnern und davon erzählen soll, wenn ich nichts habe, was mich daran erinnert und was ich darüber zeigen kann. Ich mache also Fotografien, damit ich einerseits Erinnerungshelfer und andererseits Berichtsobjekte habe.
Beim Fotografieren ist es mir aber wichtig, nicht einfach wie mit der Schrotflinte herumzuknipsen. Ich möchte auch herausfinden, was denn optisch und festhaltbar das Besondere an einer Situation ist und was sie gut wiedergeben würde. Oder ich möchte herausfinden, was es gegenständlich und stimmungshaft zu sehen gibt, bei dem es sich lohnt, als Bild festgehalten zu werden, und das möchte ich dann auch handwerklich möglichst akkurat einfangen.
Beides braucht Zeit. Es braucht Zeit fürs Schauen und fürs Erleben, und es braucht Zeit, zu entscheiden, ob etwas festgehalten werden soll, was das sein könnte und wie es am am besten gemacht werden könnte. Beim Unterwegssein setze ich mich selber immer etwas unter Druck, vorwärts zu machen – dann werde ich zum Serienknipser. Oder ich setze mich unter Druck, nicht zum Serienknipser zu werden, dann komme ich vom Hölzchen aufs Stöckchen und fotografiere wieder Blumen im Wilden Westen.

Schneebedeckte Berge nördlich von Santa Fé

Ebene von Santa Fé

Das ist das Thema, das mich nach den beiden Ruhetagen in Santa Fé wieder einfängt. Im Moment muss ich mich vor allem dagegen wehren, dass ich mich von dieser Landschaft mit den schönen roten Gesteinsformationen nicht dazu verleiten lasse, zum Serienknipser zu werden. Darum fahre ich schliesslich zufrieden durch das Hinterland von New Mexico und lasse mir die Landschaft hier gefallen so wie sie ist. Bilder über New Mexico gibt es mit Sicherheit schon zu Hauf. Etwas weiter oben in den Bergen bei Peñasco halte ich dann doch noch einmal an. Wenn ich der Strasse entlang noch Norden schaue sehe ich ein paar Meilen entfernt schneebedeckte Bergkuppen und komme mir vor wie bei uns in der Schweiz. Drehe ich mich um und schaue derselben Strasse entlang nach Süden, dann sehe ich wieder nur ein paar Meilen entfernt die für New Mexico typischen rötlichen Gesteinsformationen und habe das Gefühl, in einer heissen Wüste zu stehen. Hier mache ich dann doch noch zwei Bilder.

Rio Grande nach Süden

Rio Grande nach Norden

In Taos verlasse ich das bergige Hinterland und biege auf die Route 64 ein. Die führt zunächst einfach einmal schnurgerade durch eine weit einsehbare Ebene, und es macht zunächst den Eindruck, als würde das einfach für immer so bleiben. Etwa zehn Kilometer nach Taos, also nach einer recht kurzen Strecke, überquert die Route 64 die Schlucht des Rio Grande. Der ist hier aber etwas ganz Anderes als der braune Fluss, der sich bei Bernaillo gemütlich durch die Landschaft geschlängelt hat. Senkrecht geht es tief hinunter und macht einen bedrohlichen Eindruck. Die Brücke über die Schlucht sei eine berühmte Eisenkonstruktion, heisst es. Man merkt es. Jedes Mal, wenn ein Truck über die Brücke donnert, dann schwankt die berühmte Eisenkonstruktion doch ziemlich heftig. Ich mit meiner Höhenangst muss mir da schon etwas Mühe geben, und wenn ich das schräge Lächeln von einigen anderen Besucher sehe, dann bin ich wohl nicht der einzige, dem es so geht.

Durango ist noch weit, und ich werde heute wohl erst gegen sieben Uhr dort ankommen. Die Landschaft wechselt von der baumlosen Ebene in eine leicht hügelige und bewaldete Umgebung. Ich fahre an einem Schild vorbei, das davor warnt, dass die Route 64 in dieser Region im Winter um 18.00 Uhr geschlossen werde. Bis 18.00 Uhr sollte ich eigentlich schon längst wieder von der Route 64 weg sein, aber es bleibt ein bisschen ein komisches Gefühl zurück. Dann wird die Strecke bergiger, es wird auch kühler, links und rechts von der Strasse sind vereinzelt Schneeflecken zu sehen, und es beginnt eine dieser Fahrten wo ich wie in Trance durch Kurven auf und ab fahre. Es ist einfach unbeschreiblich, ganz toll! Das ist eines dieser Erlebnisse, wo man statt es zu beschreiben nur sagen kann „Mitkommen!“ Die Temperatur sinkt zwar deutlich, aber ich friere kaum. Olga ist mit Heizgriffen ausgestattet. Beim Fahren in der Kälte das macht viel aus, weil das unangenehme Frösteln oft in den Händen beginnt und sich dann über den ganzen Körper ausbreitet. Wenn es nur ein Frösteln ist, dann helfen Heizgriffe schon viel. Zu den tieferen Temperaturen kommt jetzt aber noch ein kräftiger, böiger Wind dazu, der war zwar auch schon in der Ebene da, aber er hat stark zugenommen oder er fällt hier in der Einsamkeit der Berge auch stärker auf. Ich muss bald einmal tanken, und auch wenn es da bei mir ein grummeliges Gefühl gibt weiss ich, dass ich in den USA bin und dass da eine Tankstelle kommen wird. Und so ist es auch.
Die Kassiererin an der Tankstelle ist eine junge Frau Mitte zwanzig. Sie macht das Fenster ihres Kabäuschens auf und schreit mir etwas entgegen. Es braucht drei Wiederholungen bis ich sie verstehe: Ich soll einfach den Tank voll machen und nachher bezahlen kommen. Das ist nett. In den USA wird an der Tankstelle drum zuerst bezahlt und nachher getankt, ausser man hat die richtige Kreditkarte, und die habe ich nicht immer. Also, ich will zuerst tanken, da kommt aber kein Benzin raus. Die nette junge Dame macht ihr Kippfenster wieder auf und schreit etwas zu mir herüber. Aber diesmal helfen alle Wiederholungen nicht. Sie muss persönlich herauskommen und zeigt mir, dass man hier beim Tanken nicht einfach den Zapfhahn abhebt, sondern auch noch eine Klappe hinunterlegt. Jetzt geht es. Beim Bezahlen schwätzen wir noch kurz miteinander – sie ist wirklich sehr nett – dann verabschiede ich mich. Sie ruft mir noch nach: „Ride safe and stay warm!“ Eigentlich wäre ich der Opa und müsste ihr gute Ratschläge geben, aber Danke, das werden ich tun.
Bei den Zapfsäulen ist mittlerweile ein Pickup zugefahren. Der Fahrer schaut sich Olga kurz an und fragt mich dann etwas. Ich bin richtig stolz, dass ich es mittlerweile recht gut verstehe. Seine Frage besteht aus dem Genuschel „uayahädada?“ Das heisst auf Englisch „Where are you headed to?“, auf Deutsch „Wohin fährst du?“ und auf Schweizerdeutsch „unwoigoz?“. Wir schwätzen ein wenig miteinander, dann goz wieder weiter.
Die Fahrt wird wahrscheinlich etwas länger dauern als ich geplant habe. Damit ich wirklich nicht erst nach 19.00 Uhr ankomme kürze ich die Strecke etwas ab. Es wird wieder wärmer, der Wind nimmt ab, und mit Abendverkehr treffe ich schliesslich um 18.30 Uhr in Durango ein.

Ich habe mich im Vorfeld schlau gemacht und gesehen, dass der Cannabis-Laden gleich am Eingang von Durango liegt. Der Shop heisst Greenery und liegt in einem ganz unscheinbaren Gebäude in einem kleinen Gewerbepark. Ich trete ein und muss zuerst einmal meinen Ausweis zeigen, egal wie alt ich gerade aussehe. Und die Dame am Empfang nimmt meinen Ausweis in die Hand, schaut sich das Geburtsdatum an und rechnet nach. Das scheinen hier pflichtbewusste Leute zu sein. Die Dame hier ist ausserdem sehr freundlich und berät mich kompetent. Olga steht draussen. Meine neue Masche mit den Stickers verfängt hier nicht. Darum fragt mich die freundliche Dame schnell einmal, woher ich denn komme. Sie sei selber auch schon in der Schweiz gewesen, in Interlaken und sonst noch irgendwo, wo es keinen privaten Motorfahrzeugverkehr gibt. Der Name der Stadt fällt ihr aber gerade nicht ein. „Zermatt“, versuche ich zu soufflieren, aber das ist nicht das Richtige. Es muss eine Stadt mit L gewesen sein. Dann erinnert sie sich wieder: Sie ist in Lausanne gewesen. Ich bin Gast in diesem Land und möchte auch in dieser Situation unauffällig bleiben und nichts Unhöfliches sagen. Still für mich überlege ich mir, ob sie wohl die Metro von Ouchy her genommen hat. Lausanne kenne ich nämlich nur als Stadt, die eigentlich recht gut für den motorisierten Privatverkehr erschlossen ist.
In der Greenery kann man sich nicht nur etwas Schönes zum Rauchen kaufen. Es gibt hier auch sogenannte Edibles. Das ist Cannabis in irgendeiner essbaren Form. Ich nehme zwei Päckchen mit Fruchtgummis, die mit dem Extrakt einer beruhigenden Cannabis-Sorte versetzt sind.
Nach der Greenery muss ich noch einige Lebensmittel einkaufen. Weil mein Motel etwas ausserhalb des Ortszentrums liegt, gibt es heute Abend wieder einmal ein Picknick. Ausserdem überlege ich mir, ob ich hier einen zusätzlichen Tag verbringen soll. Da warte ich aber zuerst einmal die nächste Nacht ab.
Abendessen gibt es heute in zwei Etappen. Zuerst probiere ich die Edibles aus. Die bescheren mir ein paar sehr friedvolle Stunden tiefen Schlafes. Ganz spät am Abend wache ich kurz auf und hole das eigentliche Abendessen nach. Danach führe ich fort, was hier so wunderbar entspannt begonnen hat.

Reiseroute am Dienstag, 22. März

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