Durango – Kayenta

Nachdem ich tief, ruhig und lange geschlafen habe wache ich ganz zufrieden in meinem Motel in Durango auf. Ein Blick aus dem Fenster lässt meine gute Laune aber schnell sinken. Heute Morgen ist Olga zum ersten Mal mit einem kleinen Frostmantel bedeckt. Draussen ist es um Minus 3° Celsius. Wenn man gerade aus der sommerlichen Wärme von New Mexico kommt, dann ist es hier sehr, sehr kalt. Der Wetterbericht sagt zwar, dass die Temperaturen im Verlauf des Tages steigen werden. In den nächsten Tagen wird es in den Breitengraden hier aber kalt bleiben. Es ist also noch zu früh, um in Colorado mit dem Motorrad unterwegs zu sein. Dann werde ich eben wieder Richtung Süden fahren.

Es dauert nicht lange und mein neuer Plan steht. Heute fahre ich nach Südwesten zum Canyon de Chelly (sprich: deschei). Claudia, eine Schweizer Kollegin, hat mir diesen Geheimtipp gegeben. Auch Kelly Reppert, der sympathische Gastwirt in Heber-Overgaard, hat vor einigen Tagen mit glänzenden Augen davon geschwärmt.
Nach dem Canyon de Chelly werde ich noch weiter nach Südwesten zu den berühmten Canyons fahren. Vielleicht werde ich Ostern in Sedona verbringen. Das soll ein magischer Ort in Arizona sein. Für die nächste Nacht buche ich zunächst einmal ein Zimmer in Kayenta. Das liegt zwar nicht ganz auf meiner Route, aber nur dort habe ich eine bezahlbare Unterkunft gefunden.

Lake Navajo 1

Lake Navajo 2

Von Durango aus fahre ich zuerst über die Route 172 und dann über die Route 511 durch das Gebiet der Navajo-Indianer nach Süden. Als Motorradfahrer kommt man in der attraktiven Bergregion hier voll auf seine Kosten. Schon bald fällt mir ein grundlegender Unterschied zwischen Colorado und New Mexico auf: Wenn man in New Mexico oder in Arizona ein Schild sieht, das auf einen Fluss oder einen Bach hinweist, dann kann man da schauen so viel man will. Wasser findet man da aber keines. Der Shadwo Creek, der Snow River, der Gila River und wie die Gewässer dort noch heissen, die sind allesamt staubtrocken. Da sieht man fast nie Wasser. Ich weiss noch, wie ich kurz nach Silver City einen kleinen Abstecher zu einem kleinen See gemacht habe, und richtig erschrocken bin, als in dem Flussbett neben der Strasse plötzlich Wasser zu sehen war. Hier in Colorado ist das ganz anders. Wenn da ein Schild auf einen Bach oder einen Fluss hinweist, dann hat es da auch Wasser drin. Und zwar immer. Irgendwo zwischen Durango und dem Navajo Dam gibt es eine Stelle, wo zwei Schilder nur einige wenige Meter nebeneinander stehen. Das eine weist auf einen Tümpel hin, das andere auf einen Bach, und in beiden ist richtig viel Wasser drin, ja fast verschwenderisch viel sogar.
Kurz vor der grossen Ebene im Norden von New Mexico liegt der Lake Navajo, ein Stausee von der Grösse des Zürichsees. Auch er wird als Naherholungsgebiet genutzt, wie die vielen Schiffe auf dem See und in den Winterstationen zeigen.

San Juan River

Anders als der Zürichsee ist der Lake Navajo aber ein Stausee. Der San Juan River bringt das Wasser aus den Bergen von Colorado und wird wird hier aufgestaut. Nach dem Navajo Dam fliesst er noch etwa 200 Meilen weiter nach Nordwesten. Im Lake Powell vereinigt er sich dann mit dem Colorado River.

Sandsteinfelsen bei Shiprock

Kurz nach dem Lake Navajo verlässt die Strasse den San Juan River. Und spätestens auf der Route 64 endet dann die lauschige Fahrt durch die Berge. Etwa 70 Meilen fahre ich auf einer der grossen Ost-West-Routen. Der Verkehr zieht sich zähflüssig dahin. Die Strasse wird gerade neu gebaut und ist eine riesige staubige Baustelle. Bei Shiprock ist die Baustelle dann zu Ende. Hier verlasse ich die Transversale und fahre weiter nach Süden. Hier gibt es fast keinen Verkehr mehr, und ich tauche in die nächste spannende Landschaft ein.

Shiprock

Kurz nach Shiprock führt eine Indianerstrasse durch die Lukachukai Mountains nach Chinle, der Stadt beim Canyon de Chelly . Hier bin ich in der Gegend, wo die Navajo-Krimis von Tony Hillerman spielen. Unter den vielen eindrücklichen Felsformationen hat es mir ein Felsen besonders angetan. Er schiesst wie ein Mahnmal oder eine Kathedrale mitten in der Ebene aus dem Boden. Bei einem Weidegatter ist der Felsen besonders gut zu sehen. Dort halte ich und schaue mir das Monument an. Es dauert nicht lange, da hält ein Pickup der Navajo-Verwaltung neben mir. Ein Indianer etwa in meinem Alter sitzt drin, grüsst mich freundlich und stellt sich vor. Er trägt eine Uniform und gehört zu einer Indianerbehörde. So muss sich das Tony Hillerman vorgestellt haben, wenn er in seinen Büchern Jim Chee oder Lieutenant Leaphorn beschrieben hat. Wie es mir hier gefalle, fragt mich der Mann von der Navajo-Behörde. Mir gefällt es hier sehr gut, antworte ich. Besonders der Felsen hier beeindruckt mich sehr. Das sei der Shiprock, erklärt mir der Indianer. Alle die eindrücklichen Felsformationen hier seien durch vulkanische Aktivitäten entstanden.

Kette von vulkanischen Hügeln

Weitere Felsformationen beim Shiprock

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber jetzt, wo der freundliche Navajo darauf hinweist, fällt mir die entfernte Ähnlichkeit mit den Vulkanketten in der Auvergne auf. Dort findet man doch auch diese aneinandergereihten spitzen Hügel. Nur sind sie in der Auvergne begrünt und sanft, während sie hier nackt, verwittert und kantig wirken. Hier sei ein guter Ort, meint der Mann von der Indianer-Behörde. Im Verlauf unseres kurzen Gespächs wiederholt er das mehrmals und etwas zu betont beiläufig. Ich reagiere nicht weiter darauf, aber ich frage mich schon, was er mir wohl sagen will. Dann glaube ich zu wissen, was er meint. Wir stehen hier an einem Ort, wo ein offener Zufahrtsweg von der Hauptstrasse weg zum Shiprock führt. Sein Pickup steht quer auf dem Viehweg vor dem Weidegatter und blockiert den Zufahrtsweg zum Shiprock. Vermutlich bin ich gerade ganz nett aufgefordert worden, nicht näher zum Shiprock zu fahren. Wenn es das ist, was er gmeint hat, dann kann ich das gut verstehen. Ich meine mich an Passagen aus den Krimis von Tony Hillerman zu erinnern, wo die Bedeutung des Shiprock mit dem Uluru in Australien verglichen wird. Ich habe nicht vor, auf den Shiprock zu klettern. Erstens klettere ich gar nicht gern, und zweitens bin ich in meinen Motorradkleidern auch denkbar schlecht dafür ausgerüstet. Vor allem habe ich aber Respekt vor der Navajo-Kultur.

Red Valley

Hinkelstein beim Red Valley

Nach meiner kurzen Begegnung mit dem freundlichen Mann von der Indianerbehörde fahre ich weiter in die Lukachukai Mountains hinein. Dabei passiere ich das Red Rock Valley, ein Tal, das mit seinen speziellen rötlichen Felsformationen unglaublich eindrücklich wirkt. Dann führt die Strasse rasch in die Höhe. Ich hätte nicht gedacht, dass ich in der Nähe des Canyon de Chelly noch einmal durch Regionen fahren würde, in denen es so kalt ist und wo auch noch Schnee liegt. Aber der höchste Punkt der Lukachukai Mountains liegt immerhin auf fast 2'900 Meter. Da gibt es eben auch in New Mexico im März noch Schnee.

Kurz vor Chinley 1

Kurz vor Chinley 2

Kurz vor Chinley 3

Erst am Nachmittag komme ich in Chinle an. Auf der Fahrt durch das Red Valley und die Lukachukai Mountains habe ich eindrückliche Landschaften gesehen und tolle Motorradstecken erlebt. Neben den tollen Erlebnissen habe ich aber auch einige Maile ziemlich gefroren. Jetzt bin ich zuerst einmal ziemlich kaputt.
Bei einem späten Mittagessen in der Wärme des Tieflands von New Mexico erwachen meine Lebensgeister dann langsam wieder. Im Moment habe ich aber weder Lust noch Energie, um mir jetzt auch noch den Canyon de Chelly anzuschauen. Nach kurzem Überlegen beschliesse ich, den Canyon erst morgen zu besichtigen. Jetzt werde ich direkt zu meinem Motel nach Kayenta fahren. Ich freue mich darauf, heute etwas früher in meiner Unterkunft anzukommen.
Auch die siebzig Meilen zwischen Chinley und Kayenta sind landschaftlich sehr, sehr reizvoll. Aber leider bin ich für heute bereits ziemlich ausgereizt. Morgen werde ich ja dieselbe Strecke wieder zurück nach Kayenta fahren. Dann werde ich mir ganz viel Zeit nehmen, um mir alles anzuschauen und je nachdem auch zu fotografieren. Morgen werde ich mir auch in aller Ruhe den Canyon de Chelly anschauen. Aber jetzt bin ich einfach froh, wenn ich so früh wie möglich in ein warmes Bett kriechen kann.

Im Motel in Kayenta bekomme ich ein sehr grosses und komfortables Zimmer. Das Motel ist auch etwa dreimal so teuer wie meine durchschnittlichen Unterkünfte. Müde und immer noch etwas durchgefroren stelle ich mich unter die warme Dusche, lege ich mich dann hin und schlafe prompt ein. Erst ein paar Stunden später wache ich wieder auf. Es ist bereits kurz nach neun. Das Restaurant hat schon um 19.30 Uhr zugemacht. Da bleibt mir nicht viel anderes übrig, als wieder auf meine Essensvoräte zurückzugreifen und schon wieder ein etwas lustloses Picknick zu feiern.
Nach dem Essen hätte ich noch gerne einen Schlummerbecher. Bei der Tankstelle gleich neben dem Motel frage ich nach einem Bier. Die Dame an der Kasse ist eine Navajo. Sie reagiert etwas unwirsch und sagt etwas, was nach "Reservation" klingt. Das verwirrt mich jetzt aber. Muss ich hier zuerst die Tankstelle anrufen und mir eine Bierdose reservieren lassen, damit ich dann später vorbeikommen und das Bier abholen kann? Nun gut, ich will hier gar keinen Aufstand machen. Darum frage ich die Dame einfach, ob es denn hier einen anderen Laden gäbe, wo ich ein Bier kaufen könne. Und jetzt reagiert die Dame ziemlich angepickt. Sie spricht sie so langsam und deutlich, dass es auch der Dümmste versteht: „Sir, you are in the Navajo reservation here. No alcohol allowed!“ Ups, da habe ich mich wohl in eine ziemlich peinliche Richtung verhört. Natürlich erinnere mich jetzt, dass im Navajo-Reservat der Besitz und der Konsum von Alkohol verboten ist.  Tja, schade. Mein Schlummerbecher heute Abend enthält Tee – wie übrigens gestern auch schon.

Reiseroute am Mittwoch, 23. März

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