Ostern in Phoenix

Es ist Ostern. Hier in Phoenix ist das Wetter wunderbar warm, und ich nehme mir zwei freie Tage.
Das ist allerdings etwas seltsam. Schliesslich arbeite ich nicht. Ich hab Urlaub. Wenn ich aber im Urlaub zwei Tage blau mache, wie ist das dann? Wenn ich frei von Urlaub bin, arbeite ich dann? Oder bin ich dann doppelt so frei?
Doppelt frei sein geht nicht. Man ist frei oder eben nicht, aber mehr geht nicht. Das ist so wie wenn man ein Loch durch ein Brett bohrt: Hat man das Loch gebohrt, so ist das Loch durch. Bohrt man da noch einmal durch, dann ist das Loch immer noch durch. Es wird vielleicht ein bisschen weiter, aber nicht durcher, und schon gar nicht doppelt so durch.
Oder es ist so, wie wenn jemand tot ist: Das kann zwar bedauerlich sein, aber davon wird man aber nicht weniger tot. Und sollte es nicht bedauerlich sein, dann wird man davon auch nicht toter. Selbst wenn man einen Toten am liebsten noch einmal umbringen würde: Doppelt so tot wird er davon nie.

Mein Gott, wie komme ich bloss auf sowas? Das habe ich jetzt davon, dass ich frei von Urlaub mache: Ich habe so viel Zeit, dass ich auf komische Gedanken komme. Dabei mache ich nur darum frei von Urlaub, weil ich hier zwei Tage Pause einlege. Diese Zeit brauche ich, um meine Wäsche zu waschen, mich um mein Büro zu kümmern und meinen Blog weiter nachzuführen. Frei von Urlaub hat bei mir also nichts mit doppelter Freiheit zu tun. Ganz im Gegenteil. Es ist wie Arbeit, einfach ohne Teamsitzungen, ohne Kundenkontakt und ohne Leistungserfassung. Das ist eigentlich gar nicht einmal so schlecht.
Also gut, ich unterbreche meinen Urlaub und arbeite etwas, damit der Urlaub nachher ungehemmt weitergehen kann. Wenn das mal kein erstrebenswertes Setting ist...

Hier lässt es sich aber auch wirklich gut leben. Ich stehe spät auf und mache mir Frühstück, so wie ich es gerne mag: Speck und Spiegelei, Erdbeeren mit Sauerrahm, Fruchtsaft und Tee. Und dafür habe ich ganz viel Zeit. Zu Mittag gibt es etwas Salat. Mehr brauche ich nicht, weil ich so spät frühstücke und so früh zu Abend esse. Am Abend brate ich mir ein Steak oder koche Spaghetti Carbonara. Ein Paar hundert Meter hinter dem Hotel liegt ein riesiger öffentlicher Sportpark. Dort lässt es sich wunderbar auf einem weichen weiten Rasen joggen. Das klingt vielleicht etwas banal, ist aber tatsächlich bemerkenswert. Hier in Arizona ist der Boden nämlich schon jetzt Ende März knochentrocken und entsprechend hart. Da fällt es auf, wenn man plötzlich über einen weichen, grünen Rasen läuft.
Ab und zu liege ich auch einfach nur faul herum. Dann dauert es nicht lange und ich überlege mir, wie es mit meiner Reise wohl weitergehen soll. Der Kälteeinbruch im Norden von Arizona und New Mexico hat meine bisherige Planung ziemlich durcheinander gebracht. Um der Kälte auszuweichen bin ich möglichst schnell in den warmen Süden geflüchtet. Und da bin ich jetzt, der Kälte erfolgreich entronnen, aber ohne jeden Plan, wie es weitergehen soll. Ich kann kochen, essen, joggen oder faulenzen wie ich will. Da kommt keine neue Idee. Was ist denn jetzt besser? Im Norden frierend mit neuen Reise-Ideen unterwegs zu sein, oder im Süden planlos an der Wärme herumzulungern?
Das erinnert mich an eine spannende Frage aus der jüdischen Lehrtradition: Wovon wird der Tee süss, vom Zucker oder vom Umrühren? Natürlich vom Umrühren. Wozu braucht es dann aber Zucker? Damit man weiss, wie lange man umrühren muss!

Lange Zeit döse ich mit solchen oder ähnlich bizarren Gedanken vor mich hin. Eine neue Idee für meine weitere Reise stellt sich nicht ein. Schliesslich nehme ich mir vor, zunächst einmal nur bis Yuma zu fahren. Das liegt etwa vier Stunden westlich von hier am Highway nach San Diego. Yuma ist offenbar die Stadt mit den meisten Sonnentagen weltweit. An etwa 340 Tagen im Jahr soll dort die Sonne scheinen.
Also gut. Morgen ist wieder Schluss mit frei von Urlaub. Ab morgen wird wieder ernsthaft Urlaub gemacht. Ich fahre nach Yuma.

Kommentare

  • Karl Bürgi Montag, 4. April 2016 Antworten

    Hallo Martin
    Einfach geil, was du machst. Da geht einer to west und berichtet seinen Lieben und Kollegen in CH. Noch habe ich nicht viel gelesen, ich wollte fürs Erste nur mal meinen Gwunder stillen. Wir hören bzw. lesen weiterhin von einander. Uebrigens: Deine Website ist super gestaltet. Danke herzlich für deine Nachricht, deine weiteren News, auf die nächsten freue ich mich! Gute, unfallfreie Weiterfahrt und hebs guet.

    Babylonische Grüsse
    Karl

    • Martin Bünger Montag, 4. April 2016 Antworten

      Vielen Dank, Kari!

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