Yuma – San Diego

Nach einem Pausentag hier in Yuma fahre ich heute weiter nach San Diego. Beim Laden treffe ich den Gast aus dem Nachbarzimmer. Wir haben uns schon öfter beim Vorbeigehen gegrüsst. Jetzt zeigen mir seine Mimik und  Körperhaltung, dass er mir gleich eine der drei üblichen Fragen stellen wird.
a) „Nice bike, a BMW, no? Ist it 1000 or 1100?“
b) „Where are you from?“
c) „Uayahädada?“.
Er nimmt die dritte Frage, will dann aber noch etwas mehr wissen. Ich erzähle ihm, dass mir das Wetter einen Streich gespielt hat und ich eigentlich bei den grossen Canyons sein wollte. Er lächelt wissend. Heute Morgen hat er mit seiner Tochter in Wyoming telefoniert. Letzte Nacht ist da mehr als ein halber Meter Neuschnee gefallen. Er selber wohnt weiter westlich in Idaho. Da hat es nur zehn Zentimeter Neuschnee gegeben. Als er mein besorgtes Gesicht sieht, versucht er mich zu beruhigen. Die Temperaturen seien am Steigen. In einer Woche sei das alles weggeschmolzen. Das wäre mir sehr recht. Dann würde ich es ja doch noch schaffen und zu den Canyons fahren.

Rastplatz in der Wüste

Von Yuma bis San Diego sind es etwa180 Meilen. Etwa zwei Drittel davon werde ich auf der Autobahn, der Interstate 8, fahren. Das letzte Drittel führt dann durch die Berge. Dort werde ich den Highway verlassen und die Route 94 nach San Diego nehmen. Zunächst fahre ich aber auf der Interstate 8 mitten durch die Wüste. Eigentlich habe ich von diesem Streckenabschnitt gar nichts Besonderes erwartet. Aber gerade weil sie so unerwartet auftauchen beeindrucken mich die hellen, weichen, sandigen Wellen links und rechts des Highways, die immer wieder von ein breiten Wasserkanal durchbrochen werden.

Rastplatz am Mittag

Auf einem Parkplatz an der Autobahn mache ich Mittagspause. Es ist zwar noch ein bisschen früh. Aber wenn ich dann in den Bergen unterwegs bin, dann will ich einfach nur fahren können und mich nicht noch um eine Mittagsrast kümmern müssen. Mein Picknickplatz liegt nicht nur an der Autobahn, sondern auch noch mitten in der Agrarindustrie. Es riecht hier ein bisschen streng nach Kunstdünger. Das hat man eben davon, wenn man keine Windschutzhecken haben will. Aber das Thema hatte ich schon vorgestern. Das wärme ich jetzt nicht noch einmal auf.

Etwa zehn Kilometer weiter südlich liegt die mexikanische Grenze. Weil wir hier so nahe bei Mexico sind unterhält der amerikanische Grenzschutz alle paar Meilen Kontrollposten. Beim ersten Kontrollposten, den ich passiere, wird nur der technische Zustand der Fahrzeuge überprüft. Offenbar sieht Olga vertrauenerweckend aus, denn ich werde einfach durchgewinkt. Darüber bin ich sehr froh, denn mit meinen Reifen ist kein Staat mehr zu machen. Beim nächsten Posten gibt es eine Personenkontrolle, aber auch da werde ich einfach durchgewinkt. Ich will ja nicht unbedingt kontrolliert werden, aber ich frage mich schon, ob die mich hier überhaupt ernst nehmen.

Blick zurück in die Ebene

Etwa zehn Kilometer fahre ich noch auf der Autobahn in die Berge, bis ich bei der Ausfahrt Desert View Tower die Autobahn verlasse. Jetzt bin ich gespannt auf die nächsten 60 Meilen, die auf der Karte sehr vielversprechend ausgesehen haben. Die kurze Bergstrecke auf dem Highway war jedenfalls ein bemerkenswerter Appetizer in meinem Motorradfahrer-Menu.

Der Weg von hier nach San Diego sollte auch ohne Navigationsgerät einfach zu finden sein. Die Interstate 8 trifft nördlich von San Diego auf die Küstenstrasse. Von Desert Vew Tower aus folge ich zuerst dem alten Highway 80, bis ich auf die Route 94 stosse, die südlich von San Diego zur Lagune führt. Laut Reiseführer verbindet diese südliche Transitstrasse die Interstates 8 und 5. Auch wenn die Streckenführung einfach und landschaftlich reizvoll sein soll, bekomme ich nach etwa einer Viertelstunde ein komisches Gefühl. Da stimmen ein paar Sachen einfach nicht. Auf einer Transitstrasse liegt normalerweise nicht so viel Sand. Am Grasbord einer Transitstrasse sitzen normalerweise keine alten Indianerfrauen. Und auf einer Transitstrasse spielen normalerweise doch keine Eichhörnchen. Es dauert nicht mehr lange, und ich stehe ich auf einer Bergkante mit einer schönen Aussicht auf die Bergregion hier. Nur ist die Strasse hier zu Ende. Das ist hier nicht die Route 94 sein, das weiss ich jetzt bestimmt. Aber wenn es nicht die Route 94 ist, was ist es dann? Ich zücke mein Mobile um mich neu zu orientieren, aber hier gibt es leider kein Netz. Tja, damit habe ich nicht gerechnet, dass ich so nahe an der Metropole dermassen in der Pampa lande. Mühsam wende ich hier vor der Bergkante und fahre die Strecke möglichst so zurück, wie ich hergekommen bin. Ab und zu halte ich an um zu schauen, ob ein Mobilnetz verfügbar ist. Ganz unerwartet hält ein sympathischer junger Mann in einem Auto neben mir und zeigt mir an, dass ich ihm folgen soll. Nachdem er mich zur richtigen Verzweigung gelotst hat sehe ich gleich, dass ich  schon kurz nach der Autobahnausfahrt die Route 94 verpasst habe und stattdessen weiter dem alten Highway 80 gefolgt bin. Mein freundlicher Guide sitzt in irgendeinem schnittigen Auto und erklärt mir durch das offene Autofenster. „I am a Honda guy, you know?“ Das liefert uns für eine ganze Weile genügend Gesprächsstoff. Schliesslich erfahre ich, dass mein neuer Bekannter vor Jahren mit einer Freundin aus der Schweiz liiert war. Die ist aber wieder in der Schweiz zurückgekehrt und leitet jetzt dort mehrere Haarinstitute. Ich bin etwas irritiert und frage, ob damit Coiffeursalons gemeint seien. Mein neuer Freund zeigt mir auf seinem iPhone Bilder von der Dame und von diesen Haarinstituten. Ich sehe gleich, dass es sich dabei nicht um  Coiffeursalons handelt. Ich weiss nicht, wie man solche Geschäfte nennt, aber sie gehören jedenfalls nicht in meine Liga. Besser gesagt gehöre ich nicht in deren Liga. „Ride safe“, das sagt man hier offenbar, wie man sich verabschiedet und sich eine gute Fahrt wünscht. Und die restliche Fahrt ist tatsächlich so, wie ich es mir  gewünscht habe. Irgendwann sehe ich den Pazifik am Horizont schimmern.

Talstrecke

Auf einer schönen Talstrecke kurz vor der Stadt halte ich noch einma an. Hier kreisen Raubvögel ziemlich tief, und ich möchte gerne einen vor die Linse kriegen. Kurz darauf fange ich beim Fahren wieder an zu Gähnen. Es ist also höchste Zeit für eine richtige Pause. Ausserdem brauche ich noch einen geeigneten Platz hinter den Büschen. Der ist ein bisschen schwierig zu finden, weil es hier kaum geeignete Büsche oder Bäume gibt.

Nachdem ich Olga sicher platziert habe, gehe ich ein paar Schitte durch das kniehohe Gestrüpp, komme dabei etwas ins schwitzen und werde auch ein bisschen unachtsam. Ich habe schon den Fuss für den nächsten Schritt in der Luft als ich merke, dass das, was da vorne am Boden liegt, kein altes Stück Seil sein kann. Ich habe wirklich Angst vor Schlangen, obwohl mir in meinen Motorradstiefeln und den Goretexhosen eigentlich nichts passieren sollte. Auf dem Weg zurück zu Olga bin ich extrem vorsichtig.

San Diego

Schliesslich erreiche ich den Süden von San Diego. Die Strasse führt am malerischen Rand einer grossen Lagune entlang und schliesslich in die Stadt hinein. San Diego empfängt mich mit einer grossartigen, malerischen Meereslandschaft.
Der Empfang in meinem Motel ist hingegen weder malerisch noch grossartig. Das Personal ist abweisend und unfreundlich. Die Anlage und das Zimmer sind schmutzig und lärmig. Diesmal habe ich nicht so viel Glück gehabt wie in Phoenix oder in Yuma.
Olga sollte unbedingt neue Reifen bekommen. Ich fahre noch durhc die Stadt und schaue nach, wo ich hier die BMW-Vertretung finde. Als ich auch das geschafft habe ziehe ich mich in meine Lotterbude zurück. Aber eigentlich war der Tag sonst ganz in Ordnung.

Reiseroute vom Mittwoch, 30. März

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