Nach Norden – Hesperia

Es ist gegen 10 Uhr, und eine Putztruppe ist gerade daran, das Haus in einer Art zu durchkämmen, die über das übliche Reinemachen hinausgeht. Während ich Olga belade kommt per Zufall der Motelier vorbei. Eigentlich wollen wir uns unterhalten, aber da kommt immer wieder jemand von der Putztruppe und muss vom Motelier etwas wissen oder ihn über irgendetwas informieren. Er erzählt, dass sie Franchisenehmer einer Motelkette sind und jederzeit damit rechnen müssen, dass die Organisation unangemeldet jemanden vorbeischickt, um Stichproben zu machen. Wenn dann Staub oder Schmutz gefunden werden, dann kriegen sie Minuspunkte und haben dadurch weniger Ertrag. Die Reinigungs-Equipe, die hier überall herumwuselt, ist heute zum ersten Mal hier. Die Leute vom Motel hier haben das Haus bisher als Familienbetrieb geführt. Von jetzt an wollen sie ihre Zeit vor allem für die Kundenbetreuung einsetzen. Damit das klappt soll die neue Putztruppe die Reinigung und die grossen Renovations- und Revisionsarbeiten übernehmen.

San Juan Canyon

Heute traversiere ich von San Diego County in die Umgebung von Los Angeles. Ich will die Tour nachholen, die Anfang März ausgefallen war, weil es gestürmt und geregnet hat. Von Fallbrook in Richtung Pazifik fahre ich zuerst durch dicken Dunst. Im San Juan Canyon ist es wieder klar und sonnig. Der Frühling ist bereits daran, die Hügel hellgrün einzufärben.
Der San Juan Canyon zieht sich über eine lange Strecke, schraubt sich in die Berge hinauf bis auf die Krete der Bergkette entlang dem Pazifik. Da zeigt sich die Wüstenebene in ihrer ganzen Grosszügigkeit mit dem Lake Elsnore und der Stadt. Der San Juan Canyon und die Abfahrt zum Lake Elsnore sind eines der beiden Highlights von heute.

Frühlingsgrün im San Juan Canyon

Eidechse am Lake Elsnore

Lake Elsnore

Der Weg durch die Ebene führt durch das dicht besiedelte Gebiet der Greater LA Area und wird zum Hindernisparcours. Zuerst stehe ich in kilometerlangen Baustellenstaus. Kurz vor der Zufahrt zur Bergstrecke blinkt auf dem Display von Olga ein Fehlercode auf. Die Glühbirne des Frontscheinwerfers hat den Geist aufgegeben. Olga merkt sowas sofort und teilt es mir umgehend mit. Es dauert eine Weile, bis ich weiss, was los ist und wie ich damit umgehen muss. Nur das normale Fahrlicht ist ausgefallen. Mir bleiben immer noch so ein kleines Dauerlicht, das Volllicht und vor allem die beiden Zusatzscheinwerfer, die der Vorbesitzer angebracht hat. Wegen diesen beiden sieht Olga doch so aus, als ob sie eine Brille trägt. Damit gibt Olga so viel Licht nach vorne ab, dass ich jetzt einmal gar nichts unternehme, sondern meine Tour wie geplant fortsetze. Der Mount Baldy ist nämlich das zweite Highlight von heute, und darauf verzichte ich wegen einer Glühbirne nicht. Bei einer günstigen Gelegenheit werde ich die Glühbirne dann ersetzen lassen.

Rückseite Mount Baldy

Auf der Karte sieht die Strecke sehr kurvenreich aus. Sie führt zuerst über einen längeren Abschnitt den Berg hinauf, dann ins Dorf Mount Baldy und von da auf einem kurzen Abschnitt wieder hinunter in die Ebene. Der Mount Baldy ist wirklich ein Highlight. Zum Fahren ist es äusserst kurzweilig, anspruchsvoll, kurvenreich und mit vielen Steigungen und Abwärtsstrecken. Dann ist es auch landschaftlich ganz spannend. Man sieht in die Täler und Bergkessel des Gebirges hinein, Bilder einer etwas verwunschenen Welt.

Ginster

In dieser Region und auch auf dieser Höhe blüht gerade der Ginster. Das etwa ganz besonders. Der Duft des blühenden Ginsters wirkt euphorisierend. Dagegen kann man sich nicht wehren. Ich weiss noch gut, wie ich vor sechs Jahren auf einer längeren Tour mehrmals zu Tränen gerührt in einer Landschaft stehen geblieben bin und mich einfach überglücklich gefühlt habe. Erst später habe ich dann mitbekommen, dass das eine Wirkung vom Duft des blühenden Ginsters war.
Ich habe mir im Fachhandel das entsprechende Duftöl besorgt, aber das wirkt nicht gleich. Es braucht offenbar den Duft in Verbindung mit Sonne und Wärme, damit die euphorisierende Wirkung eintritt. Auf jeden Fall freue ich mich seither immer, wenn ich irgendwo den Ginsterduft wahrnehme. Mein Freund Hebi kann ein Lied davon singen, wie es ist, wenn ich plötzlich mit dem Motorrad rechts ranfahre, anhalte und mit ganz verzücktem Gesicht herumschnuppere. Heute ist es wieder einmal soweit. Der Ginster blüht, und ich kann mich nicht dagegen wehren, gute Laune und ein Glücksgefühl zu bekommen.

Lupinen auf dem Mount Baldy

Es ist vielleicht gar nicht schlecht, dass die euphorisierende Wirkung nur in der Natur auftritt. Andernfalls könnten sich einige unglaublich eifrige und vernünftige Leute wieder bemüssigt fühlen, ein Verbot des Ginsterduftes anzustrengen, so wie schon einige andere Pflanze verboten worden sind, nur weil sie das Leben leichter oder schmerzfreier machen könnten. Nach dem Dorf Mount Baldy ist es nur noch ein kurzes Wegstück bis in die Ebene von San Bernardino, und eine Dreiviertelstunde später bin ich am heutigen Etappenziel, in Hesperia.

Ich habe keinen grossen Hunger, also gibt es weder Einkauf noch Restaurantsuche, sondern faulenzen. Nach etwa einer Stunde Entspannung setzt sich dann langsam der Geruch der Erkenntnis durch, dass die Wäsche nicht weiter aufgeschoben werden sollte.
Wäschewaschen ist aber auch ein Ghetto hier. Das Motel verfügt zwar über zwei Waschmaschinen und zwei Trockner, verkauft aber kein Waschmittel und wechselt auch keine Münzen. Dazu schickt mich die Dame an der Rezeption zur die Tankstelle nebenan. „Sorry about that“, meint sie entschuldigend. Warum entschuldigt sie Sich? Das ist doch dummes Zeug! Die Leute vom Hotel wollen das bisschen AUfwand halt nicht leisten, und den Jungs von der Tanke ist es nicht zu mühsam, ein par Dollars extra mit Waschmittel zu machen. Aber was rege ich mich eigentlich auf? Lustlos kämpfe ich mich bis zur Laundry durch und fange an.
Die Zeit für den ersten Waschdurchgang ist bald um. Wenn die Wäsche sauber geworden ist dann kommen gleich noch die Motorradklamotten dran. Die sind mittlerweile wirklich unansehnlich. Vor der Laundry stehen drei Männer, alle drei in meinem Alter. Als ich meine Motorradbekleideung auspacke gibt es gleich ein grosses Hallo: „Ach, bist du das mit der 1200er BMW?“ Die drei sind offenbar auch mit dem Motorrad unterwegs. Sie heissen Mike, Patrick und Antonio. Mike und Patrick sind Brüder, Antonio ist ein guter Freund und der dritte Mann im Bunde. Sie kommen aus Texas und sind auf einer ihrer Touren, die sie drei bis viermal im Jahr machen. Ganz stolz erklären sie mir, wie das bei ihnen abläuft: Sie vereinbaren nur den Zeitraum für ihre nächste Tour, aber nicht Weg und Ziel. Zu Beginn ihrer Tour treffen sich dann immer am gleichen Ort. Dort beraten sie, wohin sie fahren wollen, und dann geht es los. Tja, wir vier haben vieles gemeinsam. Mein Freund Hebi und ich, wir machen das seit Jahren ganz genauso.

Mike, Antonio, Patrick

Die nächste halbe Stunde erzählen wir einander, woher wir kommen und was wir so machen. Es ist eine ganz herzlich-kollegiale Runde. Nach einer halben Stunde fülle ich meine Wäsche in den Trockner um. Antonio holt währenddessen eine grosse Kühltasche mit Bier, und das Kaffekränzchen geht weiter. Irgendeinmal fragt Antonio: „Sag mal, was habt ihr eigentlich für Waffengesetze in der Schweiz. Stimmt das, dass alle Männer für mehrere Jahre Militärdienst leisten müssen und ihre Waffe zuhause haben?“ Es dauert es eine Weile, bis ich mich mit meinem begrenzten Wortschatz und meiner etwas helvetisch händeringenden Seifensiedermanier erklären kann. Ja, Männer sind in der Schweiz grundsätzlich wehrpflichtig. Aber das wird nicht mehr so streng gehandhabt wie auch schon. Wer im Militär eine Waffe bekommt kann sie mit nach Hause nehmen und auch dort aufbewahren. Man kann seine Waffe aber auch in einem Zeughaus deponieren. Der private Waffenerwerb ist in der Schweiz viel strikter geregelt als in den USA. Das Tragen von Waffen ist noch einmal viel strenger geregelt.
Meine drei Kollegen schauen mich etwas verständnislos an. Also nehme ich noch einmal einen Anlauf und versuche, ihnen das zu erklären: Wir Schweizer wohnen in einem ursprünglich unwirtlichen Bergland. Da sind schon lange keine anderen Völker gekommen, die das erobern wollten. Die Schweiz muss sich also kaum vor militärischen Angriffen fürchten. Aber es gibt bei uns andere vitale Bedrohungen. Seit alters her gibt es in der Schweiz Lawinen, Bergstürze, Erdrutsche, Hochwasser und Unwetter. Dagegen richtet man mit einem Gewehr oder mit einem Revolver nicht viel aus. Darum geniessen bei uns Handwerker, Bauern und Baufachleute ein weitaus grösseres Ansehen als Revolverhelden. Wenn ein Mensch wie Robin Hood in der Schweiz gelebt hätte, dann wäre er nicht zu diesem Ruhm gelangt. Denn bei uns richtet man mit Pfeil und Bogen wenig aus. Und ausserdem wird man bei uns mehr geachtet, wenn man einen eigenössisch anerkannten Beruf gelernt hat, als wenn man sich mit der Waffe in der Hand für die Armen einsetzt.
Antonio bringt es schliesslich auf den Punkt: „Du willst sagen, dass es eine Frage der Tradition ist, richtig?“ Ja, genau, ich glaube, dass das eine Frage der Tradition ist, aber auch eine Frage der Geschichte, der Vergangenheit und damit der Kultur.
Patrick spannt den Bogen noch weiter: „Sag mal, es gibt doch jetzt so viele Moslems bei euch in der Schweiz. Sind die wirklich alle so radikalisiert?“ Oje, meine Kollegen schenken mir aber auch gar nichts. Ich sage in dieser Runde bestimmt nicht, dass wir gegen radikalisierte Muslime mit Waffen nichts ausrichten werden. Stattdessen versuche ich zu erklären, was die jungen Menschen, die einen Balkankrieg erlebt haben, zu uns mitgebracht haben, und was da für Kulturdifferenzen bestehen. Ausserdem halte ich fest, dass radikalisierte Muslime nicht wirklich ein relevantes Problem in der Schweiz darstellen. Patricks Fazit beeindruckt mich: „Weisst du, das mit der Radikalisierung der Muslime ist halt das, was wir von unseren Medien so hören“. Ich bin sehr beeindruckt. Da habe ich per Zufall ein paar Kollegen aus Textas kennen gelernt, die Fragen haben, zuhören können und differenziert sind.
Patrick nimmt den Ball noch einmal auf. Er erzählt, dass er bei sich zu Hause einen jungen Australier ("an Aussie, you know")  kennen gelernt hat, der in Australien alles verkauft hat und im Moment mit dem Motorrad durch die Welt tingelt. Patrick hat ihn mit zu sich nach Hause genommen und ihn für eine Weile beherbergt. Der Australier habe zu ihm gesagt: „Weisst du, wenn man euch Amerikaner im Ausland trifft, dann seid ihr wirklich das schlimmste Pack. Entweder seid ihr gerade daran, wieder irgendwo einzumarschieren, ohne dass man euch gerufen hat. Oder ihr seid Touristen und benehmt euch unhöflich, rücksichtslos und laut wie die letzten Menschen. Aber wenn ihr bei euch zu Hause seid, dann seid ihr unvergleichlich nett, liebenswürdig, offen und gastfreundlich und ladet jedermann gleich mit zu euch nach Hause ein, zum Essen und wenn es sein muss auch noch zum Übernachten.“ Patrick, Mike und Antonio lachen laut, und Patrick beugt sich zu mir und meint lachend: „And you know waht? He is right!“
Wir kommen auch noch auf das Wahljahr in den USA zu sprechen. Meine Freunde ärgern sich darüber, dass sie nur zwischen zwei Übeln wählen können. Patrick haut mit der Faust auf den Tisch: „Verdammt, bei jedem wichtigen Job wird doch sonst gesagt, was man können muss, und dann werden die Bewerber angeschaut und man sucht sich die Person aus, die es am besten kann. Aber wenn es um unseren Präsidenten geht, dann machen die TV-Shows die ganzen Wahlen kaputt“. Auf meine Frage, ob sie denn glauben, dass Trump gewinnen wird, überlegt Antono kurz und macht dann nur „Na!“
Meine Wäsche ist schon längst sauber und trocken, als wir uns voneinander verabschieden.

Reiseroute am Montag, 4. April 2016

Kommentare

  • Jeanette Freitag, 15. April 2016 Antworten

    gut zu hören, dass es ‚differenziert‘ zu solchen Themen in den USA auch gibt!
    du bist ein guter Botschafter für Europa 🙂
    it’s such a pleasure reading your stories!

    • Martin Bünger Freitag, 15. April 2016 Antworten

      Ja, es war wiklich ein spannender Abend mit den drei Jungs. Die haben mich sehr überrascht.
      Vielen Dank für die Blumen 😉

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