Hesperia – Santa Barbara

Meine drei Freunde aus Texas sind heute Morgen schon früh losgefahren. Sie wollen noch in die Region der grossen Canyons und am Samstag wieder zu Hause sein. 2000 Meilen werden sie in den nächsten fünf Tagen fahren, also rund 400 Meilen bzw. 650 km pro Tag. Da bleibt ihnen nicht viel Zeit, um herumzutrödeln.

Bei mir ist das eben anders. Ich hab Zeit. Die brauche ich auch, denn meine Haare müssen dringend geschnitten werden. Ich habe mir vorgenommen, dass ich das während meiner Zeit in den USA selber erledige. Ich wollte schon lange einmal wissen, wie ich mit Vollglatze aussehe, und heute Morgen ist der richtige Zeitpunkt für einen ersten Versuch. Es dauert eine ganze Weile, bis die Haare alle weg und der Kopf wirklich glatt rasiert ist.

Vollglatze

Wüste und Schneeberge

Heute Abend will ich in Santa Barbara sein. Auf der Fahrt bis da hin habe ich zwei Leckerbissen-Strecken eingeplant. Dadurch ist die für heute geplante Strecke mit 280 Meilen bzw. 450 km etwas lang geraten. Aber wenn es mir dann doch zu lange werden sollte, dann kann ich immer noch abkürzen.
Kurz vor Mittag fahre ich los. Die bedeckten Farben des Morgenlichts sind schon lange verschwunden, und stattdessen zeigt sich die Gegend in den klaren, satten Farben eines heissen Tages. Das zeigt sich gleich zu Beginn am Kontrast aus der heissen Wüstenebene und den nahen schneebedeckten Bergen.

Das wars dann aber auch schon wieder mit der Beschaulichkeit heute Morgen. In der Strecke - oder in der Art, wie ich heute fahre - ist der Wurm drin. Zwei, drei Mal vergaloppiere ich mich bei der Suche nach der Autobahn-Einfahrt. Endlich auf dem Highway will ich nach etwa zehn Meilen die Ausfahrt 131 nehmen. Dort ist aber erst die Ausfahrt 138. Etwas verunsichert fahre ich weiter bis zur nächsten Ausfahrt. Die hat dann schon die Nummer 129. Irgendetwas stimmt hier nicht. Bei der nächsten Gelegenheit halte ich an und versuche, mich zu orientieren. Die Verwirrung hat einen ganz einfachen Grund: Das war vorhin nicht die Ausfahrt 138, sondern die Ausfahrt zur Strasse 138. Ich habe mich nur verguckt. Etwas erleichtert fahre ich die paar Meilen wieder zurück, finde die Ausfahrt 131 und dann auch die State Route 2. Diese führt sofort über eine wunderbar kurvige Strecke in ein Seitental und von dort nach Nordwesten. Gerne wäre ich heute über diese Strasse bis nach Pasadena gefahren. Aber weil das durch die hohen Berge geht ist die Strasse noch zu und erst ab Mai wieder geöffnet. Darum fahre ich so lange ich kann dieser Strecke entlang, fahre durch ein Skigebiet im Frühjahr und suche eine geeignete Alternative. Bei der Abzweigung in die Berge steht dann aber nichts mehr darüber, dass die Route 2 geschlossen sein soll. Also versuche ich mein Glück. Erst deutlich später warnt ein Schild, dass die Strasse nach 5 Meilen gesperrt sei. Wo ich schon einmal hier bin will ich sicher sein, dass das auch stimmt. Vielleicht habe ich ja Glück und die Strasse ist doch schon offen. Aber nein, leider habe ich kein Glück. Im Gegenteil: Die Strasse ist so etwas von gesperrt, da bleibt kein Zweifel offen, und sollte ein ganz wagemutiger Fahrer daherkommen, dann würde auch ihm der strenge Blick des Park Rangers bei der Schranke auf die Sprünge helfen. ALs heisst es wieder umkehren.
Ich bin erste eine Stunde unterwegs und habe schon Hunger. Das sagt mir, dass ich bei Gelegenheit anhalten sollte. Schliesslich ist es schon nach 12 Uhr. Als am Rande des nächsten Highways ein Restaurant auftaucht halte ich an. Es heisst Malcolms Steakhouse. Offenbar wollte mir das Schicksal einen Wink mit der Wirtshaustafel gegeben.
In Malcolms Steakhouse bedient eine schlanke, energische Frau Mitte sechzig, in schwarzen Jeans und in weisser Bluse, mit hochgestecktem weissem Haar und ziemlich auf Zack. Als sie merkt, dass sie mir ihre Fragen immer mehrmals  stellen muss, bis ich sie endlich verstehe, lacht sie laut heraus und fragt, woher ich denn komme. Sie selber hat schwedische, polnische und deutsche Wurzeln. Ihr Name ist Anderson, aber von ihren deutschen Vorfahren soll es eine Menge Zimmermans in der Verwandtschaft geben. Wie die polnische Verwandtschaft heisst verstehe ich leider nicht. Polnische Namen amerikanisch ausgesprochen, da komme ich heute nicht mit. Soviel verstehe ich: Ihr polnische Grossvater hat offenbar grossen Wert darauf gelegt, dass sie von königlichem Geblüt sind.
Da es hier kein normales Fleisch am Stück gibt probiere ich den Burger vom Black Angus Rind. Er schmeckt ausgezeichnet. Die Köchin schaut kurz in die Gaststube herein und freut sich über mein Kompliment. So wie die beiden Frauen da nebeneinander stehen und miteinander reden sieht es aus, als ob sie Zwillinge wären. Das doppelte Lottchen im Californian style, warum auch nicht?

Ein Mann mitte sechzig kommt herein, offenbar der Besitzer. Als er von den beiden Damen hört, dass ich Ausländer bin, bringt er mir eine Visitenkarte und bittet mich, dass ich ihm von zu Hause aus eine Postkarte schicke. Alternativ könne ich ihm auch eine Mütze dalassen. Er zeigt mir seine Trophäensammlung. Da gibt es nicht viele Postkarten an den Wänden, aber Mützen hängen da zu Hauf. Ich verspreche ihm, dass ich eine Karte schicken werde, wenn ich wieder zu Hause bin.

Visitenkarte von Malcolms Steakhouse

Im Restaurant sind alle möglichen Sachen ausgestellt, unter anderem eine Gitarre („Yes, we have live music on weekends“) und zwei Ledersättel. Der Besitzer zeigt ganz stolz auf den einen und erklärt, dass er den erst vor ein paar Wochen erhalten hätte. Der ehemalige Besitzer sei bei der berittenen Polizei von Los Angeles gewesen und sei jetzt eben pensioniert worden. Was für ein Zufall. Der Vorbesitzer von Olga war ja Motorradtrainer beim LAPD gewesen. Da macht der freundliche Herr vom Restaurant auch grosse Augen.

Bühnenecke in Malcolms Steakhouse

Ledersattel in Malcolms Steakhouse

Kurz nach ein Uhr verabschiede ich mich von den freundlichen Leuten in Malcolms Steak House.

Mein nächstes Zwischenziel ist Santa Clarita, eine Stadt so gross wie Basel, etwa 45 Minuten von Malcolms Steak House entfernt. Dort will ich beim BMW-Händler die Glühbirne des Frontscheinwerfers ersetzen lassen. Gegen 14.00 Uhr komme ich da an. Die Leute bei der BMW-Vertretung sind sehr nett und zuvorkommend. Aber schon bald zeigt sich, dass sie ein wenig zu freundlich sind und dabei bei Weitem nicht so effizient wie die schweidsch-polnisch-deutsche Lady in Malcolms Steakhouse. Und das sieht so aus:
Zuerst heisst mich Kathie vom Empfang herzlich willkommen. Kathie ist zwar sehr freundlich, aber sie will gar nichts von meinem Anliegen wissen. Josh wird sich gleich um mich kümmern, verspricht Kathie, und ruft Josh.
AUch Josh stellt sich mir sehr freundlich vor und bietet mir ein Wasser an. Dann führt er mich in die Serviceabteilung. Dort bearbeitet Luis gerade einen telefonischen Notfall. Luis sieht uns beide kommen. Ohne sein Telefongespräch zu unterbrechen bedankt er sich mit einer Geste bei Josh. Zu mir gerichtet zeigt er auf einen leeren Stuhl und auf seinen Hörer. Wahrscheinlich will er mir damit sagen, dass ich mich setzen soll. Er sei gerade noch am Telefon besetzt. Ich setze mich also brav und warte.
Nach etwa einer Viertelstunde ist der telefonische Notfall behoben. Jetzt steht Luis auf, begrüsst mich ebenfalls ganz freundlch und beginnt, meine Daten aufzunehmen: Personalien, Motorraddaten, meine Wohnadresse in der Schweiz. Ganz brav mache ich alle verlangten Angaben, bin aber etwas irritiert. Glaubt Luis etwa, dass ich bei ihm Stammkunde werden will? Die ganze Befragung dauert etwa 20 Minuten. Ganz am Schluss erkundigt sich Luis schliesslich noch nach dem Anliegen, das mich zu ihm führt. Dann ruft Luis nach Jamieson, dem Mechaniker. Luis stellt uns einander vor und bittet Jamieson, Olga gleich in die Werkstatt zu holen und die Glühbirne zu ersetzen.
In der Werkstatt schaue ich aus etwa fünf Meter Entfernung zu, wie Jamieson sich an Olga zu schaffen macht. Es dauert nicht lange, da unterbricht Jamieson seine Arbeit und ruft Luis zu sich. Luis kommt, bespricht irgendetwas mit Jamieson und ruft noch jemanden dazu. Nach einer Weile merke ich, dass der dritte Mann der grosse Chef sein muss. Jetzt stehen also Jamieson, Luis und der Chef um Olga herum und besprechen irgendetwas. Nach einer Weile rufen sie mich auch noch dazu und erklären mir den Grund ihrer kleinen Konferenz. Jamieson hat vermutet, dass ein Stück vom Glühbirnenhalter abgebrochen ist. Die anderen beiden haben das geprüft und können das bestätigen. Eigentlich müsste jetzt der ganze Lichthalter ersetzt werden. Leider hat die BMW-Werkstatt das Ersatzteil nicht an Lager. Was für ein Glück für mich! Die neue Glühbirne kann nämlich trotzdem eingesetzt werden. Ich wage daraufhinzuweisen, dass während den letzten 7'000 km da ja auch immer eine funktionierende Glühbirne in dem defekten Halter drin war. Die drei Profis nicken bestätigend und meinen, dass sie mich einfach darauf aufmerksam machen müssten, dass die Glühbirne etwas mehr Vibrationen ausgesetzt ist, weil sie nicht ganz so fest fixiert ist, und dass sie dadurch eine etwas verkürzte Lebensdauer haben wird. Der Glühbirnenwechsel kostet mich knapp 60 Dollar. Ich wage nicht, mir vorzustellen, was der ganze Lichthalter gekostet hätte.

Nach einer Stunde bin ich wieder reisefertig und mit einer frisch beleuchteten Olga unterwegs. Ich weiss gerade nicht, was ich von dem eben Erlebten halten soll. Beim Fahren denke ich darüber nach und versuche, alles etwas zu ordnen. Ich mag es ja gerne, wenn in einem Unternehmen die Prozesse definiert und klar sind. Zuerst musste ich eine Viertelstunde warten. Das kann es nun mal geben. Dann sind für einen simplen Birnenwechsel bei einem Laufkunden  zwanzig Minuten Papierkrieg angefallen. Das hätte glaube ich nicht sein müssen. Als endlich zru Tat geschritten wurde, musste für die Diagnose eines angebrochenen Lichthalters das Kader bis in die Chefetage konsultiert werden. Das verstehe ich nicht so ganz. Nun, ich möchte ja weder unhöflich noch grossmäulig sein, aber könnte man sich da nicht einmal überlegen, ob da nicht - möglicherweise  - noch Potential zur Vereinfachung und zur Beschleunigung vorhanden ist? Wie auch immer: Olga strahlt auf jeden Fall jetzt wieder alles an, was bei drei nicht auf dem Baum ist, und das ist auch gut so.

Mittlerweile ist es richtig heiss geworden. Ich bin zwar in der leichtesten verfügbaren Ausrüstung unterwegs, aber ich schwitze unsäglich in dieser Hitze. Da, wo ich zu meiner zweiten Bergtour von heute abzweigen sollte, muss ich mich entscheiden. Die Bergtour verschiebe ich. Stattdessen fahre ich auf direktem Weg nach Santa Barbara. Nach einem längeren Aufenthalt im Feierabendverkehr mit einigen Staus komme ich gegen 17.00 Uhr in meinem Motel an. Ich kann mich nicht erinnern, dass mir auf dieser Reise jemals schon so heiss geworden ist.

Heute gibt es nur ein leichtes Abendessen. Eigentlich gibt es zum Abendessen einen leichten Weisswein, aber für solche Feinheiten war es mir heute einfach viel zu heiss.

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