Santa Barbara – San Luis Obispo

Bei dem schönen Wetter, das wir heute in Santa Barbara haben, sitzen die meisten Hotelgäste zum Frühstücken draussen. Auch ich sitze vor meinem Kabäuschen und lasse mir die Sonne auf den Morgentee scheinen. Unter den Gästen gibt es zwar praktisch keinen Kontakt. Man grüsst sich und hält sich die Türe auf. Trotzdem herrscht heute Morgen eine ganz freundliche, einvernehmliche Atmosphäre.
Die meisten Gäste sind wie ich hier auf der Durchreise und reisen heute Morgen wieder ab. Daher sind die meisten gleichzeitig am Packen und am Laden. Viele Zimmertüren stehen offen. Man sieht einander beim Packen und beim Laden zu, sieht sich mit dem Gepäck aus dem Zimmer kommen, noch einmal ins Zimmer etwas zurückrufen, zum Fahrzeug gehen und das Gepäck verstauen. Die Atmosphäre hier gleicht ein bisschen dem Ende eines Ferienlagers, wenn alle durcheinanderwuseln, ihr Zeug nehmen und dann gehen.
Ich bin schon fast fertig mit Packen und werde als einer der Ersten hier abfahren. Ein anderer Gast kommt auf mich zu. Er spricht nur spanisch und möchte wissen, was das für ein Plastikteil am rechten Lenkerende von Olga ist. Er meint so eine Platte am Gasgriff, welche die Funktionen eines einfachen Tempomaten und einer Gashand-Entlastung vereint. Obwohl ich kein Spanisch kann, verständigen wir uns ganz schnell. Als das mit dem Tempomat klar ist erzählt er noch irgendetwas auf Spanisch. Dann sieht er mein verständnisloses Gesicht und malt er ein paar imaginäre Zeichen auf den Tank von Olga. Jetzt verstehe ich: Er hat die GS 1150, die ältere Schwester von Olga. „You have the older one?“ Das ist es aber nicht. Irgendetwas habe ich falsch verstanden. Er zieht mit beiden Händen einen grossen Bogen vor seinem Bauch. Jetzt habe ich - glaube ich - verstanden: „Oh, you have the Touring with the big chassis?“ Das war's, was er gemeint hat. Er fährt nicht eine alte GS, sondern eine K1200 oder eine K1600, also eine der neuen Tourenmaschinen von BMW. Das war's auch schon, und mein Nachbar verabschiedet sich auf Spanisch. Im letzten Moment merkt er gerade noch, dass etwas nicht stimmt, und schiebt noch rasch ein "Good bye" nach.

Ich muss unbedingt noch heute Morgen in Santa Barbara tanken, damit ich gut durch den Tag komme. Der Mann von der Tankstellenkasse fragt mich irgendetwas. Wie so oft verstehe ich nicht gleich, was er meint. Der Kassier ist etwa Mitte dreissig. Er will wissen, woher ich denn komme. Das ist etwas ungewöhnlich. Die Leute von den Tankstellenkassen sind meistens froh, wenn der Zahlungsvorgang durch und der Kunde wieder weg ist – ausser dem netten Mann in Sonoita vor etwa drei Wochen. Aber der hier ist neugieriger. Also, ich komme ja wie immer from Switzerland. Woher denn from Switzerland? From the Swiss German Part. „Yes, but from wich City?“ Jetzt bin ich etwas irritiert. So genau wollte es noch niemand hier wissen. Darum frage ich nach, ob er denn schon in der Schweiz gewesen sei. Er strahlt und erzählt, dass er in Brig Hotelmanagement studiert habe und in Montreux sieben Monate lang ein Hotelpraktikum absolviert habe. Ursprünglich komme er aber aus Syrien. Er denkt gerne an die Zeit in der Schweiz zurück.
Mit etwas gemischten Gefühlen gehe ich nach unserer kurzen Unterhaltung zu meiner Zapfsäule zurück. Er ist Syrer, der in der Schweiz Hotelmanagement studiert hat und jetzt in Kalifornien an einer Tankstelle die Kasse macht?

Lake Casitas

Ich fahre heute den schönen Teil der Strecke, die ich vorgestern in der Hitze nicht mehr fahren mochte. Sie führt zuerst wieder zurück nach Süden. Kurz vor Ventura fahre ich dann einen Bogen ins Hinterland und schwenke dann weiter oben wieder nach Nordwesten. Hier im Hinterland der Küste ist offenbar der Gemüsegarten von Kalifornien. Alles ist grün und saftig. Es hat Obstplantagen und offenbar auch genügend Wasser. Das Wasser kommt wahrscheinlich vom Lake Casitas, einem Stausee, mit dem wohl die Wasserversorgung der Region sichergestellt wird.

Bei der Streckenplanung gestern Abend hat es einen Teil gegeben, bei dem ich nicht ganz verstanden hatte, wie der Routenverlauf sein soll. In diese Region komme ich und prompt verfahre ich mich. Meinen Standort finde ich zwar dank Tante Google immer gleich wieder und weiss dann auch wieder wie weiter, aber es geht einfach nicht auf. Es stimmt einfach nichts mehr. Schliesslich gibt mir nicht einmal mehr Google einen brauchbaren Standorthinweis ab. Ich fahre weiter, und erst als auf meiner linken Seite der Lake Casitas auftaucht merke ich auch, warum das hier so seltsam ist. Ich bin im Kreis gefahren und fahre gerade wieder die Strecke zurück, auf der ich gekommen bin.

Schöne Bergstrecke

Nach einer Viertelstunde bin ich dann richtig auf der Strasse 33 und fahre auf dem direkten Weg in die Berge. Um es kurz zu machen: Es ist ganz toll hier, aber statt hier etwas vorzuschwärmen, wie schön die Strecke zu fahren ist, lasse ich dieses Bild hier sprechen:

Der Ginsterduft, den ich an den Vortagen beschrieben habe, war ein billiger Abklatsch im Vergleich zu dem, was heute in diesen Bergen hier los ist. Aus ganzen grünen Hängen bricht  grellgelb die Ginsterblust heraus und verbreitet ihren unglaublich intensiven Duft. Ich atme immer wieder tief ein, so dass ich fast am Hyperventilieren bin. Ich will möglichst viel von dem Ginsterduft einatmen, damit ich ganz schnell ganz fest glücklich werde. Ein paar Kilometer weiter dann in höheren Lagen hat es keinen Ginster mehr. Ich bin zwar nicht so sehr glücklich geworden, wie ich es nach meinen heftigen Atemünungen hätte sein sollen. Aber immerhin bin ich so zufrieden, dass ich über mich selber lachen muss. Mir geht es bestens. Vielleicht wirkt der Ginster in den USA halt mehr auf diese Weise.
Es ist Mittagszeit und ich hatte gehofft, dass es in Lake of the Woods ein Café oder ein Restaurant geben würde, wo ich etwas Kleines hätte essen können. Im Dorf gibt es aber nur eine Pizzeria, und Pizza am Mittag, das kann ich auf der Tour überhaupt nicht brauchen. Es reicht, wenn Olga mir ihren dicken Bauch entgegenstreckt.
Kurz nach Lake of the Woods teilt sich die Strasse. Wie geplant fahre ich auf der Cuddy Valley Road weiter. Warum die Strasse so heisst ist mir nicht ganz klar. Sie führt nämlich nicht durchs Cuddy Valley. Vielleicht ist das Cuddy Valley ja das Tal, in das ich aus immer grösserer Höhe hinabsehe. Schliesslich fgührt mich diese Strecke auf eine Höhe von 2'500 m. Ich weiss das so genau, weil vor einem Berghaus ein Schild mit der Höhenangabe steht. Und vor diesem Berghaus ist dann auch Endstation. Die Strasse hört hier auf. Wahrscheinlich habe ich bei der Planung nicht richtig hingeschaut, oder ich habe die Strassennamen nicht richtig zuordnen können. Hier geht es jedenfalls nicht weiter. Es sind nur etwa zehn Minuten, die ich zurückfahren muss. Dann nehme ich bei der Gabelung die andere Strasse und fahre in der richtigen Richtung weiter.

Blühende Berge

Blühende Ebene

Hier im Hinterland von Kalifornien ist der Frühling auf dem Vormarsch. Ich sehe Hügelzüge, die grün beflaumt sind, als ob sie ein grünes Beret tragen würden oder mit einem etwas durchsichtigen, grünen Tuch bedeckt wären. Zwischen dem Braun der Hügel und dem grünen Flaum wirkt der gelbe Farbton der Frühlingsblumen fast ein wenig kitschig, etwa so, wie wenn ein Kind eine Landschaft etwas zu farbig gemalt hätte.
Ich habe immer noch nichts zu Mittag gegessen. Eigentlich hoffe ich immer noch, dass irgendwo ein Café oder ein Restaurant auftauchet. Mittlerweile ist es 14.00 Uhr. Vielleicht gibt es ja im nächsten Ort, in Maricopa, etwas Schlaues. Das ist aber leider eine Fehlanzeige, denn in Maricopa gibt es lediglich eine Tankstelle, in die auch ein Subway integriert ist. Die Tankstelle ist ja schon einmal nicht schlecht. Aber wenn der Subway die einzige Essensmöglichkeit in Maricopa ist, dann habe ich eben Pech gehabt. Auf jeden Fall will ich jetzt endlich zu Mittag essen. Kurz nach Maricopa halte ich am Strassenrand zum Picknicken an.

Petroleum Road

Während ich am Kauen bin schaue ich mich um, weil ich wissen will, wo ich hier eigentlich gelandet bin. Rings um mich herum stehen viele kleine Ölförderanlagen. Das sind diese Pumpen, die mit Gegengewichten auf und ab bewegt werden, wie ich sie von Bildern kenne. Etwas weiter vorne wird dann auf einem Schild die Erklärung nachgeliefert: Ich stehe hier auf der Petroleum Road. Links und rechts der Strasse steht ein richtiger Wald mit diesen Erdölpumpen. Als ich später weiter dieser Strasse entlang fahre, lichtet sich der Pumpenwald ein wenig. Aber bis in die Berge hinauf sieht man immer wieder vereinzelte Pumpen auf und ab schaukeln.

Braune Kuppeln

Braunrote Ebene

Drei Hügel

Im Verlauf des heutigen Tages wechselt die Landschaft hier schnell ihr Aussehen. Zuerst dominieren in den Bergen die klassischen runden Steine und die Buschlandschaft. Dann der Übergang zu den frühlingshaften grün-gelben Hügeln und Ebenen. Dann der Wechsel zu runden, sanften braungrauen Kuppeln in der Höhe, die in tieferen Lagen von gelbbraunen Bergen und einer rötlichen Ebene abgelöst werden.
Bei der sich wandelnden Landschaft fällt mir auf, dass es hier zuerst in der Höhe grün wird, während es in unteren Lagen noch braun und vertrocknet aussieht.  Erst später wird es dann auch in tieferen Lagen grün. Ob das wohl damit zu tun hat, dass es hier in der Höhe mehr Wasser hat, dass in der Höhe das Wasser besser gespeichert werden kann und in tieferen, wärmeren Lagen der Boden schneller austrocknet?
Gegen 17.00 Uhr komme ich in San Luis Obispo an. Ich bin heute von Santa Barbara aus einen Rundbogen mit etwa 300 Meilen Strecke gefahren. In Luftlinie gemessen bin ich lediglich etwa 100 Meilen von Santa Barbara entfernt. Die Tour heute war anstrengend. Ich bin ziemlich kaputt, gehe noch rasch etwas zum Abendessen und fürs Frühstück einkaufen, und dann war's das auch schon wieder.

Reiseroute am Donnerstag, 7. April 2016

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