San Francisco

Gegen 05.30 weckt mich ein Geräusch. Es ist der Regen, der aufs Hausdach klopft. Also stimmt die Wetterprognose für heute in San Luis Obispo: Es regnet. Da kann ich mich ja noch einmal umdrehen.
Bis ich nach dem Frühstück mit dem Laden beginne ist die Strasse schon fast wieder trocken. Bei der Abfahrt beginnt es aber  wieder zu tröpfeln. Schon nach ein paar wenigen Kilometern Fahrt fühlen sich meine Töffkleider etwas feucht und kühl an.
Die Tour heute besteht aus zwei etwa gleich langen Etappen. Die erste Etappe führt über die Küstenstrasse nach Monterey. Nach etwa 40 Meilen Traverse durch Monterey und die nähere Umgebung beginnt dann die zweite Etappe. Auf dieser Etappe fahre ich alles im Landesinneren auf der Strasse 35 über die Hügel bis nach San Francisco.

Whale Rock Reservoir 1

Whale Rock Reservoir 2

Fünf grüne schlafende Riesen

Die Küstenstrasse liegt etwas im Dunst, aber die Sichtweite ist ganz passabel. Ich will noch wie geplant auf einem kleinen Abstecher durchs Hinterland fahren. Dort wird der Dunst zunehmend dichter, und ich fahre jetzt halt etwas durch den Nebel. Am Whale Rock Reservoir reisst der Nebel auf und gibt den Blick frei auf den See, der als Wasserreservoir dient. Hier hat der Regen seit gestern eine heftige Veränderung bewirkt. Die Spuren der braunen Hügel sind verschwunden, stattdessen ist jetzt alles kräftig grün und gelb, ist voller Saft und mitten im Wachstum. Der Nebel verschliesst das Bild bald wieder. Ich fahre genau auf der Höhe, wo mich die Wolken umschliessen und die Sicht auf ein paar wenige Meter beschränken. Der Nebel bzw. die Wolken sind hier mindestens so dicht wie in der Po-Ebene in Italien. Das führt zu nichts. Ich gebe den Plan mit meinem Abstecher auf und kehre wieder zurück auf die Küstenstrasse. Dort ist wenigstens die Sichtweite besser.
Wären der leichte Nieselregen und der Nebel nicht, es wäre eine sehr schöne Strecke hier der Küste entlang. Aber bei dem Wetter tuckern die Autos so langsam vor sich hin, dass man fast nicht vom Fleck kommt. Ausserdem macht die Feuchtigkeit die Strasse manchmal etwas unberechenbar glitschig. Es ist also nichts mit Kurvenfahren. Stattdessen ist es so ein Tütterlen in der Kolonne.
Heute gibt es wenig zu berichten, denke ich. Das stimmt aber, wie sich in den nächsten Augenblicken zeigt, so nicht. Hier gibt es offenbar Aussichtspunkte, von denen aus man See-Elephanten beobachten kann. Beim nächsten Aussichtspunkt halte ich an. Es hat überraschend viele Autos hier. Unter den Touristen sind viele Familien mit Kindern. Jetzt ist doch gar noch nicht Ferienzeit.

Kämpfende See-Elephanten

See-Elephant beim Robben

Man kann sich den See-Elephanten wirklich bis auf eine Distanz von etwa zehn Metern nähern und kann so die Tiere sehr schön beobachten. Viele See-Elephanten liegen einfach faul am Strand. Einige der erwachsenen Männchen sind aber im Wasser und stossen von Zeit zu Zeit ihren Revierruf aus. Der tönt wie ein langes, sanftes Rülpsen. Rülpsen als Ausdruck von Testosteronüberschuss ist bestimmt eines der sympathischeren Männlichkeitssymptome. In Olten sieht das anders aus. Da fahren die jungen Männer am Donnerstagabend (Abendverkauf) mit ihren Autos durch die Innenstadt und lassen die Motoren aufheulen und die Autoradios dröhnen. Meistens störe ich mich etwas daran. Wenn ich mir aber vorstelle, dass die Kerle alle zu Fuss durch die Innenstadt ziehen und die ganze Zeit so lange, tiefe Rülpser ausstossen würden, das fände ich auch blöd. Aber im Gegensatz zu den motorisierten Jünglingen in Olten machen die Seeelephanten-Männchen hier einen liebenswürdigen Eindruck, wenn sie so im Wasser schwimmen, dass gerade noch der Kopf, vielleicht noch etwas mehr, aus dem Wasser herausschaut. Das Grau in Grau von Wasser und See-Elephant wird lediglich ab und zu unterbrochen durch die rosa Maulöffnung, die sichtbar wird, wenn sie wieder ihre Rülpser ausstossen.
Ich kehre zurück und will weiterfahren. Da steht gerade ein Kollege mit seinem Fahrzeug neben Olga. Er kommt von Pennsylvania, also von der Ostküste, und will auch nach Norden in Richtung San Francisco. Er fragt mich, ob es hier bei Gelegenheit ein Restaurant gäbe. Das weiss ich leider nicht, da ich zum ersten Mal hier bin und auch nach Norden fahre, aber ich würde es auch gerne wissen. Der Kollege ist mit einem Anhänger unterwegs. Er erklärt, dass er genug gehabt habe vom engen Packen mit Seitenkoffern. Darum fahre er Motorrad jetzt nur noch mit Anhänger. Er habe so viel Platz, dass er sogar noch sieben Gallonen Benzinreserve mitführe.
Ich fahre weiter nach Norden und schaue, dass ich vor dem Mittag noch möglichst nahe an Monterey herankomme. In Lucia finde ich ein Restaurant mit Aussichtsterrasse. Da kann man den Nebel hervorragend beobachten. Zum Mittagessen gibt es ein Sandwich aus getoastetem Vollkorntoast und dazu Pommes. Ausgewogene Ernährung sieht anders aus, aber das war wirklich das Beste, was es auf der Karte hatte. Ausserdem brauche ich im Moment einfach einen trockenen Sitzplatz und eine warme Mahlzeit. Die Feuchtigkeit und die Kälte setzen mir langsam etwas zu.

Brigsby-Bridge

Blick von der Brigsby-Brücke

Die Fahrt auf der Küstenstrasse weiter nach Norden verläuft weitgehend ereignislos. Die historische Brücke von Brigsby (1932) ist zwar nicht der Riesenknüller, aber es ist immerhin eine Gelegenheit, um Pause zu machen und mir die historische Brücke anzuschauen.
Als ich vom Erkundungsgang zur Brücke zurückkomme ist Olga eingekesselt in einem Pulk von Motorrädern. Die Kollegen sehen mich herankommen und fragen, ob sie mich blockieren. Ja, den Eindruck habe ich schon, und eigentlich sieht man das ja auch. Das tut ihnen zwar leid, aber deswegen stellen sie ihre Fahrzeuge noch lange nicht weg. Wir kommen ins Gespräch. Es ist eine bunte Truppe von jüngeren Fahrern, die sich für eine Tour ab Las Vegas zusammengefunden haben. Einer von ihnen stammt aus Pennsylvania, ein zweiter aus Polen, ein paar aus der Gegend der Westküste hier sind auch dabei. Was ist das eigentlich für eine Truppe? Ein junger, sympathischer Kollege klärt mich auf. In einer Woche beginnt in Las Vegas die Entwicklerkonferenz derer, die gemeinsam eine open source Software entwickeln. Das Produkt ist eine Webshop-Lösung und heisst Magenta, ist also eines der grossen und bekannten open source Projekte. Die Kollegen hier arbeiten alle in irgendeiner Funktion mit Magenta, werden an der Konferenz teilnehmen und haben sich miteinander für eine Tour vor der Konferenz verabredet. Es sind wirklich nette und interessante Kollegen. Mittlerweile sind ein paar Autos weggefahren und es hat etwas Platz gegeben, so dass Olga nicht ehr so eingeengt ist. Wir verabschieden uns und ich ziehe weiter.
Nach der Traverse in Monterey bin ich auf die Strasse 35 gespannt. Ob sie wohl wieder durch den Nebel oder durch die Wolken führt, weil sie durch eine höher gelegene Gegend führt? Sie tut es, aber nur zum Teil. Im Wesentlichen ist die 35 eine richtig gmögige Kretenstrasse, von der man wahrscheinlich an vielen Orten eine tolle Aussicht über die grössere San Francisco Region hätte. Nur heute eben nicht.
Bei der Einfahrt in San Francisco herrscht schon Abendverkehr und  es gibt viele lange Staus. Ich erreiche mein Motel gegen 18.30 Uhr. Für einen Besuch der Golden Gate Brücke ist es heute zu spät, auch wenn ich nur vier Meilen davon entfernt bin.
Der Herr vom Motel erklärt mir, dass er mir ein Parterre-Zimmer geben werde, damit ich Olga gleich beim Zimmer parkieren kann. Das sei übrigens ein Vorteil für mich, macht er bedeutungsvoll. Aha, denke ich, und ich bedanke ich mich ganz schnell und sehr für diesen Vorteil. Allerdings glaube ich da nicht so recht dran, denn das Motel liegt gleich neben dem Highway 101, und da ist es nicht unbedingt ein Vorteil, wenn man das Zimmer im Parterre hat. Ich schaue mich im Zimmer um und bin ziemlich konsterniert. So etwas Schmutziges habe ich auf der ganzen Tour noch nicht gesehen. Die Bettwäsche scheint sauber zu sein, aber in einem der Handtücher hat es Haare, auf dem Boden hat es Schmutzkrümel und er ist dazu noch etwas schmierig. Das Hygiene-Siegel über der Toilette ist sichtlich mehrfach gebraucht. Ich mache mich heute bestimmt nicht mehr auf die Suche nach einem anderen Zimmer, schon wegen der Stornierungskosten nicht. Aber ich nehme meinen Töff-Putzlappen und die Flasche mit dem Putzalkohol hervor und beginne, das Zimmer so sauber zu machen, dass ich mich darin bewegen kann, ohne dass es mich ekelt. Nachdem das geschafft ist gehe ich noch auf eine kleine Erkundungstour in der Umgebung, kaufe noch etwas ein, und dann gibt es frühzeitig Feierabend.

Reiseroute am Freitag, 8. April 2016

Kommentare

  • Karl Bürgi Mittwoch, 13. April 2016 Antworten

    Hi Martin
    Nässe und Wasser sind bei uns im Moment auch nichts Unbekanntes. Nur eines fehlt, die See-Elefanten, dafür hat es umso mehr Regenwürmer, die ich gestern im Garten, meinem Minibiotop, beobachtet habe. Deine Begegnungen mit Motorradtypen lesen sich interessant an, alles Fernwehmenschen !?

    Herzliche Grüsse Karl

    • Martin Bünger Mittwoch, 13. April 2016 Antworten

      Hallo Kari
      stimmt, Regenwürmer könnten durchaus die angepassten Nachfahren von Urzeit-Seelefanten sein. Nur schade, dass sie das Rülpsen verlernt haben. Das wäre doch ein Konzert, an einem lauen Frühlingsabend im Garten dem Gorpsen der Würmer zu lauschen.
      Fernwehmenschen: Bei den Jungen habe ich auch den Eindruck, dass es Fernwehmenschen sind, vielleicht auch einfach Sehnsüchtige. Beim anderen Kollegen könnte ich mir vorstellen, dass er einfach den Hintern nicht stillhalten kann. Es gibt doch diese Unterwegser, die immer – unabhängig vom Fortbewegungsmittel – gerade von irgendwo weg nach sonstwo hin gehen.
      Herzliche Grüsse
      Martin

  • Karl Bürgi Mittwoch, 13. April 2016 Antworten

    Etwas wollte ich meinem Kommentar noch nachschieben, Martin: Es ist bei uns Frühling, trotz oder gerade wegen der Regenwürmern. Die Osterglocken blühen noch in vollem Gelb und im Morgengrauen habe ich am Waldrand die ersten Rehe beim äsen gesehen.

    LG Karl

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