Bigfoot Highway – Happy Camp

Heute ist Sonntag. Auf er Strasse hat es wenig Verkehr, aber von den Nachbarn im Motel sind die meisten früh dran. Der Morgen bekommt dadurch etwas Hektisches, das sich mit dem verschlafenen Nest Fort Bragg und auch mit dem ruhigen Motel etwas beisst. Schliesslich setzt sich bei mir doch der Druck zum Aufbruch durch, und etwas zeitiger als gewöhnlich bin ich unterwegs. Für heute habe ich eine etwas längere Route geplant, weil ich im Zielgebiet nur an einem Ort eine Unterkunft gefunden habe. Zuerst geht es kurz der Küste entlang. Dann kommt der erste Abstecher, wieder durch die Hügel zum Highway 101. Laytonville heisst der Ort, wo die Querverbindung und der Highway zusammenkommen. Von dort aus fahre ich 120 Meilen auf dem Highway 101. Dann vereinigen sich die Küstenstrasse und der Highway. Etwas später, bei einem Ort namens Arcata, nehme ich dann den Weg nach Nordosten in die Berge und fahre dann auf dem Bigfoot Highway bis nach Happy Camp. Die Gegend dort ist offenbar schwach besiedelt, denn im Umkreis von 100 Meilen habe ich nur gerade dort in Happy Camp eine Unterkunft gefunden. Der Bigfoot Highway ist von mehreren Quellen als sehr schöne Strecke bezeichnet worden. Da bin ich ja gespannt.
In der Nacht hat der Regen auch Fort Bragg erreicht. Die Küstenstrasse ist nass und es gibt Nieselregen.

Das scheint ein paar junge Hirsche nicht zu stören. Sie wollen an einer übersichtlichen Stelle über die Strasse, möchten mir aber den Vortritt lassen. Ich halte aber lieber an und fotografiere die Tiere, was diesen aber auch nicht recht ist. Sie ziehen sich etwas ins hohe Gras zurück und schauen immer wieder, ob ich noch da bin, und immer, wenn sie nach mir schauen, gibt mir das die Gelegenheit, zu fotografieren. Das wird den Hirschen zu blöd und sie ziehen sich zurück. Da bleibt mir auch nichts als weiterzufahren.

Die Küste liegt heute nicht im Dunst. Auch wenn das etwas Geheimnisvolle von gestern weg ist macht sie auf mich aber immer noch den Eindruck von etwas Urgewaltigem. Ich weiss nicht, warum ich das mit den Kelten verbinde. Vielleicht, weil es mich an die Bretagne erinnert.

Die Verbindungsstrasse durch die Hügel nach Laytonville ist eine geteerte Waldstrasse, kurvenreich und tückisch, ähnlich wie viele Nebenstrassen bei uns im Jura. Hier regnet es nicht und die Strasse ist auch trocken. Ich bin froh, denn auf der Strasse hat es immer wieder Biomasse. Wenn die nass wäre, dann müsste ich hier im Fahrradtempo durchtuckern. Aber so ist es eine kurzweilige Fahrt bis nach Layton.
In Laytonville mache ich Rast. Es ist zwar Sonntagmorgen. Trotzdem sind die Geschäfte geöffnet. Eigentlich brauche ich gar nichts, aber in diesen Supermärkten auf dem Land gibt es einfach sehr viel Spannendes zu sehen. Und wenn es nicht das Sortiment ist, dann sind es die Leute, die hier am Sonntagmorgen einkaufen. Es sind durch die Bank kräftige Leute in robuster, ländlicher Kleidung, eigentlich im Holzfällerlook. Und anders als bei uns oder in den Städten ist diese Kleidung hier nicht Hipp oder stylisch, sondern das, was man hier offenbar braucht. Die Kleidung der meisten Leute hier sieht nämlich auch wirklich gebraucht aus. Offenbar bin ich nicht der einzige, der sich hier im Supermarkt und unter den Leuten umschaut. Heute Morgen sehen sich alle an, was es hier zu sehen gibt. Ausserdem treffen sie Bekannte und haben viel miteinander zu bereden. Es ist ein wenig wie bei uns früher, als man nach dem Gottesdienstbesuch noch zusammengestanden ist und die vergangene Woche nach- und die kommende Woche vorbesprochen hat. Hier in Laytonville lässt man einfach den Umweg über die Kirche weg, was ja offenbar ganz praktisch ist.

Der Highway 101 wird in Kalifornien als Strasse empfohlen, der fast immer durch eine sehenswerte Umgebung führt. Das stimmt auch meistens. Nur schade, dass das Wetter heute nicht richtig mitmacht.
Nicht lange nach Layton führt die Strasse über eine Brücke, die ein richtiges Tobel überquert. Der Fluss hier ist der Südast des Eel River, wie ich später sehe, ein Fluss, der ein grosses Gebiet entwässert und dabei sehr viel Geschiebe mitbringt.

Eel River 1

Eel River 2

Etwas später komme ich an den Zusammenfluss von Nord- und Südast. Hier sieht man recht gut, was der Fluss so alles transportiert.

Der Regen lässt nach, es wird langsam trocken. Die Landschaft verändert sich. Aus der wolkenverhangenen schroffen Bergregion komme ich zuerst in eine Waldzone, in der die roten Riesen stehen, riesige Bäume, unglaublich dick und hoch.

Baumriesen

Dann nähere ich mich der Stadt Eureka und komme ins freie Feld, in ebenes Land. Der Pazifik ist weder sichtbar. Am weiten Mündungsgebiet des Eel River vorbei taucht weit aussen aus dem Dunst ein Damm auf. Eureka liegt offenbar an einer grossen Lagune. Leider finde ich keinen Weg, um auf den Damm zu kommen, schade. Aber zuerst gibt es für Olga und für mich etwas zu Essen in Eureka. Dann bin ich auch schon in Arcata, wo die Etappe in Richtung Berge beginnt.
Ich komme in höhere Lagen. Die Wolken nehmen zu, es wird wieder dunstig, neblig, der Regen setzt ein und die Stimmung sinkt wieder in tiefere Lagen. Wenn das jetzt bis Happy Camp so weitergeht, dann wird das eine sehr mühsame und heikle Etappe. Ich erinnere mich nur ungern an die Strecke von Payson nach Springerville. Dort war es wenigstens nur kalt und dunkel. Hier ist es auch noch nass.
Die Strecke führt in dickem Nebel über eine Passhöhe, und nur wenige Kilometer später reisst es die dicke Wolkendecke auf. Zum ersten Mal heute sehe ich blauen Himmel. Wunderbar! Der Slogan von Peter kommt mir wieder in den Sinn: Man muss mit allem rechnen, auch mit dem Guten.
Hier ist das Gebiet der Hoopa, offenbar eines der ältesten Indianerreservate. Die Hoopa haben immer schon hier gelebt. Sie sollen friedliche Fischer und Jäger gewesen sein, die ohne Ackerbau auskommen konnten, da die Wälder und Flüsse der Region genügend Nahrung geboten haben. Noch heute können die Hoopa offenbar weitestgehend von dem Leben, was die Flüsse und die Wälder anbieten. Vielleicht ist der Slogan „Ich hupe auch für Tiere“ hier entstanden.

Klamath River 1

Klamath River 2

Bei Weitchpec fliesst Trinity River in Klamath River. Ich biege hier ab und fahre alles dem Klamath River entlang. Es ist ganz friedlich, in dieser ruhigen Abendstimmung bei diesem schönen Abendwetter dem Fluss entlang zu fahren. Da ist der Fluss wie ein treuer Begleiter. Heute ist sowieso ein Tag, an dem ich es mit den Flüssen zu tun hatte: Zuerst der Südast des Eel River, dann der Zusammenfluss mit dem Nordast zum Eel River, dann der Trinity River, jetzt der Klamath River. Es erinnert mich an eine Flusswanderung, die ich vor vielen Jahren gemacht habe. Da bin ich von Goppenstein aus der Rhone entlang gewandert, zuerst bis zum Genfersee, dann bis nach Genf, wo die Rhone wieder zum Vorschein kommt. Ich mag Flüsse als Reisebegleiter. Sie vereinen grosse Eigenschaften wie Ruhe, Klarheit, Konstanz, Verlässlichkeit, Behäbigkeit und gleichzeitig auch gegensätzliche Eigenschaften wie Vielfältigkeit, Kraft, Gewalt, Wildheit.

Auf meiner Tour west from south to north ist jetzt ein ganz anderer Zug drauf als es bisher der Fall war. In der Rückschau hatten die Etappen in Arizona und New Mexico eher explorativen Charakter. Ich hatte zwar einen Plan, habe aber auch ausprobiert, wie das mit dem Planen, Umsetzen und Fahren hier funktioniert und dabei ich auch meine ersten Lektionen hier gelernt. Durch den Kälteeinbruch bei den grossen Canyons habe ich mich mit meiner Planung durcheinanderbringen lassen. Weil ich ein so grosses Bedürfnis nach Ruhe und Wärme hatte bin ich nach Süden ausgewochen. Dabei sind für die Strecke von Phoenix nach San Diego sieben Tage draufgegangen. Danach bin ich in aller Ruhe die kalifornische Küste hochgetuckert und habe mitgenommen, was es gerade mitzunehmen gab. Wenn ich jetzt auf meine Planung schaue, dann sehe ich, dass ich in keinem Bundesstaat der USA wieder so viel Zeit verbringen werde wie hier in Kalifornien. Heute komme ich in Happy Camp an mein nördlichstes Etappenziel in Kalifornien. In Zukunft werden meine Zielräume nicht mehr so flächig definiert sein wir bisher. Meine Reise orientiert sich in Zukunft stärker an einzelnen Punkte oder Orten wie Reno, Carson City, Yosemite, Death Valley etc. Wo ich noch keine klaren Punkte oder Orte kenne habe ich die Zeiträume klarer und enger definiert. So rechne ich z.B. für Colorado vier bis fünf Tage oder für Wyoming drei Tage, weil ich noch nicht weiss, was ich in diesen Regionen anfahren werde. Diese Zeiträume kann ich nicht mehr so beliebig verschieben, wie ich es noch in New Mexico oder in Arizona konnte, weil ich sonst für meine Pläne in British Columbia, Yukon und Alaska zu wenig Zeit habe. Auf diese Etappen bin ich sehr gespannt, und ich fürchte mich auch ein wenig vor ihnen. Darum will ich dort genügend Zeit haben, und das wiederum macht, dass ich mich von jetzt an straffer an die Grobplanung halten will. Das Ziel Alaska entfaltet seine Sogwirkung. Es ist jetzt Zug auf dem Seil meiner Reise.
Das erinnert mich an eine eiserne Regel, die ich in meiner BWL-Ausbildung gelernt habe und an die ich mich wo immer möglich gehalten habe. Die Regel lautet: Structure follows Strategy. Zuerst wird die Frage nach dem Inhalt und der Richtung beantwortet. Erst dann wird über das Wie diskutiert.
Wenn man es umgekehrt betrachtet, dann stimmt es auch: No Structure, No Strategy. Wenn ich das Wie eines Vorhabens nicht stabil hinbekomme, dann sind wahrscheinlich das Ziel, der Inhalt oder die Richtung nicht genügend klar.
Mit solchen Überlegungen im Kopf fahre ich die 60 Meilen dem Klamath River entlang nach Happy Camp. Alles passt im Moment zusammen. Eine tolle Töffstrecke, eine schöne Abendstimmung bei gutem und warmem Wetter, es herrscht kein kein Verkehr und ich bin mit mir und der Welt im Moment ganz zufrieden. So komme ich in Happy Camp an.
Das Dorf soll 1100 Einwohner haben. Von einem deutschen Kabarettisten habe ich einmal den Spruch gehört: "... ist nicht Arsch der Welt, aber man kann ihn von da aus schon recht gut sehen". Das könnte hier zutreffen.
Mein Motel heisst Forest Lodge. Es wird von einer jungen Frau betrieben, die offenbar gerade Einiges zu tun hat. Ein Teil ihrer Beschäftigung ist ein kleiner Junge, noch keine zwei Jahre alt, der seine Nuckelflasche angesetzt hat und hinter seiner Mutter und hinter dem Tresen hervorkommt und mich beim Nuckeln gross anschaut. Ich grüsse ihn: „Hi“. Seine Mutter weist ihn an: „Say hi, I am Tanner.“ Der Kleine nuckelt weiter und schaut mich weiter gross an. „Hi Tanner, I am Martin.“ Jetzt streckt er mir die linke Hand entgegen. Mit der Rechten muss er ja die Nuckelflasche halten, wie soll er sonst trinken? Dafür lässt er mich mit der Linken beinahe nicht mehr los.

Ich habe meinen Zimmerschlüssel und schaue mich im Motel um. Auf den Parkplätzen stehen einige abgenutzte Pickups. Mein Zimmer ist gross, etwas abgewohnt, aber sauber.

Forest Lodge Motel

Bigfoot

Gleich auf der anderen Strassenseite steht eine riesige Statue. Die soll wahrscheinlich Bigfoot darstellen. Ich bin ja auf dem Bigfoot Highway hierhergefahren. Daneben steht ein Strassenschild, das mit „Closed“ überklebt ist. Beim näheren Hinschauen sehe ich, dass damit die Strasse gemeint ist, die ich morgen hätte fahren wollen. Tja, dann schaue ich mir meine Planung eben noch einmal an.

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