Chico – Tag 3

Die Geschichte wiederholt sich: Heute Morgen bin ich etwas nervös, weil ich eigentlich nach dem Mittag losfahren möchte, aber nicht sicher bin, ob das wirklich klappt. Leider kann ich Olga erst um 13.00 Uhr abholen. Ich werde also bis zehn Uhr meine Sachen packen, die Motorradkleider anziehen, das Zimmer räumen, im Hotel auschecken, irgendwo das Gepäck deponieren und dann warten bis es Mittag wird.

Wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich ja nicht so recht daran, dass der Service für Olga heute noch fertig wird. Mittlerweile habe ich auch so ein blödes Gefühl gegenüber Mike und den anderen Ozzies. Ich bin mir einfach nicht sicher, ob mich die Jungs da nicht veräppeln. Gestern bin ich drei Mal zu Ozzies hingegangen. Jedes Mal ist irgendetwas zum Vorschein gekommen, das die Sache noch komplizierter gemacht hat. Andererseits hat Mike aber offenbar immer noch Zeit gehabt, um an anderen Motorrädern zu arbeiten. Da frage ich mich schon, wie das wohl herauskommt.

Um 10.30 habe ich ausgecheckt, das Gepäck deponiert und bin auf dem Weg zu Ozzies. Mike ist da, arbeitet unter Hochdruck und ist ganz verschwitzt. Dummerweise arbeitet er wieder nicht an Olga. Dementsprechend werde ich Olga erst etwas später abholen können, nämlich erst gegen 14.00 Uhr. Mike entschuldigt sich immer wieder, beteuert aber gleichzeitig, dass er nichts machen könne, weil es halt einfach so viel Zeit brauche.

Olga ohne Zylinderdeckel

Der Gepäckhalter ist geflickt

Um 14.00 Uhr ist es Mike immer noch genau gleich peinlich. Wenigstens arbeitet er jetzt an Olga. Ich versuche es mit etwas Druck: Mike, ich habe ausgecheckt und warte, ich fahre heute weiter und kann doch nicht um 16.00 Uhr losfahren. Das bringt ihn nur noch mehr in die Bredouille. Eine Weile schaue ich ihm noch zu, schaue mich etwas in der Werkstatt um und kriege so eine Ahnung, was hier los sein könnte. Wenn ich Mike zuschaue, dann sehe ich einen präzisen, gut organisierten Mechaniker. Alle seine Werkzeuge sind immer am selben Ort. Wenn bei ihm zwei, drei Teile herumliegen, dazu noch ein paar Werkzeuge, dann merkt er es gleich und schafft sofort wieder Ordnung. Wenn etwas nicht funktioniert, wenn z.B. eine Schraube nicht richtig in die Mutter greift, dann probiert er es immer wieder, ändert die Herangehensweise und bleibt sorgfältig dran, bis er es hat. Er ist also kein Chaot, der weder den Job noch die Zeit im Griff hat. Weil er am Dienstag krank war, ist wahrscheinlich der Fahrplan für mehrere Kunden durcheinandergeraten, und da bin auch noch ich gekommen. Vielleicht gehört er auch zu denen, die es allen recht machen möchten, sich dadurch jämmerlich unter Druck setzen und den Wettlauf gegen die Zeit doch nicht gewinnen können. Sollte das der Grundsein, warum der Service nicht fertig wird, dann könnte ich das gut nachvollziehen.

Zurück im Hotel buche ich noch eine zusätzliche Nacht. Ich glaube nicht, dass ich heute noch weiterfahren kann. Dann will ich wenigstens mit der Unterkunft auf der sicheren Seite sein. Der junge Rezeptionist nimmt meine ID und fragt nach: „Oh, you’re from Switzerland?“ Ja, warum, war er schon einmal da? Nein, das war er nicht, aber eine seiner Grossmütter ist aus Bern eingewandert. Offenbar hat er noch etwas im Ohr, wie sie mit ihm gesprochen hat, aber er kann kein Deutsch und erst recht kein Schweizerdeutsch. Wie das denn sein, dieses Bern, ob er sich das ansehen sollte, wenn man einmal in der Schweiz sei? Da fragt er genau den Richtigen. Ja, wenn er in der Schweiz ist, dann soll er unbedingt nach Bern gehen und sich das anschauen. Bern ist wirklich eine sehenswerte Stadt. Und wo er am besten hingehe um sich die Alpen anzuschauen? Ich empfehle ihm, entweder aufs Jungfraujoch zu fahren und die Alpen ganz eindrücklich von oben bzw. von innen zu erleben. Oder aber soll er an einem föhnigen Tag ins Mittelland fahren, da sieht er dann die ganzen Alpen von aussen.
Wir plaudern noch ein bisschen. Er macht sich über seine Landsleute lustig, weil die von Geografie oder von anderen Ländern meistens keine Ahnung hätten. Die meisten könnten nicht einmal Schweden von der Schweiz unterscheiden. Er ruft einen Kollegen, der hinten im Büro sitzt, und fragt ihn: Woher die beste Schokolade komme. Der macht grosse Augen und weiss gerade nicht, was sein junger Kollege da von ihm will. Von Walmart? Nein, insistiert der junge Rezeptionist. Woher kommt die beste Schokolade, aus Schweden oder aus der Schweiz? Der andere Kollege steht hilflos da und hat keine Ahnung. Da gibt mein junger Freund auf. Jetzt erzählt er auch, warum der Unterschied so wichtig ist. Er hat in Schweden studiert. Zusammen mit seiner Freundin war er in Uppsala am College. Er war ganz beeindruckt von der Kathedrale in Uppsala. So etwas habe er in USA noch nicht erlebt. Vielleicht werde er während seinem Studium noch einmal hingehen. Was er denn studieren werde? „Divinity“ - Will er Pfarrer werden? Nein, in den Staaten gibt es im Theologiestudium neben der pastoralen offenbar auch eine ökonomische und eine pädagogische Grundausrichtung, also Betriebswirtschaft in Zusammenhang mit Kirche, oder ein Lehrerberuf in Zusammenhang mit Religion. Am liebsten möchte er später einmal an einem College unterrichten. Na dann viel Glück.

Mike

Olga aufgebockt

Mittlerweile ist es fast 15.00 Uhr. Ich glaube zwar nicht, dass Mike jetzt gleich fertig sein wird, aber ich will pünktlich da sein. Nach dem Zimmerbezug gehe ich gleich wieder in den Töffkleidern zu Ozzies. Die Überraschung bleibt aus. Mike ist noch nicht fertig. Es ist ihm überhaupt nicht recht. „I hate this bike,“ ruft er. Nein, das tut er natürlich nicht, aber er kommt mit Olga wirklich nicht so voran, wie er es gerne möchte. Jetzt bleibe ich und schaue Mike zu, bis er fertig ist. In der Zwischenzeit ist noch einer von Ozzies dazu gekommen, den ich gestern und heute Morgen auch schon gesehen habe. Er ist etwa 10 Jahre älter als ich und ist 1975 aus Schweden eingewandert. Warum er denn in die USA gekommen sei? Wegen der Arbeit. Ich schaue ihn fragend an. Schweden in den Siebzigerjahren hatte reichlich Arbeit, das war doch kein Grund um auszuwandern. Aber mein Gesprächspartner will nicht so recht etwas dazu sagen. Ganz beiläufig sagt er, er habe in Menlo Park gearbeitet. Erst bin ich sprachlos, dann frage ich nach: Du hast in Menlo Park gearbeitet? Da war doch der berühmte Thinktank von Xerox, da wo die Computermaus und die Fenstertechnologie erfunden und entwickelt wurden, da wo auch Steve Jobs war und den ersten PC entwickelt hat? Er wird etwas verlegen und wiegelt ab, er habe da mehr auf der mechanischen Seite gearbeitet. Das glaube ich ja sofort überhaupt nicht. In Menlo Park hat man bestimmt nicht darauf gewartet, dass man einen zufällig eingewanderten Schweden als Betriebsmechaniker engagieren kann. Aber er will dazu nichts weiter sagen und dann geht es mich ja auch nichts an. Mittlerweile ist er pensioniert und renoviert hier bei Ozzies alte BMW-Motorräder. Warum er denn hiergeblieben und nicht nach Schweden zurückgegangen sei. Hauptsächlich wegen dem Licht, aber auch, weil man hier so viele tolle Sachen machen kann: Surfen, Ski fahren, Sport, Motorradfahren.
Mike muss währenddessen immer wieder einmal mit Olga schimpfen, aber die Sache nimmt langsam Form an. Mike hat etwa ein Kilo unnötige Ware aus Olga ausgebaut. Den schicken Öldeckel aus Edelstahl hat er auch wieder durch das schwarze Plastikteil ersetzt. Der Plastikdeckel funktioniere viel besser als das Edelstahlteil. Ob ich lieber den Metalldeckel hätte? Nein, der Plastikdeckel ist genau richtig und bleibt drauf. Der Riesentorx-Schraubendreher, den ich extra in Santa Fé gekauft habe, kommt als Andenken mit nach Hause. Andere kaufen sich in Santa Fé einen Colt, ich eben einen Torx.

Um 16.50 Uhr ist Mike fertig. Sein Kollege geht auf Probefahrt mit Olga, weil Mike eigentlich immer noch krank ist. Der Kollege kommt zurück und ist zufrieden. Mit Olga ist alles bestens. Mike meint, jetzt hätte ich die beste BMW für meine Tour und könne sicher nach Alaska fahren.
Die Verabschiedung dauert eine ganze Weile. Alle geben mir gute Wünsche und gute Ratschläge mit. Chris schenkt mir noch ein Ozzie-Tshirt. Dann habe ich meine Olga wieder. Die läuft tadellos und tut so, als ob nichts gewesen wäre.

Heute Abend gehe ich noch einmal in das italienische Restaurant. Da bedient zwar eine ganz andere Mannschaft, aber auch die ist sehr aufmerksam und freundlich, und das Essen ist picobello, wie gestern. Weil ich jetzt ja wieder motorisiert bin drehe ich noch eine Runde durch die Stadt und schaue mir Chico kurz an. Mein Hotel ist halt im Industrieviertel gelegen. Das sollte man nicht als Massstab nehmen. Denn Chico, das sehe ich auf meiner kurzen Tour durch das abendliche Städtchen, ist eine ganz herzige Stadt mit Charme.

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