Bicknell – Salt Lake City

Ich wache mit einem Kopfweh auf, das alle guten Vorsätze für heute Morgen gleich über den Haufen wirft. Ich stehe nicht früh auf, ich gehe nicht joggen, ich laufe einfach langsam, so dass es den Kopf möglichst wenig erschüttert, an der frischen Luft wieder ins Dorf zum Restaurant. Dort bestelle ich ein kräftiges Frühstück. Irgendetwas Starkes muss ich heute bei mir haben, wenn ich schon in einer so miserablen Verfassung bin.

Heute Abend will ich in Salt Lake City sein. Ich hatte mir schon alle schönen Routen herausgesucht und die Tour für den heutigen Tag auf fast sechs Stunden Fahrzeit gebracht. Angesichts meiner lamentablen Verfassung streiche ich jetzt alles wieder zusammen - bis auf eine einzige schöne Strecke. Wenn alles rund läuft, dann bin ich heute am späten Nachmittag in Salt Lake City. Andererseits habe ich gerade in den letzten Tagen meine Erfahrungen gemacht mit dem Vorsatz, nicht so lange unterwegs zu sein. Das habe ich jetzt schon zweimal probiert und es hat bisher noch nicht geklappt. Obwohl ich die Strecke für heute konsequent auf das Wesentliche zusammengestaucht habe bleibe ich da etwas skeptisch.
In der Region um das Dorf Bicknell herum gab es wohl ursprünglich zu einem guten Teil Hochmoore, die dann entwässert wurden. Ich habe mich schon gefragt, wie man auf die Idee kommt, in dieser abgelegenen  und etwas freudlosen Ecke von Utah zu siedeln. Aber offenbar gibt es hier genügend Wasser und auch fruchtbaren Boden für Viehzucht und für Ackerbau.

Landschaft mit Birkenwäldchen

Karge Landschaft

Die Tour heute beginnt ganz ähnlich wie meine Stimmung gerade ist, nämlich etwas verhalten. Von Bicknell aus geht es durch die Ebene. Aus unerfindlichen Gründen gibt es da mitten in der Ebene auch Abzweigungen, denen ich zweimal nach rechts folge und dann rasch hoch hinauf in die Hügel fahre. Nach nur etwa einer halben Stunde stehe ich  auf einem Pass, der über 6’000 Fuss hoch liegt, also etwa 1’900 m. Hier hat es noch ein wenig Schnee. Die Gegend hier ist eine karge und graue Bergregion. Auffällig sind die vielen kleinen Birkenwäldchen, die sich hier überall verteilen. Eine Informationstafel auf dem Pass beschreibt, wie der Staat Utah die Gegend hier als Urlaubsregion platzieren möchte. Hier soll man hinkommen zum Fischen, Jagen, Wandern, Biken und zum Motorrad fahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass das alles hier bestens möglich ist. Ich kann mir einfach nur schlecht vorstellen, dass all diese Aktivitäten hier nebeneinander Platz haben werden, ohne dass sich die Vertreter der einzelnen Aktivitäten gegenseitig ins Gehege kommen.

Karge Ebene

Bachbett

Wie sich die Region als Tourismusdestination entwickelt, das wird sich zeigen. Die Landschaft hat aber unbestritten etwas Reizvolles und Spezielles mit diesem kargen, herben Charme. Zum Motorradfahren ist es allerdings hier nicht so toll. Das erstaunt mich auch weiter nicht. Schliesslich habe ich alle schönen Strecken von heute gestrichen und die Tour auf Tempo getrimmt. Es wäre also direkt ein Wunder, wenn die Gegend mich plötzlich begeistern würde. Meine Laune ist mittelprächtig und die Landschaft kann mich nur knapp begeistern. Wie wenn das nicht reichen würde, bekomme ich auch noch Probleme beim Fahren. Olgas Hinterrad rutscht immer wieder unerwartet weg. Vielleicht liegt das an den Bitumenstreifen, mit denen die Strasse hier ausgebessert worden ist. Mit Olga habe ich so etwas einfach noch nicht erlebt, und das verunsichert mich. Als ich an einer Gruppe von Strassenarbeitern vorbeifahre sehe ich, dass die Bitumen-Ausbesserungen gerade frisch ausgebracht werden. Wenn die Bitumenstreifen noch ganz frisch und gar noch nicht ausgehärtet sind, erklärt das vielleicht, warum das Hinterrad immer wieder wegrutscht. Trotzdem halte ich bei Gelegenheit an und überprüfe die Pneus. Da finde ich aber nichts Auffälliges.

Über 90 Meilen bin ich mit zwiespältigen Gefühlen unterwegs und komme schliesslich in Huntington an. Hinter mir liegt eine etwas unwirtliche Ebene, die noch nicht einmal einen herben Charme gezeigt hat. Dafür beginnt ab Huntington die einzige schöne Motorradstrecke, die ich im heutigen Streckenplan gelassen habe. Zuerst fahre ich durch den Huntington Canyon, ein tief eingeschnittenes V-Tal mit hohen, steilen Wänden und einer kurvenreichen Strasse. Obwohl hier alles etwas grau und kalt ist macht es grossen Spass, hier durchzufahren. Nach etwa zehn Kilometern geht es rasch bergauf. Es geht sogar so hoch hinauf, dass mir die sinkende Temperatur und die nasse Fahrbahn etwas Sorgen bereiten. Schliesslich wird es so kalt, dass ich anhalten und mich wärmer anziehen muss.

Vereister Stausee

Passhöhe im Schnee

König der Berge

Endlich sehe ich weit oben die Passhöhe. Bis dorthin dauert es aber noch eine ganze kalte Weile. Kurz vor der Passhöhe liegt linkerhand ein vereister Stausee. Ich habe mir also zu Recht Sorgen um die Temperatur und um die vereiste Fahrbahn gemacht.
Die Passhöhe liegt auf fast 3000 m Höhe. Das Thermometer zeigt noch zwei Grad Celsius an. Kein Wunder fühlt sich das hier so kalt an. Wäre es nicht ganz so kalt und grau, dann wäre die Talfahrt ein sehr schöner Streckenabschnitt. Aber unter den herrschenden Umständen halte ich meine Begeisterung etwas zurück und fahre vorsichtig um die schönsten Kurven herum. Das hier ist einfach zu heikel, als dass dass ich es unbekümmert geniessen könnte. Die grossen Schneemassen auf dem Pass und der gefrorene See haben mich ziemlich aufgeschreckt, und auf eine Vollbremsung auf Eis oder auf Schnee kann ich heute bestens verzichten.

Im Tal angekommen sorge ich zuerst etwas bibbernd dafür, dass Olgas Tank wieder voll wird. Dann fahre ich zügig nach Nordwesten, dorthin, wo das Wetter wieder schön sein soll.
Hier im Tal ist es zwar angenehm warm und das Wetter wird immer schöner. Es ist aber auch sehr verkehrsreich hier, und die Verkehrsdichte nimmt immer mehr zu. So sieht also der Abendverkehr in Salt Lake City aus. Ich habe ja schon in Los Angeles mitbekommen, dass der Abendverkehr in den USA bereits um 16.00 Uhr herum anfängt. Hier in der Agglomeration von Salt Lake City gibt das ein klassisches Ziehharmonika-Fahren. Der Verkehr kommt immer wieder einmal ins Stocken. Wenn sich der Stau dann löst, dann beschleunigen alle sofort, bis man wieder unvermittelt abbremsen muss, weil die nächste Stauwelle ansteht.
Ich bin aber nicht nur wegen dem Ziehharmonikaverkehr sehr wachsam. Die Streckenführung ist hier etwas kompliziert, und ich muss höllisch acht geben, dass ich die Ausfahrt 305 A erwische. Soweit kommt es aber nicht. Bei der Ausfahrt 301 spüre ich einen leichten Schlag. Aus einmal lässt sich Olga nur noch schwierig steuern. Ich kann zwar problemlos geradeausfahren. Aber alle Richtungsänderungen brauchen plötzlich viel Kraft. Sobald ich vom Highway runter bin, werde ich nachschauen, was da los ist.
Aber auch soweit kommt es nicht. Ein Pickup fährt neben mir her. Der Beifahrer hat das Fenster heruntergekurbelt und fuchtelt ganz wild zu mir herüber. Au weh, jetzt habe ich aber einen bösen Verdacht. Bei der nächsten Bucht fahre ich rechts ran, und tatsächlich, der hintere Reifen ist platt. So ein Mist! Jetzt habe ich so kurz vor dem Ziel meine erste Panne. Das hätte jetzt wirklich nicht sein müssen.

Ich nehme Kontakt auf mit der Road Side Assistance meiner Versicherung hier. Die müssten mir eigentlich einen Abschleppdienst schicken. Aber die Leute hier sprechen am Telefon so schnell, und der Verkehr auf dem Highway hier ist so laut, dass ich Mühe habe, die Dame von der Versicherung zu verstehen. Nach etwa 20 Minuten schwieriger Verhandlungen am Telefon ist die Verbindung plötzlich unterbrochen. Ist das ein Zufall, oder hat es der Dame am anderen Ende einfach gereicht? Ich rufe noch einmal an und fange noch einmal von vorne an. Nach etwa 30 Minuten iwird klar, dass die Versicherung meine Police nicht findet. Meine Policennummer hat offenbar das falsche Format. Das bedeutet, dass ich die Abschleppgebühr von USD 85 selber zahlen muss. Selbstverständlich übernehme ich die Abschleppkosten. Habe ich denn eine andere Wahl? Nachdem ich mühsam auch noch meine Kreditkartendaten durchgegeben habe sagt die Dame am anderen Ende wieder etwas, das ich nicht verstehe. Und dann hängt sie einfach auf. Was soll das, und was mache ich jetzt? Mittlerweile ist es 18.20 Uhr. Ich stehe schon eine Stunde hier und weiss immer noch nicht, wie ich von hier wegkomme. Da dämmert es mir, dass die Dame am anderen Ende wahrscheinlich alle Informationen beisammen hatte und mir gesagt hat, dass der Abschleppdienst in 30 Minuten bei mir sein werde. Das werde ich ja sehen, ob hier tatsächlich bis 18.50 Uhr ein Abschleppfahrzeug aufkreuzen wird.
Nach 20 Minuten warten ist zwar der Abschleppdienst immer noch nicht da. Dafür hält ein ein Highway Trooper, ein Strassenpolizist auf dem Motorrad bei mir an. Nachdem ich ihm kurz meine Situation geschildert habe verspricht er, in 30 Minuten noch einmal vorbeizukommen. Wenn ich dann immer noch da bin, dann nimmt er die Sache an die Hand. Jetzt bin ich aber froh. Egal, was die Dame von der Versicherung in die Wege geleitet hat. Jetzt habe ich ein Auffangnetz. Bevor der Highway Trooper weiterfährt, machen wir noch rasch ein paar Handyfotos zum Abschied. Ich darf wie ein kleiner Junge einmal auf dem Polizeimotorrad Platz nehmen. Das mit dem Helm ist der nette Highway Trooper, das mit der Mütze bin ich.

Highway Trooper

Ich auf dem Trooper-Motorrad

Nach 28 Minuten Wartezeit – der Highway Trooper ist gerade abgefahren – hält tatsächlich ein Abschleppfahrzeug bei mir. Der Fahrer ist jung, lang, rothaarig, mit einem riesigen Bart, und er redet kein Wort zu viel. Er bringt Olga blitzschnell auf den Abschleppwagen und verzurrt sie dort fachmännisch. Dann fährt er mich zur nächsten BMW-Vertretung nach Sandia, einem Vorort von Salt Lake City.
Kurz vor dem Ziel beginnt der Fahrer dann doch noch zu sprechen. Es macht den Eindruck, als ob er Erfahrung mit Motorrädern hätte. Darum frage ich nach, ob er Motorrad fahre. Er ist frührer Motorrad gefahren. Aber im Moment fährt er nicht mehr. Das klingt etwas bedeutungsvoll. Darum schaue ich zu ihm rüber und warte, ob er da noch mehr sagen wird.

Jeremy vom Abschleppdienst

Tatsächlich ist er bis vor Kurzem einen Cruiser gefahren. Aber vor eineinhalb Jahren hat er damit einen schweren Unfall gehabt. Es hat ihn bei 80 Meilen/Stunde – also mit etwa 120 kmh – aus einer Kurve getragen. Er war ohne Helm, nur in Jeans, T-Shirt und Slippers unterwegs. Bei dem Unfall hat er sich zweimal die Hüfte gebrochen. Das tut immer noch weh. Und so wie er erzählt und dreinschaut tut ihm nicht nur die Hüfte weh, denke ich. „Aber du bist am Leben, und du kannst offenbar wieder arbeiten“. Das ist zwar sicher richtig, und wahrscheinlich hat er sich das selber schon mehrmals gesagt. Aber es hilft ihm nicht weiter. Er heisst Jeremy und scheint ein lieber Kerl zu sein. Aber das Schicksal hat ihn wirklich hart angepackt.

Während ich auf dem Highway auf den Abschleppdienst gewartet habe, habe ich dem BMW-Händler in Sandy ein Mail geschrieben und mich angemeldet. Bei unserer Ankunft in Sandy ist noch ein Mitarbeiter von der BMW-Vertretung da. Er stellt Olga gleich in die Werkstatt, damit sie nicht im Freien übernachten muss. Wir vereinbaren, dass ich am nächsten Morgen um 08.30 Uhr wieder hier sein werde.

Vor ein paar Wochen habe ich aus einer Laune heraus auf meinem iPhone die Uber-App installiert. Das kommt mir jetzt zu Gute. Ich bestelle ein Ubertaxi, und blitzschnell antwortet eine Fahrerin, dass sie gleich bei mir sein werde. Die Fahrerin heisst Kacy. Sie ist eine kleine blonde Frau, die eine Strickmütze trägt und einen mittelgrossen SUV fährt. Sie will wissen, was ich hier mache, und ich erzähle kurz etwas über meine Reisepläne. Aha, meint sie. Ich sei also quasi auf der Tour meines Lebens. So etwas könnte sie auch brauchen. Sie ist 37 Jahre alt, hat mit 15 Jahren ihr erstes Kind bekommen und mit 17 Jahre ein Zweites, das aber von einem anderen Mann. Sie hat beide Kinder alleine grossgezogen. Die Kinder sind jetzt erwachsen und bereits ausgezogen. Da überlegt sie sich, was sie mit ihrer Zukunft anfangen will, jetzt, wo sie noch so jung ist und ihre Kinder sie nicht mehr so sehr brauchen. Sie hat einen Traum. Sie möchte gerne als Flight Attendant arbeiten, viel unabhängiger sein als bisher, herumreisen und dabei ganz andere Leute kennenlernen. Sie überlegt sich ernsthaft, ob sie sich nicht bei Delta Airlines als Flight Attendant bewerben soll. Bisher hat sie als Krankenschwester gearbeitet, aber sie hat es satt, 50 bis 60 Stunden in der Woche zu arbeiten und immer zu Hause angebunden zu sein.

Kurz vor 20.00 Uhr lädt mich Kacy vor meinem Hotel ab. Mein Zimmer ist etwas eng, aber soweit ganz recht. Ich möchte einfach noch rasch etwas essen gehen und schaue mir darum die Empfehlungen für die Umgebung an. Das gibt schon wieder einen Reinfall. Was da als gutes mexikanisches Restaurant angepriesen wirde ist nichts anderes als eine der üblichen Fastfood-Knellen. Aber ich bin zu müde, um noch etwas Anderes zu suchen. Das Essen ist matschig und nicht gut, aber ich bin so hungrig, dass ich mein Menu lustlos in mich hineinstopfe. Das gibt keinen guten Abend heute. Warum sollte er auch? Der Tag hat ja schon beschissen angefangen.
Zurück im Hotel weiss ich zunächst nicht, wie ich den nächsten Tag planen soll. Schliesslich entscheide ich mich, früh aufzustehen, im Hotel zu frühstücken, zu packen und dann mit Sack und Pack und wieder mit Uber zur BMW nach Sandia zu fahren. Hoffentlich kann die Werkstatt dort möglichst schnell meinen Reifen wechseln. Ich mache mir da etwas Sorgen.

Reiseroute am Dienstag, 19. April 2016

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