Glenwood Springs – Nederland

Gemäss Wetterbericht wird es heute nicht regnen. Das Regenkombi kommt also wieder ins Gepäck. Weil heute Sonntag ist, habe ich eine richtig schöne  Sonntagsfahrt geplant mit zwei Pässen und einer schönen Bergrundfahrt. Am Abend werde ich in Nederland sein, einem Dorf in den Bergen westlich von Denver.
Während dem Ruhetag in Cortez habe ich meine Route durch Colorado festgelegt. Drei Tage werde ich für die Diagonale von Südwesten nach Nordosten brauchen. Gestern bin ich einem weiten Bogen vom Südwesten in die Mitte von Colorado gefahren. Auf der Bergrundfahrt heute bleibe ich auf der Höhe von Denver. Morgen werde ich nach einigen Umwegen den Staat Colorado im Nordwesten verlassen. Dann bin ich auch schon auf dem richtigen Weg zum Yellowstone-Nationalpark.

Canyon des Colorado Rivers bei der Anreise

Glenwood Springs ist offenbar ein Wintersportort. Schon am frühen Morgen verstopft der Touristenverkehr das Städtchen. Wieder auf dem Highway dauert die Anfahrt zu meiner Zielregion etwa eine Stunde. Die Interstate 70 ist eine der grossen West-Ost-Transversalen. Sie führt durch Schlucht des Colorado River. Wäre da nicht diese Autobahn, dann wäre das hier ein sehenswerter Canyon. Aber entlang dem Colorado River gibt es offenbar so viele Canyons, dass man den einen oder anderen dem Verkehr geopfert hat.
Nachdem ich die Interstate 70 verlassen habe halte ich noch einmal. Es ist spürbar kälter geworden und ich will mich wärmer anziehen.

Tennesseepass

Dann beginnt auch schon die Bergstrecke. Sie ist genau so, wie ich gehofft hatte. Die Strasse ist gut ausgebaut und führt in weiten Kurven rasch in die Höhe. Der Himmel ist zwar grau bedeckt. Das tut der schönen Landschaft hier aber keinen Abbruch. Ich habe keine Lust und auch keinen Bedarf, bei jeder schönen Aussicht anzuhalten. Das Sujet „Berg im Schnee“ hat sich hier schnell einmal ausgeschaut. Warum auch nicht, es wäre doch ziemlich surreal, wenn ein Schweizer durch die Berge von Colorado fahren würde und nach jeder Kurve in ein Ah und Oh ausbrechen würde. Die erste Passhöhe ist erreicht, der Tennessee-Pass, 10’400 Fuss oder 3’100 m hoch. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in Europa so hohe Strassenpässe haben. Die Temperatur liegt knapp über der Nullgradgrenze. Das spüre ich auch. Es ist bitterkalt hier, und beim Fahren muss ich gut auf Schnee- und Schmelzwasserzungen auf der Strasse achten.
Auf dem Tennessee-Pass ist eine grosse Informationstafel über die 10. Gebirgsdivision, die hier in dieser Region während dem zweiten Weltkrieg aufgebaut und trainiert wurde. Die Division wurde zum ersten Mal in Italien eingesetzt und hat dort rasch wichtige Erfolge feiern können, bis sie selbst sehr hohe Verluste erlitten hat. Irgendeinmal nach dem Krieg ist die Bedeutung der Gebirgsdivision dann zurückgegangen. In Korea und in Vietnam hat es ja nicht so viele schneebedeckte Berge. Für den Afghanistan-Feldzug scheint sie aber wieder reaktiviert worden zu sein. Spannend, was einem die Amerikaner in ihren Skigebieten alles so erzählen.
Gemäss meiner Streckenplanung müsste es jetzt hinunter nach Leadville gehen. Das tut es auch, aber nur ganz wenig. Die Stadt Leadville liegt verhältnismässig hoch in den Bergen oben, quasi eine Westernstadt im Schnee. Wenn ich an die Wärme will, dann muss ich in Leadville haltmachen und einkehren. Es ist sowieso Zeit für mich, um etwas Warmes zu essen. Ausserdem kann ich die Wärme des Restaurants nutzen, um meine Motorradkleider mit dem Thermomaterial auszurüsten.

Leadville

In Leadville treffen sich zwei Strassen, die beide von Norden über einen Pass hierher führen und in einem spitzen Winkel aufeinander treffen. Etwas westlich führt  die Route 24 über den Tennessee-Pass, weiter östlich die Route 91 über den Fremont-Pass hierher. Man kann also von Norden über den einen Pass bis Leadville fahren, die Spitzkehre vollziehen und über den anderen Pass dann wieder zurück nach Norden ziehen. Ich bin über den Tennessee-Pass angereist und fahre über den Fremont-Pass wieder nach Norden. Der Fremont-Pass liegt auf 11'300 Fuss bzw. auf 3’450m, also rund 300 m höher als der Tennessee-Pass. Es ist auch hier knapp über 0°. Ich bin froh, als ich im Norden unten im Tal ankomme.

Mir klar geworden, dass heute nicht der richtige Tag für Berg- und Pässefahrten in Colorado ist. Das Wetter ist zwar mittlerweile sonnig und die Strecken und die Gegend hier gefallen mir sehr gut, aber es ist einfach zu kalt. Das kann so schnell zu gefährlichen Situationen führen. Weil ich Zeit habe und kein Risiko eingehen muss beschliesse ich etwas schweren Herzens, auf die geplante Fahrt durch die Berge hier zu verzichten und direkt nach Nederland zu fahren.

Knapp eine Stunde dauert die Fahrt über den Highway 70 bis Idaho Springs. Bevor ich da in die Bergstrecke nach Nederland einbiege will ich noch tanken und einkaufen. Als ich auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt stehe und mich wieder reisefertig mache kommt ein Mann auf mich zu. Er ist etwa in meinem Alter, etwas kleiner und schlanker als ich und trägt bei knapp 10° T-Shirt, Jeans und Hosenträger. Mit seinem verbeulten Hut und einem unglaublich dichten, wilden Bart sieht er aus wie ein Original, das frisch einem Western entsprungen ist. Die Standardfrage "Uayahädada" lässt er weg. Eine ganze Weile schaut er sich Olga von allen Seiten an und meint dann, das sei eben ein Superbike, diese 1150 GS. Das habe ich auch schon gehört. Ich bin auch der Meinung, dass Olga ein tolles Motorrad ist, aber sie ist sie eine 1200 GS. Dabei geht es gar nicht um 50 ccm mehr oder weniger, sondern um Korrektheit. Er sei jahrelang Harley gefahren, meint er, und es habe Jahre gedauert, bis er gemerkt habe, dass er auf dem falschen Bike sitze. Noch nie habe ich in den USA jemanden sagen gehört, dass eine Harley das falsche Motorrad sei oder er sei auf dem falschen Motorrad gesessen. Ich kenne das Gefühl, auf dem falschen Motorrad zu sitzen, und darum frage ich ihn, welches Motorrad er denn zur Zeit fahre. Ach, im Moment hat er gerade kein Motorrad mehr. Aber wenn er sich wieder eines zulegt, dann wird es auch eine BMW 1200 GS sein. Ich bin während den letzten zehn Jahren eine alte Honda Paneuropean gefahren und habe gerade im Dezember auf das Nachfolgemodell gewechselt, das nun auch schon wieder acht Jahre alt ist. Es hat ein paar Jahre gedauert bis ich gemerkt habe, dass die Paneuropean genau das richtige Motorrad für mich ist. Er schmunzelt, als er das hört und sieht dabei aus wie eine Western-Version des Alpöhi, einfach mit Jeans, Hosenträger und Hut, schaut mich kurz an und meint dann: „Yeah, there are people they like the big old Cadillacs“. Ich brauche einen Moment, bis ich verstanden habe, was er gerade gesagt hat, und weiss gerade nicht, ob er mir da nicht eine Frechheit hingeworfen hat. Er grinst und und tippt zum Abschied mit zwei Fingern an den Hut . Nun, was meine altes Motorrad betrifft mag er ja durchaus recht haben. Aber was weiss er schon von meiner neuen, feuerroten PanEuropean. Soll er sich doch eine BMW kaufen kaufen.

Nach einer sonnigen und nicht mehr ganz so kalten Fahrt über eine richtig schöne Bergstrecke komme ich gegen 16.00 Uhr in Nederland an. Nederland ist ein Dorf, so schmutzig, wie ein Wintersportort im Frühling halt sein kann. Die Strassen und die Schneehaufen am Strassenrand sind verdreckt und mit Split übersät. In den Strassen klaffen grosse und teilweise gefährlich tiefe Schlaglöcher. Auf den Wiesen und Feldern hat der Schnee zwar bereits wieder grosse Flächen freigegeben, aber zusammen mit dem graugelben Gras, das zum Vorschein kommt wirkt hier alles ziemlich schmutzig und wenig anziehend. Ob es diese Umgebung oder das Ende der Wintersaison ist, irgendetwas schlägt der Bevölkerung hier auf die Stimmung. Der Empfang im Hotel ist etwas merkwürdig und unfreundlich. Nach dem Abladen, Auspacken und Einrichten brauche ich unbedingt eine heisse Dusche und genehmige mir dann ein Vorabendschläfchen. Kalt macht müde. Dafür bleibe ich nach dem Abendessen noch etwas länger auf, um Bilder bereitzustellen und zu schreiben. Ausserdem muss ich gegen ein Uhr früh noch ein paar Amtsstuben in der Heimat anrufen. Es gibt da einen Amtsschimmel, der bis in die USA hinübergewiehert hat. Die Schweiz ist eben ein Land mit einer starken bäuerlichen Tradition. Da sind einige Amtsstellen immer noch mit der Pferdehaltung beschäftigt.

Reiseroute vom Sonntag, 24. April 2016

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