Saratoga – Jackson

In der Nacht war aber auch immer etwas los. Ich hatte den Eindruck, dass bis in die frühen Morgenstunden immer wieder Autos zu- und weggefahren sind. Aber ein Puff kann das hier auch nicht sein. So um sechs Uhr früh bin ich das erste Mal wach und ziehe den Vorhang etwas zurück. Oje, das gefällt mir aber gar nicht. Letzte Nacht hat es geschneit. Olga hat einen zehn Zentimeter dicken Mantel. Der Schnee ist zwar nicht so dick liegen geblieben, aber es hat Schnee auf der Strasse. Ich hoffe, dass ich ich mich lediglich kurz vor dem Ende eines blöden Traums befinde und krieche noch einmal unter die Decke. Aber um halb acht bin ich definitiv wach und draussen liegt definitiv Schnee. Und ich muss heute richtig weit fahren, damit ich morgen im Yellowstone bin. Zuerst gehe ich einmal frühstücken. Im Motel gibt es zwar nichts, aber 100 Meter weiter habe ich gestern ein klassisches Breakfest-Café gesehen. Dort gibt es Rösti (hash browns) mit Speck, Ei und Toast, wie kürzlich im Lumberjack in Redding. Dann muss ich mich dreinschicken, packen und schauen, dass ich weiterkomme.

Als ich meinen Zimmerschlüssel abgeben will ist da eine andere Dame als gestern, eine sehr nette Frau Mitte sechzig mit einer grauen ländlichen Kurzhaarfrisur. Sie will wissen, woher ich komme. Es stellt sich heraus, dass ihre Mutter aus Italien, aus L’Aquila in den Abruzzen eingewandert ist und hier einen Amerikaner geheiratet hat. Sie wohnt hier im Dorf zusammen mit ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn. Der Sohn ist 17 Jahre alt, „a Wonder“, sagt sie lächelnd. Ihr ältester Sohn ist 40 und arbeitet in der Region in der Gasindustrie. Ihr Mann ist Vietnamveteran, hat sich im Krieg die Gelenke kaputt gemacht und muss deswegen häufiger in die grossen Orte der Region zum Arzt oder ins Spital. Saratoga liegt dermassen im Niemandsland, dass man von hier vier bis sechs Stunden fahren muss, um ein richtiges Spital zu finden. Das muss man auch, wenn man ein grosses Football- oder Baseball-Spiel sehen will, oder wenn man ins Konzert oder ins Theater gehen möchte. Das sind dann jeweils Projekte für ein ganzes Wochenende. Ihren jüngsten Sohn unterrichtet sie zu Hause. Sie hatte nach den drei älteren Kindern dermassen genug von dem High School Circus, dass sie mit ihrem Sohn Home Schooling vereinbart hat. Das klappt offenbar zur Zufriedenheit aller. Mich nimmt wunder, wie es sich in Wyoming auf dem Land so lebt. Jude, so heisst sie, ist da sehr differenziert und auch ziemlich abgeklärt. Hier gehe es einem recht. Man sei sicher, könne die Haustür immer offen lassen und auch den Zündschlüssel immer stecken lassen. Wenn man hier einen Job hat, dann ist es in der Regel ein guter Job, von dem man recht leben kann. Daneben ist Saratoga eben ein Dorf. Da will jeder alles vom anderen wissen. Damit müsse man sich arrangieren. Sie sei soweit zufrieden. Die Zukunft macht ihr allerdings etwas Angst. Nachdem vor ein paar Jahren im Bundesstaat Michigan die Automobilindustrie sehr viele Arbeitsplätze abgebaut hat sind viele Leute von Michigan nach Wyoming gezogen. Hier hat es offenbar immer noch genügend Arbeit. Aber es hat offenbar etwas verändert. Und dann ist ja Wahlkampf. In dieser Region wählt man traditionellerweise republikanisch, aber die Leute hier können mit Donald Trump offenbar nichts anfangen. Sie glaubt nicht, dass er gewählt wird. Etwa eine halbe Stunde lang plaudern wir, dann verabschiede ich mich.

Die Strasse ist zwar nass, aber es liegt kein Schnee, und es hat auch aufgehört zu schneien. Der Schnee macht mir weniger Sorgen als die Temperaturen. Im Moment ist es zwei bis drei Grad Celsius. Ich hoffe einfach, dass die Temperatur nicht noch weiter sinkt und sich allenfalls Glatteis bildet.
Die ersten 40 Meilen sind zwar nicht lustig, aber gut zu fahren. Dann bin ich in Rawlins. Hier zweigt meine Strasse ab und führt in hügeliges Land. Leichter Schneefall hat wieder eingesetzt. Auf der Strasse gibt es immer wieder einmal einen kleinen Schneewall. Ich fahre vorsichtig, komme dadurch aber auch nicht richtig vom Fleck. Nach einer Weile kommt die nächste wichtige Abzweigung. Als ich darauf zufahre steht da ein Schild, dass die Strasse nach Landers geschlossen sei. Das kann doch nicht wahr sein. Die können mich doch nicht einfach fast 100 Meilen durch die Pampa fahren lassen und dann einfach die Strasse zu machen. Ich frage bei der Tankstelle an der Kreuzung nach. Der Tankstellenwart meint, solche Schneestürme seien in dieser Region zu der Jahreszeit keine Seltenheit. Aber die Strasse nach Landers werde deswegen bestimmt nicht zugemacht. Er schaut auf seinem Smartphone nach. Der Staat Wyoming zeigt auf einer Karte im Internet laufend den aktuellen Strassenzustand an. Die Strasse nach Landers sei offen, heisst es auf der Karte. Ich merke mir die Website, bedanke mich und kehre zurück auf die Strasse. Das war es also, was der andere Tankstellenwart gestern gemeint hatte. Schneestürme solcher Art gibt es hier zu dieser Jahreszeit. Wie ist das aber jetzt mit diesem Schild? Die können doch nicht an einem Ort schreiben, die Strasse sei zu, und an einem anderen Ort, sie sei offen. Ich fahre die paar Meter zum Schild zurück und dann sehe ich es. „Road to Landers ist closed when flashing“. Solche Schilder gibt es hier ja überall. Ich habe bloss den letzten Teil des Schildes nicht gelesen, weil mich der erste Teil in Panik versetzt hat. Es ist also alles in Ordnung. Ich fahre weiter nach Landers. Dort komme ich eine etwa eine gute Stunde später an und setze mich zuerst einmal zum Aufwärmen in den MacDonalds. Nach etwa einer halben Stunde bin ich bereit zur Weiterfahrt. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Nur gut, dass am Vormittag im MacDonalds so wenig los ist. Da kann ich mich in aller Ruhe in der Kinderecke breit machen und das Regenkombi anziehen. Ich muss noch so weit fahren heute, das Wetter ist so grässlich und ich fürchte mich vor Glatteis auf der Strasse, das alles ist gar nicht schön.

Schichtfelsen im Schnee

Hügel verschwinden im Schnee

Sanfte Hügel

Fahren, fahren, fahren, ich drücke ein wenig aufs Gas, damit die Fahrt im Regen und bei dieser Kälte schneller vorbei geht. Ich weiss schon, dass ich da die Höchstgeschwindigkeit ein bisschen überschreite, aber als ich nach einer Weile im Rückspiegel rot-blauweisse Lichter blinken sehe ist mir gar nicht wohl. Heute ist einfach kein guter Tag. Es ist wieder ein Sheriff, der aussteigt und mit ernstem Gesicht zu mir kommt. Er fängt sofort an mir irgendetwas zu erzählen, und das so schnell, dass ich ihn unterbreche und sage, ich sei Ausländer, ob er nicht ein bisSchen langsamer sprechen könne. Jetzt ist er ruhig, aber noch ernster. Dann will er meinen Pass und meinen Führerschein sehen. Ob ich Waffen dabei habe, will er auch noch wissen. Nein, habe ich nicht. Er fragt noch einmal nach. Nein, ich habe keine einzige Waffe dabei. Wohin ich wolle. Nach Jackson. Jetzt schaut er mich lange an. Er ist vielleicht sehr ernst, aber so wie ich ihn einschätze bestimmt kein Idiot. Dann fängt er noch einmal an, ganz langsam diesmal. Meine Geschwindigkeitsübertretung kostet etwa 200 Dollar, die ich cash bezahlen müsse. Ob ich das Geld dabeihabe. Nein habe ich nicht. Ich habe etwa 40 Dollar Cash und natürlich eine Kreditkarte und eine Bankkarte. Er überlegt. Dann fragt er noch einmal, wieviel Bargeld ich dabei habe. Eben, etwa 40 Dollar. Dann sagt er: Hören Sie, ich sehe ihre Situation und ich will Ihnen auch nicht unnötig Schwierigkeiten machen. Ich schreibe Ihnen einen Busszettel über 25 Dollar. Damit wären sie etwa 77 mph statt 65 mph gefahren. Haben Sie 25 Dollar Cash dabei? Natürlich habe ich das. Da zieht er sich mit meinen Papieren etwa zehn Minuten in seinen Pickup zurück. Ich friere solange draussen. Wahrscheinlich denkt er, dass ein bisschen mehr Strafe schon noch sein muss. Dann kommt er zur Urteilsverkündung wieder aus seinem Pickup heraus. Ich kriege meinen Busszettel über 25 Dollar, er kriegt das Geld. Bis am 5.5.16 kann ich beim Gericht in der nächsten Stadt gegen die Busse Einsprache erheben. Ich werde den Teufel tun. Und dann hat er noch bei der Zentrale angerufen und gefragt, wie das Wetter Bis Jackson so aussehe. Es dauert etwa noch 20 Minuten, dann würde das Wetter aufklaren. Vielen Dank, Mister Sheriff, Sir! Das war jetzt aber wirklich sehr grosszügig und freundlich.

Sphinx vor Jackson

Felsfiguren im Schnee vor Jackson

Ebene vor Moran

Ich habe noch fast drei Stunden bis Jackson. Tatsächlich hört es etwa nach einer halben Stunde auf, zu regnen. Aber die Strecke führt noch einmal richtig in die Höhe und in die Minustemperaturen. Gottseidank ist die Strasse mittlerweile trocken. In der Dämmerung komme ich schliesslich in meinem Motel Jackson an.
Die Ankunft im Motel ist bei mir mittlerweile zu einem Ritual geworden. Ich ziehe den Helm aus, tausche die Sonnenbrille gegen die normale Brille, nehme die Kreditkarte und die ID hervor und gehe dann an die Rezeption: „Hello, good evening, I have a reservation with booking“. Dabei strecke ich jeweils gleich meine ID hin, damit sie mich nicht nach dem Namen fragen und ich den nicht auf englisch buchstabieren muss. Genau diese Ritual läuft auch hier ab. Nur dass die Dame an der Rezeption meine ID gar nicht entgegennimmt. Stattdessen fragt sie „Martin?“ „Yes“. Da nimmt sie einen Zettel und eine Schlüsselkarte hervor und drückt mir die Schlüsselkarte in die Hand. Mein Zimmer liegt gleich in der Ecke im ersten Stock. Das war der kürzeste und präziseste Empfang aller Zeiten. Zwei Minuten später stehe ich in meinem Zimmer. Es ist sauber und nett eingerichtet, aber es ist vor allem waaaaarm, schön! Heute gehe ich bestimmt nicht mehr aus dem Haus.

Reiseroute am Dienstag, 26. April 2016

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