Saratoga – Jackson

Letzte Nacht war in meinem Motel hier in Saratoga immer etwas los. Bis in die frühen Morgenstunden sind immer wieder Autos zugefahren, haben Leute ein- oder ausgeladen, mit den Türen geknallt und sind dann wieder weggefahren. Bin ich hier etwa in einem ländlichen Bordell gelandet? Nein, das glaube ich nicht. Gegen sechs Uhr früh bin ich das erste Mal richtig wach, ziehe den Vorhang etwas zurück und blinzle mit verklebten Augen in den neuen Tag. Mir gefällt gar nicht, was ich da sehe. Letzte Nacht hat es offenbar geschneit. Olga trägt einen zehn Zentimeter dicken weissen Mantel. Auf dem Boden ist die Schneedecke zwar dünner, aber die Strasse ist schneebedeckt. Vielleicht habe ich in dieser unruhigen Nacht nur schlecht geträumt und bin gar noch nicht richtig wach. Darum krieche ich vorsichtshalber noch einmal unter die Decke.
Zwei Stunden später bin ich definitiv wach, und draussen liegt definitiv Schnee auf der Strasse. Das ist ziemlich blöd. Mein heutiges Etappenziel liegt in der Nähe des Yellowstone-Nationalparks, und das sind etwa 500 km. So weit möchte ich eigentlich nicht auf einer schneebedeckten Strasse fahren.
Aber was soll’s? Jetzt gehe ich zuerst einmal frühstücken. Das Motel bietet zwar kein Frühstück an, aber gleich um die Ecke steht ein klassisches Breakfest-Café. Dort bekomme ich ein richtiges Schwerarbeiter-Frühstück: Hash browns (Rösti), Speck, Ei und Toast. Von meinem Fensterplatz aus kann ich zuschauen, wie es draussen weiter schneit. Ich bestelle extra noch einmal eine Kanne Tee. Aber das hilft auch nichts. Schliesslich muss ich mich dreinschicken, packen und schauen, dass ich weiterkomme.

An der Rezeption des Motels sitzt heute Morgen eine andere Dame. Sie heisst Jude, ist Mitte sechzig, trägt eine graue ländliche Kurzhaarfrisur und macht einen offenen und sympathischen Eindruck. Ihre Mutter ist aus L’Aquila, einem Städtchen in den italienischen Abruzzen, eingewandert und hat hier in Wyoming einen Amerikaner geheiratet. Jude ist also zur Hälfte Italienerin und Europäerin. Sie lebt hier in Saratoga zusammen mit ihrem Mann und ihrem 17-jährigen jüngsten Sohn. „A Wonder“, schwärmt sie mit einem Lächeln, das der Liebe Gott extra für den Stolz von Müttern über ihre jüngsten Söhne geschaffen hat. Judes Mann hat sich im Vietnamkrieg die Gelenke kaputt gemacht und muss deswegen öfter in die Grossstadt zum Arzt. Saratoga hat zwar ca. 1’600 Einwohner und verfügt darum auch über ein kleines Spital. Aber für Gelenkschäden dieser Art braucht es Spezialisten. Die findet man entweder im vier Stunden entfernten Denver oder im sechs Stunden entfernten Salt Lake City. Dorthin fährt man auch, wenn man ein grosses Football- oder Baseball-Spiel sehen will, ins Konzert oder ins Theater gehen möchte oder überhaupt einmal am Leben der grossen weiten Welt teilnehmen will. Darum wollen Arztbesuche oder kulturelle Ereignisse gut geplant sein und brauchen jeweils mindestens ein verlängertes Wochenende.
Jude unterrichtet ihren jüngsten Sohn selber zu Hause. Nach der Schulzeit der drei älteren Kinder hat sie genug vom «High School Circus» gehabt. Also hat sie mit ihrem Sohn Home Schooling vereinbart. Das klappt offenbar sehr gut.
Als ehemaliges Landei möchte ich wissen, wie es sich hier in Wyoming auf dem Land so lebt. Jude reagiert sehr differenziert und auch recht abgeklärt. In Saratoga kann man gut und sicher leben. Hier stehen die meisten Haustüren immer offen, und in den geparkten Autos steckt meistens der Zündschlüssel. Wer hier arbeitet hat in der Regel einen guten Job, also rechte Arbeit, von der man recht leben kann.
Aber Saratoga ist auch ein Dorf. Da wollen alle von allen alles wissen. Damit muss man sich arrangieren können. Jude ist zufrieden mit ihrem Leben hier in Saratoga. Aber die Zukunft macht ihr etwas Angst. Vor ein paar Jahren hat die Automobilindustrie in Michigan im grossen Stil Arbeitsplätze abgebaut. Da sind viele Leute von Michigan nach Wyoming gezogen. Hier hat es zwar immer noch genügend Arbeit. Aber es hat sich offenbar auch etwas verändert, und das macht Jude Sorgen, ohne dass sie genau sagen kann, was es ist.
Und dann findet zurzeit ja der Wahlkampf um das US-Präsidentenamt statt. In Wyoming wählen die Leute traditionell republikanisch. Aber mit Donald Trump können die Leute hier offenbar auch nichts anfangen. Jude glaubt nicht, dass Trump gewählt wird.
Nach etwa eine halbe Stunde verabschiede ich mich und mache mich auf meinen langen, kalten Weg.

Die Strasse ist zwar nass, aber schneefrei. Während ich mit Jude geplaudert habe, hat es aufgehört zu schneien. Der Schnee macht mir deshalb keine Sorgen, die Temperatur aber schon. Im Moment zeigt das Thermometer zwei Grad Celsius an. Wenn die Temperatur nur ein kleines bisschen sinkt, dann bildet sich Glatteis, und das kann ich überhaupt nicht brauchen.

Auf den 40 Meilen von Saratoga bis Rawlins gibt es keine Schwierigkeiten. In Rawlins verlasse ich die Interstate 80 und fahre durch hügeliges Land. Hier setzt wieder leichter Schneefall ein. Der Wind treibt den Schnee auf der Strasse immer wieder zu kleinen Schneewällen zusammen, die ich vorsichtig umfahren muss. So komme ich zwar einigermassen sicher weiter, aber kaum richtig vom Fleck.
Nach weiteren 40 Meilen will ich bei Muddy Gap auf die Route 287 abbiegen. Kurz vor der Abzweigung signalisiert ein Schild, dass die Route 287 nach Lander geschlossen sei. Das kann doch nicht wahr sein. Die können mich doch nicht einfach fast 100 Meilen bei diesem Wetter durch die Pampa fahren lassen und dann einfach die Strasse zu machen. Bei der Kreuzung gibt es auch eine Tankstelle. Da erkundige ich mich nach dem Strassenzustand. Der Tankstellenwart nimmt die ganze Sache mit stoischer Ruhe. Solche Schneestürme Ende April sind in dieser Region keine Seltenheit. Aber deswegen wird doch die Strasse nach Lander nicht zugemacht. Der Tankwart zeigt mir eine Website, die über den aktuellen Strassenzustand in Wyoming informiert. Gemäss dieser Website soll die Strasse nach Lander offen sein. Ich merke mir die Website, bedanke mich beim Tankwart und kehre zurück auf die Strasse. Das war es also, was der andere Tankstellenwart beim Cache La Poudre Canyon gestern gemeint hatte. Mit solchen Schneestürmen muss man hier im April rechnen. Wie ist das aber jetzt mit dieser Warnung, die Strasse nach Lander sei geschlossen? Ich fahre die paar Meter zum Schild zurück und merke gleich, dass es sich nur um ein Missverständnis handelt. „Road to Lander ist closed when flashing,“ heisst es, wenn man genau liest. Vor lauter Panik habe ich nur den ersten Teil des Schildes gelesen. Es ist also alles in Ordnung, die Strasse ist frei und ich setze meine Fahrt nach Lander fort.

 

Eine gute Stunde später komme ich - immer noch heil - in Lander an. Zum Aufwärmen setze ich mich erstmal zu McDonalds. Nach einer halben Stunde bin ich wieder aufgewärmt, verpflegt, etwas zuversichtlicher und bereit zur Weiterfahrt.
Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Nur gut, dass am Vormittag bei McDonalds so wenig los ist. Da kann ich meine Sachen in aller Ruhe in der Kinderecke ausbreiten und mich regenfest einpacken. Ich muss heute noch weit fahren. Das Wetter ist grässlich und Glatteis droht. Das alles ist gar nicht so schön, wie ich mir das für den Urlaub wünsche. Da muss ich nicht nur gut auf die Strasse achten, sondern auch auf meine Laune.

Schichtfelsen im Schnee

Hügel verschwinden im Schnee

Sanfte Hügel

Motorradfahren in der Kälte und bei Regen macht keinen Spass. Auch wenn ich schön wasserfest eingepackt bin und mich eben erst in Lander aufgewärmt habe: Ich finde es nicht lustig. Also drücke ein wenig aufs Gas, damit die Fahrt im Regen und bei dieser Kälte schneller vorbeigeht. Ich weiss, dass ich etwa 20 Meilen zu schnell fahre, aber was soll’s? Kurz vor Dubois sehe ich im Rückspiegel rot-blau-weisse Lichter blinken. Heute ist einfach kein guter Tag.

Wieder ist es ein Sheriff, der in aller Ruhe aus seinem Pickup aussteigt und mit ernstem Gesicht zu mir kommt. Der Sheriff, der mich letzte Woche in Utah angehalten hatte, war Mitte dreissig, drahtig und etwas jungenhaft. Dieser Sheriff hier ist etwa so alt wie ich, gross, bullig, und stellt mit seinem Schnurrbart und seiner Brille unzweifelhaft eine Autorität dar. Er stellt sich vor mich hin und beginnt zu reden. Zuerst hoffe ich, dass ich irgendwie verstehe, was er meint. Aber er redet so schnell und so ohne Punkt und Komma, dass ich ihn unterbreche: «Ich bin Ausländer. Ist es möglich, dass Sie ein bisschen langsamer sprechen? Ich verstehe Sie sonst nicht. » Jetzt ist der Sheriff kurz still, macht aber ein noch viel ernsteres Gesicht. Ob ich Waffen dabei habe, will er wissen. Nein, ich habe keine Waffen dabei. Das glaubt er mir offenbar nicht, denn er fragt noch einmal nach. Aber ich bleibe dabei: Nein, ich habe keine einzige Waffe dabei.
Jetzt will der Sheriff meinen Pass und meinen Führerschein sehen. Nachdem er beide Dokumente gründlich studiert hat, fragt er, woher ich komme und wohin ich wolle. Nun, ich bin heute Morgen in Saratoga gestartet und über Lander bis hierher gefahren. Heute will ich bis nach Jackson, damit ich morgen den Yellowstone-Nationalpark besuchen kann. Jetzt schaut er mich lange an. Er ist vielleicht sehr ernst, aber so wie ich ihn einschätze bestimmt kein Idiot.
Dann fängt er noch einmal an, ganz langsam diesmal. Ich bin so viel zu schnell gefahren, dass ich 200 Dollar Busse bezahlen muss, und zwar jetzt gleich und in bar. Ob ich das Geld dabeihabe. Ich überlege einen Moment lang, was ich jetzt am besten zur Antwort gebe: «Ich habe etwa 40 Dollar Bargeld bei mir. Aber ich habe  auch eine Kreditkarte und eine Bankkarte dabei. Selbstverständlich bezahle ich die Busse von 200 Dollar sofort. Ich muss einfach bei einem Bankomaten das entsprechende Bargeld holen».
Jetzt ist wieder der Sheriff dran mit überlegen. Dann fragt er noch einmal, wieviel Bargeld ich bei mir habe. Eben, etwa 40 Dollar. Jetzt überlegt er eine ganze Weile, schaut meine Papiere, mein Motorrad und mich an, und kommt zu einem Urteil: «Hören Sie, ich sehe ihre Situation und ich will Ihnen auch nicht unnötig Schwierigkeiten machen. Ich schreibe Ihnen einen Busszettel über 25 Dollar. Damit wären sie etwa zehn Meilen zu schnell gefahren. Haben Sie 25 Dollar Cash dabei? » Natürlich habe ich das. Er nickt. Dann zieht er sich mit meinen Papieren in seinen Pickup zurück und tut dort wahrscheinlich das, was so ein Sheriff in seinem Pickup tun muss. Ich warte solange draussen und friere still vor mich hin. Das dauert eine ganze Weile. Ich stehe bestimmt 10-15 Minuten in der Kälte und im Regen und warte. Für mich selber denke ich, dass diese Warterei wahrscheinlich ein Teil der Strafe ist, wenn mir der Sheriff schon 175 Dollar Bussgeld erlässt. Also tue ich, als ob mir Regen und Kälte gar nichts anhaben können und warte scheinbar seelenruhig auf den Sheriff. Schliesslich kommt er wieder aus seinem Pickup heraus. Er hat im Schutz seines Pickups den ganzen Administrativkram erledigt und streckt mir einen Bussgeldzettel über 25 Dollar hin. Brav übergebe ich ihm das Geld. Jetzt folgt eine Belehrung, die ich nicht ganz verstehe. Soviel kriege ich aber mit: Bis am 05.05.2016, also innerhalb von zehn Tagen, kann ich beim Gericht in Dubois gegen die Busse Einsprache erheben. Ich gebe mir Mühe, ein Pokerface zu bewahren. Schliesslich werde ich kaum so blöd sein, und mich über ein so mildes Urteil auch noch beschweren. Er schaut mich noch einmal prüfend an. Das ist aber wirklich ein ganz richtiger und strenger Sheriff. «Ich habe noch bei der Zentrale angerufen und gefragt, wie das Wetter bis Jackson wird. Es dauert etwa noch 20 Minuten, dann hört der Regen auf und es bleibt trocken». Damit habe ich nicht gerechnet. Mein Pokerface weicht einem überraschten Gesichtsausdruck, und ich bedanke mich sehr. Er nickt, dreht sich um, steigt wieder in seinen Pickup und fährt davon. Das war jetzt aber wirklich sehr grosszügig vom Sheriff. Und dabei hat er immer so ein ernstes und strenges Gesicht gemacht.

Sphinx vor Jackson

Felsfiguren im Schnee vor Jackson

Ebene vor Moran

Noch etwa zwei Stunden dauert meine Fahrt bis nach Jackson. Tatsächlich hört der Regen nach etwa einer halben Stunde auf. Aber die Strasse führt noch einmal richtig in die Höhe und damit auch in die Minustemperaturen. Gottseidank ist die Strasse mittlerweile trocken, so dass ich mich nicht auch noch vor Glatteis fürchten muss. Es dämmert bereits, als ich schliesslich in meinem Motel Jackson ankomme.

Wenn ich jeweils am Abend in meinem Motel ankomme und mein reserviertes Zimmer beziehen möchte, dann verläuft das meistens nach demselben Ritual: Ich ziehe den Helm aus, tausche die Sonnenbrille gegen die normale Brille, nehme Kreditkarte und ID zur Hand und stelle mich damit an die Rezeption: „Hello, good evening, I have a reservation with booking“. Dabei strecke ich jeweils gleich meine ID hin, damit sie mich nicht nach meinem Namen fragen, den ich lieber nicht auf englisch buchstabieren möchte. Genau dieses Ritual möchte ich auch hier zelebrieren.
Das läuft hier aber nicht so. Die Dame an der Rezeption steht nicht auf, als ich hereinkomme, und sie nimmt auch meine ID nicht entgegen. Stattdessen guckt sie mich im Sitzen über ihren Brillenrand an und fragt, ohne mich zu grüssen: „Martin?“
„Yes,“ antworte ich etwas überrascht. Jetzt steht die Dame auf, drückt mir eine Schlüsselkarte in die Hand und zeigt mir, dass mein Zimmer liegt gleich in der Ecke im ersten Stock liegt. Das wars, der kürzeste und präziseste Empfang aller Zeiten. Zwei Minuten später stehe ich in meinem Zimmer. Es ist sauber und nett eingerichtet, aber es ist vor allem waaaaarm, schön! Heute gehe ich bestimmt nicht mehr aus dem Haus.

Reiseroute am Dienstag, 26. April 2016

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