Boise – Tag 3

Im Gegensatz zu gestern bin ich heute früh wach und fit. Ich gehe joggen in den Anne Morrison Memorial Park. Noch ist fast niemand da. Da und dort werden ein paar Stände aufgebaut, aber es ist noch nicht klar, wofür die sein werden. Am Rand des Parks beobachte ich ein spannendes Schauspiel: Ein Raubvogel jagt hinter einem Eichhörnchen her. Das kann sich gerade noch retten und durch ein Loch unten in einem Maschendrahtzaun hindurchschlüpfen. Der Raubvogel hingegen kracht fast in den Zaun und kann erst im letzten Moment noch seinen Angriffsflug abbremsen. Schön, dass das Eichhörnchen sich retten konnte. Der Lacher darf ruhig auch einmal auf der Seite der Schwachen sein.

Heute ist Samstag. Das merke ich erst, nachdem ich eine Weile über den Bauernmarkt vor dem Hotel geschlendert bin und mich gefragt habe, woher die Leute hier auch all die Zeit nehmen, um in einer wunderbaren Gelassenheit am heiterhellen Tag über den Markt zu schlendern. Der Markt selbst sieht ganz ähnlich aus wie ein Markt bei uns: Backwaren, Gemüse, Setzlinge, Kunsthandwerk, Kosmetik, Strassenmusik und Weltverbesserung. Ich finde ein kleines, gemütliches Beizli und setze mich zum Schreiben hinein. Bis ich alerdings etwas zu trinken bekomme dauert es einen Moment. Wahrscheinlich wäre es unendlich viel einfacher gewesen, hier um 11.30 Uhr einen opulenten Fünfgänger zu bestellen als diesen Pfefferminztee, um den ich gebeten habe.

Kurz nach dem Mittag bin ich wieder zurück im Hotel. Es gibt da ein Thema, das ich schon länger vor mich herschiebe. Ich müsste nämlich unbedingt einmal prüfen, nach wie vielen Fahrkilometern bei Olga in Zukunft wieder ein Service oder ein Pneuwechsel fällig sein wird. Solange ich mich in den USA oder in normal dicht besiedeltem Gebiet aufhalte ist das kein Thema. In den schwach besiedelten Gebieten von Kanada und Alaska ist das dann anders. Gestern habe ich die Route bis und mit Vancouver geplant. Heute befasse ich mich mit Kanada und Alaska. Ab Prince George in Kanada beginnt die grosse Einsamkeit von Yukon und Alaska, und damit wahrscheinlich auch der anspruchsvollste Teil meiner Reise. Vor dem fürchte ich mich auch etwas.
Zwischen Prince George und Watson Lake in Yukon, Kanada, gibt es zwei Strassenverbindungen, die beide etwa 1'300 km lang sind. Im Westen gegen das Meer hin liegt der Cassiar Highway. Weiter östlich führt der Alaska Highway durch das Landesinnere. Beide Strecken haben offenbar ihre je eigenen Schönheiten. Darum habe ich mir vorgenommen, beide Strecken zu fahren. Das bedeutet allerdings, dass ich eine der beiden Strassen zweimal fahren muss. Dafür hatte ich in der Grobplanung unter dem Arbeitstitel „Watson Lake Circuit“ von Anfang an genügend Zeit eingeplant. Zuerst werde ich von Prince George nach Watson Lake auf dem Alaska Highway im Landesinneren fahren, dann auf dem Cassiar Highway, der westlichen Route, wieder zurück nach Prince George. Weil der Cassiar Highway rund 100 km kürzer ist werde ich diese Strecke dann gleich wieder zurück nach Norden fahren.
Von Watson Lake aus geht es dann über Whitehorse nach Haines. Ursprünglich wollte ich ein paar Tage in Skagway Station machen. Haines ist aber weiter vorne am Meer und nicht so weit zurückversetzt in eine enge Bucht wie Skagway. Darum ändere ich da meinen Plan. Die Küste in Alaska soll sehr schön sein und ausserdem soll man dort auch viele Meerestiere sehen können. Haines ist dann der letzte Ort, an dem ich noch einmal länger Station mache.
Mit dem Dreieck Whitehorse – Dawson – Tok wollte ich es ursprünglich gleich machen wie mit der Strecke Prince George - Watson Lake. Die Reiseführer mahnen da aber zur Vorsicht. Offenbar gibt es auf dieser Strecke schwierige Passagen. Da will ich nicht unter Zeitdruck geraten. Daher setze ich für Whitehorse – Dawson – Tok vier Tage ein, einen Tag mehr, als ich ursprünglich gedacht habe. Aber die Strecke Tok – Whitehorse – Tok lasse ich weg.
Von Tok aus sind es dann noch drei gut machbare Etappen, Tok – Fairbanks – Denali – Anchorage. Wenn alles gut geht, dann komme ich am Samstag, 4. Juni in Anchorage an. Am Sonntag und am Montag habe ich den ganzen Tag Zeit in Anchorage. Dann werde ich mich unter anderem von Olga verabschieden müssen. Am Dienstagnachmittag fliege ich nach Los Angeles. Am Mittwochabend startet dann – wenn alles gut geht - der Heimflug. Vielleicht muss ich auch noch ein bis zwei Tage auf einen freien Platz warten. Am Donnerstag, 9. Juni gegen Mittag möchte ich wieder zu Hause sein. Dann werde ich drei Monate und sechs Tage weggewesen sein.

(Bild: Quelle = Youtube)

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