Seattle

Gestern Abend nach dem Essen habe ich noch einen Verdauungsspaziergang gemacht und meine Umgebung hier in Seattle erkundet. Dabei habe ich zwei Strassen völlig überraschend ein „Café Suisse“ gefunden. Im Schaufenster habe ich die klassischen Schweizer Produkte gesehen, Ragusa-Schokolade zum Beispiel. Um neun Uhr Abends hatte das Café leider schon geschlossen. Aber heute Morgen will ich da hingehen und schauen, ob ich da ein Frühstück bekomme.

Café Suisse

So richtig schweizerisch kommt mir das Café Suisse heute Morgen aber nicht vor. Denn die Bedienung hier ist auf jeden Fall durch und durch amerikanisch. Ich bin etwas irritiert frage nach, warum das Lokal hier Café Suisse heisst. Die junge Dame weiss offenbar nicht so recht, was sie dazu sagen soll. Schliesslich meint sie, hier würden doch eben so typische Schweizer Produkte angeboten. So sei zum Beispiel das Schokoladepulver für ihren Mocha ein typisches Schweizer Produkt. Ich bin ein ganz klein wenig enttäuscht. Eigentlich hatte ich erwartet, dass ich hier auf Schweiz-stämmige Personen treffen würde. Aber diese Erwartung hat sich ja schon in Utah in der "German Bakery Forscher" nicht erfüllt. Ich hätte es also wissen können. Aber im Gegensatz zur Bäckerei Forscher bekomme ich hier tatsächlich einen echten Schweizer Kräutertee und ein Stück Schokoladentorte, wie wir sie zu Hause auch haben. Damit setze ich mich an einen Tisch in der Ecke. Schokoladentorte ist ja nicht gerade ein typisches Schweizer Frühstück. Aber der Tee und der Kuchen sind lecker. So trinke ich also in den Rocky Mountains einen Schweizer Alpenkräutertee, esse meine Kuchen und schaue dem Betrieb hier zu. Der Laden läuft gut. Ständig ist etwas los, und die amerikanische Bedienung bringt gekonnt ihre Schweizer Produkte unter die Leute.
Nach einer Weile kommt ein Mann von hinten in das Café. Das kann kein Kunde sein. Er bespricht sich kurz mit der Bedienung und schaut sich dann im Geschäft um. Im Moment bin ich der einzige Gast. Darum grüsse ich ihn und frage nach, ob er der Mister Café Suisse sei. Das ist vielleicht etwas salopp formuliert, aber mir fällt gerade nichts Anderes ein. Und ausserdem sind wir ja hier in den USA. Wo wenn nicht hier kann man etwas salopp sein? Er bestätigt aber: Ja, er ist hier der Boss, und er stammt tatsächlich auch aus der Schweiz. „Vo wo de?“ frage ich berndeutsch. Hehehe, diesen Überraschungscoup habe ich vorgestern dem Rainer aus Deutschland abgeguckt. Tatsächlich macht mein Gegenüber genauso grosse Augen, wie ich sie vorgestern gemacht habe.
Der Mann hier heisst Urs Berger. Er ist in Bern aufgewachsen, ist zehn Jahre älter als ich und lebt seit zehn Jahren hier in Seattle. Urs hat eine spannende Geschichte zu erzählen. Vor vielen Jahren hat er als junger Mann in der Schweiz einmal eine amerikanische Autostopperin mitgenommen. Daraus hat sich für eine Weile eine Fern-Nah-Fern-Nah-Beziehung ergeben. Irgendeinmal haben die beiden jungen Leute diese Beziehung beendet. Urs hat weiter in der Schweiz gelebt und hat später eine andere Partnerin gefunden und geheiratet. Zusammen mit seiner Frau hat er Kinder bekommen, diese grossgezogen und daneben fleissig gearbeitet, wie man es als Schweizer eben so macht. Irgendwann einmal ist die Ehe ist dann brüchig geworden und schliesslich auseinander gegangen. Und irgendeinmal hat Urs dann unverhofft einen Anruf von seiner alten Liebe aus den USA erhalten. Der war es in der Zwischenzeit nämlich ganz ähnlich ergangen. Mittlerweile haben die beiden spät dann doch noch zusammengefunden. Jetzt leben sie hier in Seattle, führen das Café Suisse und auch noch "eurostyle your life", ein Geschäft für Kleider und schöne Dinge aus Europa. Urs ist per Zufall auch Motorradfahrer. Er gibt mir tolle Tipps für die schönen Motorradstrecken in der Region. Ausserdem unterhalten wir uns lange über Gott und die Welt und auch über Schweizer Politik. Wer hätte das gedacht, dass ich hier in Seattle auf einen so liebenswürdigen und spannenden Schweizer treffen würde!

Kugelbau

Nachdem ich mich von Urs Berger verabschiedet habe, mache ich mich wieder auf zu meinem Streifzug durch Seattle. Ich finde die Stadt viel charmanter als Portland. Hier wird zwar auch heftig gebaut. Überall wachsen neue babylonische Türme in den Himmel. Trotzdem, mir gefällt es hier besser als in Portland.

Nachdem ich einen ganzen Tag lang durch die Stadt gestreift bin, besorge ich mir ein Picknick zum Abendessen. Während dem Essen überlege mir, wie ich am nächsten Tag nach Vancouver fahre. Soll ich den Ratschlägen von Urs Berger folgen und eine Schlaufe zum Mount Baker fahren? Eigentlich würde ich die Landschaft da gerne sehen. Wann werde ich wohl wieder hier in der Gegend sein? Aber ich mag nicht schon wieder eine vielversprechende Strecke zusammenstellen und mich darauf freuen, und wenn ich dann unterwegs bin schon wieder vor einem „Road closed“-Schild stehen. Es ist eine blöde Entscheidung. Trotzdem, morgen fahre ich in aller Ruhe direkt über die Autobahn nach Vancouver. Sollte es unterwegs etwas Schönes zu sehen geben, dann kann ich mir immer noch genügend Zeit dafür nehmen. Und wenn nicht, dann bin ich wenigstens rechtzeitig in Vancouver. Dann kann ich mich da schon etwas umschauen, oder ich kann auch einfach etwas faulenzen.
Heute werde ich mir zum letzten Mal mit Fruchtgummis und Kratom Gute-Nacht-Sagen können. Morgen passiere ich die Grenze zu Kanada. Da werde ich nichts bei mir haben, das meine Einreise in Frage stellen könnte. Die restlichen Fruchtgummis versenke ich deshalb gut verschlossen zuunterst im Müll. Schade.

Gerichtsgebäude mit Birkenpark

The Needle - das Wahrzeichen von Seattle

Ich bin in ganz aufgeräumter Stimmung. Seattle hat mir gefallen. Morgen fahre ich über die Grenze nach Kanada. Es ist soweit alles so, wie ich mir das wünsche (bis auf den Schnee beim Mount Baker). Ausserdem folgt auf einen sonnigen und warmen Tag hier ein ausgesprochen milder Abend. Ich gehe ich noch einmal hinaus und schaue mir  Seattle in der Dämmerung an. Vis-à-vis vom Hotel steht ein grosses, modernes Gerichtsgebäude, davor ein Park mit schlanken, jungen Birken. Die sehen unglaublich malerisch aus im Abendlicht. Die langen, dünnen Birken ragen mit ihren streng nach oben wachsenden feinen Ästen in den dunkelblauen Himmel. Es ist, als ob Mutter Natur zeigen möchte, dass sie auch hohe Türme bauen kann. Ein biologisch vollständig abbaubares Pendant zum Space Needle Turm, dem Wahrzeichen von Seattle.
Das war ein schöner, ruhiger, vorläufig letzter Abend in den USA.

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