Kamloops – Canmore

Letzte Nacht habe ich fast kein Auge zugetan. In meinem Zimmer hat es immer wieder unglaubliche Störgeräusche gegeben. Wahrscheinlich stammten die von einer Wasser- oder Abwasserleitung. Ich habe es leider nicht herausgefunden.
Meinen Zimmerschlüssel habe ich an der Rezeption schon abgegeben, als mir das wieder einfällt. Also kehre ich noch einmal um und beschreibe, was sich letzte Nacht abgespielt hat. Heute Morgen ist ein anderer indisch-stämmiger Herr an der Rezeption. Es könnte der Vater des Rezeptionisten von gestern Abend sein. Als er das mit den Störgeräuschen hört macht er grosse Augen und fragt: „Oh really?“ Da mache ich auch grosse Augen und wiederhole: „Yes, really!“ Da bekommt mein Gegenüber ein richtig verschlagenes Grinsen. Der weiss doch genau Bescheid, das alte Schlitzohr. Bei dem würde ich doch glatt die Null wählen, wenn ich eine Frage hätte, oder was?

Der heutigen Tour gegenüber habe ich etwas gemischte Gefühle. Ich fahre zwar auf der einzig möglichen Strecke in die Richtung von Calgary, aber wie ich gestern Abend gesehen habe ist es die Transcanadienne, die grosse West-Ost-Transversale, der kanadische Highway Number one. Möglicherweise wird das heute eine lange, langweilige Traverse. Ist es denn mit den schönen Routen im wildromantischen Norden schon wieder vorbei? Die einzige Alternative wäre, gar nicht in diese Richtung zu fahren. Das geht aber nicht, weil ich Olga in Calgary zum Service angemeldet habe.
Diese Service-Anmeldung ist eigentlich banal. Sie hat sich aber zu einer etwas blöden Geschichte entwickelt. Vor einer Woche habe ich mich via Mail zum Service beim BMW-Motorradhändler in Calgary angemeldet. Blackfoot Motorsports in Calgary ist der einzige BMW-Motorradpartner in der Region. Zwischen Calgary und Anchorage gibt es keine weitere Vertragswerkstatt. Die Werkstatt hat ein paar Tage später geantwortet und gefragt: What are your projected kilometers and what tires would you prefer? Leider habe ich nicht verstanden, was mit "projected kilometers" gemeint war. Darum habe ich mein Tourenbuch so aufbereitet, dass man sehen kann, wo ich bisher schon durchgefahren bin, wo und wann ich Services und Reifenwechsel hatte und was ich an Strecken und an Kilometern noch geplant habe. Das habe ich dem BMW-Händler dann via Mail geschickt. Bei den Reifen habe ich ihn um eine Empfehlung gebeten.
Das war am letzten Freitag. Gestern Montag habe ich eine zweite Mail von ihm erhalten. Er finde in meinem Mail die Antwort nicht, die er brauche, schreibt er. Er müsse wissen, mit welchem Kilometerstand ich in den Service kommen wolle, und wann genau ich bei ihnen sein werde. Daraufhin habe ich ihm gestern den genauen voraussichtlichen Kilometerstand geschickt. Dabei habe ich aber festgestellt, dass ich bei meiner Anfrage vor einer Woche nur die gewünschte Uhrzeit, nicht aber das gewünschte Datum für den Service angegeben habe. Das ist jetzt natürlich ganz blöd. In meinem Mail gestern habe ich mich dafür entschuldigt, habe die korrekten Daten geschickt und gefragt, ob der Servicetermin morgen Mittwoch um zehn Uhr in Ordnung sei.
Heute Morgen habe ich die Antwort erhalten: Der BMW-Händler schreibt, dass jetzt bei ihnen Hochsaison sei, und dass sie Serviceanmeldungen am liebsten drei bis vier Wochen zum Voraus entgegennehmen würden. Er habe er nicht gewusst, dass ich schon morgen kommen wolle. Ausserdem könne ich mich nicht einfach auf zehn Uhr anmelden. Sie würden ja erst im Verlauf des Tages sehen, was wirklich alles gemacht werden müsse. Auf dem beiliegenden Auftragsformular soll ich ankreuzen, was ich alles kontrolliert und allenfalls ersetzt haben wolle.
O Gott! Vor meinem geistigen Auge entsteht das Bild eines unfreundlichen Erbsenzählers, der nur gaaaanz genau nach Schema F arbeiten will, und auch dann nur, wenn er ganz oft bittebittebitte gehört und einen Kniefall gesehen hat. Mannmannmann, ich rege mich richtig auf!
Nach einer Weile merke ich dann, dass ich ja kaum geschlafen habe und darum nicht gerade glänzender Laune bin. Darum versuche ich, noch einmal frisch an die Sache heranzugehen. Der gute Mann hätte das Tourenbuch, das ich extra für ihn schön übersichtlich und informativ gestaltet habe, nur richtig anschauen müssen. Dann hätte er gleich gesehen, mit welchem Kilometerstand und an welchem Tag ich in Calgary ankommen will. Wir haben also beide nicht ganz richtig hingeschaut. Dann fällt mir aber auf, dass er meine Serviceanfrage gar nicht abgelehnt hat. Er hat nur erklärt, wie es normalerweise bei ihnen läuft, und dass alles jetzt etwas kompliziert wird. Nach einigem Überlegen nehme ich den Erbsenzähler und die anderen unfreundlichen Worte zurück. Vielleicht steht auf der anderen Seite ja einfach ein Mensch, der ganz genau wissen will, worum es geht. Das wäre ja nicht verkehrt.
Also schreibe ich ihm heute Morgen zurück: Sorry! Es war natürlich mein Fehler, dass ich bei der Anfrage kein Datum angegeben hatte. Ich bin natürlich froh, wenn es trotzdem möglich ist, morgen den Service und den Reifenwechsel zu machen. Wegen der Checkliste: Ich habe leider keine Ahnung von der Technik und kann darum nichts auf der Liste ankreuzen. Aber ich lege den Arbeitsrapport vom letzten Service bei. Dort sieht man, was Mike in Chico beim letzten Service alles gemacht hat. Und dann hoffe ich einfach, dass das mit dem Service morgen klappt. Den ganzen Tag über stösst mir die Geschichte immer wieder auf. Jedes Mal dauert es einen Augenblick, bis ich das wieder richtig eingeordnet habe. Das ist bestimmt ein ganz guter Servicemann. Es hat einfach ganz blöd angefangen. Die schlaflose Nacht, die Umstände mit dem Service in Calgary und die Befürchtung, dass die heutige Fahrt zu einer langweiligen Traverse verkommt, machen den Start in den Tag etwas schwierig.

Bei schönstem warmem Wetter fahre ich los Richtung Osten. Während den ersten 40 km verläuft die Strasse parallel zum Thompson River. Es geht fast immer geradeaus. Manchmal tuckere ich einem Lastwagen hinterher. Manchmal muss ich wegen einer Baustelle warten. Das sind die beiden einzigen Abwechslungen während der ersten Fahrstunde. Die Gegend hier ist schön. Sie gleicht der Region zwischen Solothurn und Biel, ist aber natürlich viel weitläufiger.
Dann folgt die Strasse während etwa 100 km einem System aus grösseren und kleineren Seen, die durch Flüsse oder Überläufe miteinander verbunden sind. Gegen Mittag nimmt der Verkehr etwas ab. Die Landschaft wird hügelig. Irgendeinmal stelle ich fest, dass ich in allerbester Laune bin. Damit überrasche ich mich selbst. Es ist nämlich so, dass ich gerade auf der grossen kanadischen West-Ost-Verbindung fahre. Das ist bei weitem nicht die ultimative Motorradstrecke. Trotzdem ist es einfach schön, hier unterwegs zu sein. Anders lässt sich meine gute Stimmung nicht erklären. Und es ist mir ganz recht, wenn ich gut gelaunt bin. Vor einigen Jahren hat ein Song der Deutschfreiburger Band „Rään“ zu meinem Favoriten gehört. Das Lied heisst „as giit mer guet“, und ganz genau so komme ich mir gerade vor.

Um den Mittag herum erreiche ich den Glacier National Park. Einen Park mit diesem Namen gibt es auch in Montana in den USA. Da wollte ich vor 14 Tagen hinfahren. Weil die Strassen noch gesperrt waren, habe ich es dann aber bleiben lassen. Heute fahre ich also durch den kanadischen Glacier National Park. Von der Strasse aus sehe ich zwar keine Gletscher. Nur ein Wegweiser da und dort zeigt an, wo es zu den Gletschern geht. Aber auch ohne Blick auf die Gletscher bin ich von dieser Bergregion hier sehr beeindruckt. Die Gegend zeigt sich in unerwartet klaren Grün-, Blau- und Grautönen. Ausserdem kenne ich diese Verbindung aus hohen, schroffen Bergen und weitläufigen Landschaften nicht. Bisher habe ich hohe Berge nur in Verbindung mit engen, verwinkelten Tälern gekannt. Schon gestern sind mir die unterschiedlichen, unbekannten und unerwarteten Gerüche aufgefallen. Das setzt sich heute fort. So riecht zum Beispiel die Wärme hier ganz anders, unerwartet eben. Ich bedaure es sehr, dass ich das Eindrückliche, das ich hier erlebe, nicht einfangen kann. Gerüche lassen sich natürlich nicht festhalten. Aber ich weiss auch nicht, wie man die Stimmung einer Landschaft - Weite, Leere, Eindrücklichkeit - fotografiert.

Nach dem Glacier Park treffe ich wieder auf den Columbia River. Der entspringt etwa 200 km weiter südlich dem Columbia Lake. Der Columbia River fliesst zuerst etwa 400 km nach Norden. Dort holt er den Zufluss aus dem Columbia Icefield ab. Dann ändert er seine Richtung um 180 Grad und fliesst nach Süden bis zu der Stelle, wo ich ihm vor einer Woche das erste Mal begegnet bin. An der Grenze zwischen den US-Bundesstatten Washington und Oregon dreht der Columbia River nach Westen und mündet 300 km später bei Portland in den Pazifik.
Hier bei Golden nimmt der Columbia River den Kicking Horse River und der Blaeberry River auf. Ich habe extra noch nachgeschaut: Die beiden Zuflüsse heissen tatsächlich so.

Golden ist ein Ort mit etwa 3'000 Einwohnern. Hier wurde ursprünglich Holzfällerei betrieben. In neuerer Zeit ist noch etwas Tourismus dazugekommen. Schliesslich liegt Golden mitten in der Region der grossen Nationalparks. Die Transcanadienne führt von Golden aus mitten durch den Yoho und den Banff National Park nach Calgary. Eigentlich darf man hier nur durchfahren, wenn man einen Nationalpark-Pass kauft. Das lässt sich aber offenbar auf dieser grossen West-Ost-Verkehrsachse nicht durchsetzen. Daher gibt es eine Kompromiss-Regelung: Man darf zwar hier durchfahren. Ohne Nationalpark-Pass darf man aber in den Parks nicht anhalten. Ich will hier nur durchfahren. Darum kaufe ich keinen Pass. Später merke ich dann, dass ich mich nicht ganz daran halten kann. In Lake Louise muss ich kurz anhalten um zu tanken. Etwas später schalte ich dann doch einen kurzen Fototermin ein. Die Gegend hier ist einfach zu sehenswert um nur durchzufahren.
Mittlerweile ist es frisch geworden und die letzten Kilometer ziehen sich ziehen sich in die Länge. Ich bin froh, als ich gegen 19.00 Uhr in Canmore ankomme und unter die warme Dusche springen kann.

Heute Abend hätte ich gerne ein richtig schönes Abendessen. Mein Hotel bietet leider keine Gastronomie an. Die Dame an der Rezeption zeigt mir aber einen lauschigen Gartenweg, der zu einem Restaurant gleich nebenan führt. Das Lokal ist wie ein etwas moderneres Bergrestaurant eingerichtet, etwas rustikal, aber hell. In den USA ist es offenbar ein Zeichen von Qualität, wenn es in einem Restaurant laut zu und hergeht. In Kanada ist das anders. Das Restaurant hier ist zwar gross und gut besucht. Aber der Geräuschpegel liegt auf einem angenehmen Niveau.
Kaum habe ich mich hingesetzt fragt mich auch schon eine junge Dame nach meinen Wünschen. Sie ist etwa Mitte zwanzig, trägt eine sehr grosse Brille und strahlt mich auch mit sehr grosser Freundlichkeit an. Ich mag Freundlichkeit sehr. Hier ist es aber fast ein wenig des Guten zu viel. Ob die nette Dame wohl einen dieser Kurse besucht hat, wo man im Übermass auf Freundlichkeit und Empathie getrimmt wird? Ich hätte gerne ein Glas kanadischen Weisswein. Sie kennt sich aber damit nicht so gut aus und kann mir daher nichts empfehlen. Das erklärt sie mit einer ganz reizenden Mischung aus Verlegenheit und Charme. Also entscheide ich selber und wähle ein Glas Pinot Grigio. „Oh, a good choice!“ Es klingt fast, als würde sie jubeln ob meiner Entscheidung. Das ist zwar sehr sympathisch und nett gemeint, aber es ist gleichzeitig auch ein bisschen daneben. Wenn sie sich mit kanadischem Weisswein nicht auskennt, wie soll sie meine Wahl denn gut finden? Eben. Es wirkt so ein bisschen unglaubwürdig und überkandidelt, wie man es in manchen Verkaufskursen beigebracht bekommt.
Das erinnert mich an eine Anekdote von Karl Barth, dem grossen Theologen des letzten Jahrhunderts. Karl Barth war bei irgendeinem Anlass mit grossen und bedeutenden Persönlichkeiten, und im Gespräch soll eine solche zu ihm gesagt haben: „Übrigens, Herr Professor, ich habe kürzlich in der Bibel gelesen, und ich muss sagen, dass da ja doch beachtliche Wahrheiten drin stehen“. Darauf soll Karl Barth geantwortet haben: „Oh, da wird sich der liebe Gott aber freuen“.
Mit dem Pinot Grigio und dem ganzen Abendessen ist soweit alles in Ordnung. Ich verbringe hier einen ruhigen Abend in einer angenehmen Atmosphäre und werde wirklich sehr liebenswürdig betreut. Von der Euphorie etwas angesteckt bestelle ich zum Dessert ein Schokoladenmousse. Das hätte ich besser bleiben lassen. Irgendwie bringen die Kanadier einen ganz passablen Wein zustande. Mit der Schokolade sind sie aber noch nicht ganz so weit.
Wie auch immer, in dieser Nacht schlafe ich prächtig, Schokoladenmousse hin oder her.

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