Northern Rockies Lodge

Mein Hotel heute Abend ist die Northern Rockies Lodge. Ein sehr schönes Hauptgebäude im Luxus-Blockhausstil, Cabins und eine Tankstelle gehören zu diesem Anwesen, das direkt am Muncho Lake liegt. Der Muncho Lake selber ist ein langer türkisblauer See mit kristallklarem Wasser an dessen Längsseiten die Berge jäh ansteigen. Hier ist man zwar buchstäblich „in the middle of nowhere“, aber eben in einer abgelegenen Idylle. Der Empfang ist mit zwei sehr freundlichen jungen Damen besetzt. Obwohl das Hotel so abgelegen ist herrscht hier am frühen Abend recht reger Betrieb. Nachdem ich mein Gepäck aufs Zimmer gebracht habe schaue ich mir die Gästeinformation an, weil da die Details zum Wifi drinstehen sollen. Dabei sehen ich, dass die Besitzer der Lodge Schildknecht heissen. Weil ich sowieso noch ein paar Auskünfte brauche gehe ich noch einmal an die Rezeption und frage nach. Ja, die Besitzer sind tatsächlich Schweizer, die vor 36 Jahren hierhergekommen sind. „I am from Switzerland too,“ meint die freundliche Dame an der Rezeption. Eine schöne Überraschung, also wechseln wir die Sprache. Sie ist zusammen mit ihrem Partner aus der Ostschweiz hierher nach Westkanada gekommen. Die Stellen hier in British Columbia waren in einem Outdoor-Magazin in der Schweiz ausgeschrieben, und da haben sie die Gelegenheit ergriffen.
Weil eine Gesellschaft angemeldet ist und ich sowieso wieder einmal schmutzige Wäsche waschen muss komme ich erst spät in den Speisesaal.

Muncho Lake

Northern Rockies Lodge

Nach dem Abendessen lerne ich den Juniorchef des Hauses kennen. Daniel Schildknecht erzählt mir die Geschichte seiner Familie und dieses Hauses:
Sein Vater, Urs Schildknecht, hat bis in die Achtzigerjahre als Buschpilot in Libyen gearbeitet. Sein Geld hat er auf die Seite gelegt. Damit hat er später in Nordamerika eine eigene Fluglinie aufbauen wollen. Nach Libyen ist Urs Schildknecht in die USA gezogen. Dort hat er die Lizenz für eine Busch-Airline beantragt. Die Amerikaner haben da aber keinen Bedarf gesehen. In Kanada hat Urs Schildknecht dann die entsprechenden Bewilligungen erhalten. Also hat er angefangen, Hobbyfischer von Vancouver zu den Seen in British Columbia zu fliegen.
Urs Schildknecht hat bald gemerkt, dass er seinen Gästen eine passende Unterkunft in der Zielregion anbieten muss. Zum Airline-Projekt ist ein Hotellerie-Projekt dazugekommen. Am Muncho Lake konnte er ein Anwesen kaufen. Darauf hat er die Lodge gebaut und eine Graspiste für sein Flugzeug angelegt. Lange Zeit hat die Familie Schildknecht Gruppenreisen an den Muncho Lake angeboten. Für Fischer, Jäger, Outdoor-Aktivisten etc. gab es Flüge, eine komfortable Unterkunft und Outdoor-Aktivitäten in der einsamen Wildnis.
Vor 15 Jahren haben die Schildknechts das Fluggeschäft aufgegeben. Seither kommen vor allem Einzelreisende über den Alaska Highway an den Muncho Lake.
Das sind zum einen die Familien von denjenigen Männern, die in den Vierzigerjahren den Alaska Highway gebaut hatten. Erst während dem zweiten Weltkrieg wurde eine lastwagentaugliche Landverbindung durch Kanada nach Alaska gebaut. Wenige Monate nach dem Angriff auf Pearl Harbor wurde damit begonnen. Zehntausende von Arbeitern wurden nach Whitehorse und Fort St. John gebracht. Innerhalb von einem halben Jahr entstand zwischen Whitehorse und Fort St. John eine Schotterpiste von 1'400 km. Offenbar kehren ehemalige Arbeiter regelmässig mit ihren Familien an den Ort des Geschehens zurück. Dabei machen sie auch in der Northern Rockies Lodge am Muncho Lake Station. Die meisten der Arbeiter von damals sind zwar mittlerweile gestorben. Die Tradition der Alaskareisen hat sich in ihren Familien aber gehalten. So kehren jedes Jahr viele Familien an den Ort zurück, wo der Grossvater während dem Krieg am Alaska Highway gearbeitet hat.
Dann übernachten hier viele Familien von Armeeangehörigen. Die US Armee schickt jedes Jahr sehr viel Militärpersonal nach Alaska. Gleichzeitig kehren auch viele Militärangehörige von Alaska zurück in den Süden. Diese Leute reisen meistens mit Hab und Gut und der ganzen Familie. Drei bis vier Tage dauert die Fahrt von Anchorage nach Seattle. Viele Militärnomaden bleiben während dieser Fahrt einen oder mehrere Tage in der Lodge hier. Oft kommen sie später wieder, um hier Urlaub zu machen.
Ausser den ehemaligen Bauarbeitern und den Militärangehörigen gibt es auch Outdoor-Touristen. Diese werden gezielt mit Angeboten zum Wandern und Fischen, mit Aussichtsflügen und weiteren attraktiven Outdoor-Aktivitäten hierher gelockt.
Und schliesslich landen immer wieder Zufallsgäste hier, Leute wie ich, die in der Region unterwegs sind.

Dann wird Daniel Schildknecht etwas nachdenklich. Die Region erlebt gerade wirtschaftlich schwierige Zeiten. Über mehrere Jahre hat die Fracking-Industrie hier Arbeitsplätze aufgebaut und Arbeiter angezogen. Jetzt sind die Energiepreise aber stark gefallen. Fracking lohnt sich nicht mehr. Ein Unternehmen nach dem anderen gibt auf. Familien, die extra in den wilden Norden gezogen sind, bleiben arbeitslos zurück. Orte wie Fort Nelson haben in den letzten Jahren Infrastrukturen für die neuen Bewohner aufgebaut. Jetzt müssen die Kommunen für die Finanzierung und den Unterhalt von nicht genutzten Anlagen aufkommen. Diese Krise ist auch in den Lodges am Alaska Highway zu spüren. Zwei der Lodges in der Umgebung haben in den letzten Jahren schon zu gemacht. Von diesen Lodges hat die Northern Rockies Lodge zwar einige Gäste übernehmen können. Aber die Familie Schildknecht macht sich ernsthaft Gedanken, wie sie ihr Geschäft in Zukunft weiter betreiben kann.
Einen Plan setzen die Schildknechts bereits um: Sie wollen wieder Gäste mit Buschpiloten an den Muncho Lake fliegen. Muncho Lake liegt rund 300 km von den nächsten grösseren Siedlungen Watson Lake und Fort Nelson entfernt. Bis zu den grösseren Flughäfen sind es zwischen 700 km (Whitehorse) und 2'000 km (Vancouver). Die Abgeschiedenheit und das Abenteuer sind die Trümpfe der Northern Rockies Lodge. Da sind komfortable Transportangebote von den Zentren in die Einsamkeit wahrscheinlich sinnvoll.

Daniel Schildknecht ist in Kanada geboren. Er spricht aber - wie seine Eltern - den Ostschweizer Dialekt. In Adelboden hat er Koch gelernt. Er weiss genau, wie sein Geschäft funktioniert.
Ich möchte wissen, welche Perspektive der junge Mann für sich und für den Betrieb hier sieht. Das ist für Daniel Schildknecht ganz klar: Mit der Zeit wird er den Betrieb von seinen Eltern übernehmen. Sein Vater kümmert sich schon jetzt wieder vermehrt um die Fliegerei.
Daniel Schildknecht weiss wohl, dass er laufend Marketing betreiben und sich am Markt attraktiv darstellen muss. „Aber wer weiss schon, wie das richtige Marketing für uns hier funktioniert?“ fragt er zu recht. Letztlich wird er immer wieder etwas ausprobieren und dann die Wirksamkeit überprüfen müssen.
Der Familienbetrieb verfügt auf jeden Fall über eine solide Ausgangslage: Eine sehr schöne Anlage an einem sehr schönen Ort, die mit wirklich netten Leuten betrieben wird.

Good Luck, Familie Schildknecht!

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