New Hazelton – Dease Lake

Die Fahrt von New Hazelton nach Dease Lake wird etwa sieben Stunden dauern. Darum will ich heute zeitig aufbrechen und den Morgen weder vertrödeln noch zum Schreiben nutzen. Es ist schönes Wetter. Nach den letzten paar Kältetagen mag ich mir das gönnen. Bill, der Motelier, ist schon wieder wach. Und wie immer hat er Zeit zum Plaudern. Er erzählt gerne und gut, und ich höre ihm gerne zu, wenn er mit seiner ruhigen, leisen, fast monotonen Stimme redet, und man nie sicher sein kann, ob er jetzt gerade schmunzelt oder ob sein Gesicht einfach freundlich ausschaut. Bill hat Magenkrebs. Alle vier Wochen geht er zum Arzt hier in der Region und bekommt seine Spritze. „Evry twenyeigh days a get ma needle“, so klingt das im Originalton. Der Krebs ist mittlerweile stabil, leider inoperabel. Der Spezialarzt in Prince George habe ihn bei der letzten Jahreskontrolle verabschiedet mit den Worten: „We’ll see us in a year“. Bill hat das als versteckte Prognose verstanden, als gutes Zeichen. Es klingt ganz besonders, in einem so ruhigen, abgeklärten Ton, wenn er darüber spricht, nicht nur wegen seinem abgeschliffenen Englisch: „ Ynow, it’s the government that pays for it“. Bewundernswert, wie abgeklärt er damit umgeht.
Ich frage ihn noch etwas über die Indianer aus, über das, was ich in Hazelton gesehen habe und das, was ich von Roland gehört habe. Roland hat es offenbar sachlich völlig richtig und in der Art immer noch sehr respektvoll formuliert. Es ist schwierig für die nicht-indianische Bevölkerung, zu sehen, wie die Indianer für alles mögliche Geld bekommen, keine Steuern zahlen, eigen Shops für Raucherwaren und eigene Tankstellen haben, wo sie steuerfrei einkaufen können, und gleichzeitig kaum arbeiten, oft herumhängen und grosse Alkoholprobleme in ihrer Bevölkerungsgruppe haben. Weder Roland noch Bill höre ich über die Indianer schimpfen. Aber es läuft offenbar gar nicht gut mit der Indianerpolitik, und da hätten beide gerne, dass die Indianer mehr Selbstverantwortung übernehmen und weniger mit Geld überhäuft würden. Über die neue Regierung des jungen Trudeau sagt Bill, er wisse noch nicht, wohin das gehe. Ihm scheine es jedenfalls, der junge Trudeau gebe einfach allen Geld. Ich frage nach: Hat denn der junge Trudeau das Geld, das er verschenkt? „No, adnt tinkso“, meint Bill, und zeigt dabei ein schiefes Lächeln. Der junge Trudeau ist erst seit dem November des letzten Jahres an der Macht und hat den konservativen Regierungschef Harper nach dessen zehnjährigen Regierungszeit abgelöst. Im Wahlkampf hatte er eine betont liberale Linie vertreten und unter anderem in Aussicht gestellt, dass er in ganz Kanada eine Cannabis-Legalisierung umsetzen wolle. Wegen Bills Schmerzen und seiner dadurch bedingten Schlaflosigkeit kommen wir auf diese Initiative von Trudeau zu sprechen. Bill findet die Initiative in Ordnung. Er hat einmal wegen seinen Schmerzen zu Kiffen versucht, die Schmerzen sind dann aber schlimmer geworden. Ein Gast habe ihm einmal Cookies oder Toffees angeboten, aber er will das gar nicht. Ich erzähle ihm von meiner Fruchtgummi-Kratom-Mischung, die in der Regel dazu führt, dass ich etwa acht Stunden schlafen kann und danach meistens gut gelaunt aufwache. Da macht Bill grosse Augen. Er weiss schon lange nicht mehr, wie es ist, wenn man acht Stunden schläft. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er nichts dergleichen ausprobieren wird. In seinem Innersten ist Bill wahrscheinlich ein ganz ruhiger, aufrechter Mann, der eigentlich gar nichts mit „Drogen“ zu tun haben will. Bill erinnert mich ein Stück weit an die Schilderung von frommen, alten jüdischen Handwerkern in den Erzählungen von Isaac Singer: Freundlich, grosszügig gegenüber der Meinung von Anderen oder Andersdenkenden, aber für sich selber mit einer ruhigen, selbstverständlichen, klaren und aufrechten Wertevorstellung.
Bill zeigt mir noch seinen Keller. Ich finde das sowieso etwas Bemerkenswertes bei diesem Motel, dass es unterkellert ist. In British Columbia oder in den USA habe ich das kaum gesehen. Jedes Jahr kommt eine Gruppe von Männern aus Schweden zum Fischen hierher nach New Hazelton. Die quartieren sich für ein bis vier Wochen im Motel hier ein und gehen dann Saibling und Regenbogenforellen fischen. Ihre Anglergeräte und Schlauchboote haben sie hier in Bills Keller eingelagert, und das zeigt er mir jetzt. Bill war nie fischen. Er hat aber gejagt. Eine Zeit lang habe er auf alles geschossen, was sich bewegt habe, um Essen zu bekommen. Jetzt mag er aber schon länger nicht mehr jagen. Seine Jagdausrüstung hat er vor ein paar Jahren verschenkt Heute füttere er die Tiere lieber, schmunzelt er.
Es ist fast eine freundschaftliche Stimmung, als ich mich von Bill und Linda verabschiede. Freunde wie Bill kann man nie genug haben. Linda sagt ganz herzlich: „It was a pleasure to have you with us“. Das habe ich auch von den überschwänglichen Amerikanern noch nie gehört, und es rührt mich sehr. Die beiden würde ich gerne wiedersehen. Ich glaube, das sind gute Menschen.
Heute scheint die Sonne und es ist warm. Die Fahrt nach Dease Lake entwickelt sich ganz schön. Der Stewart-Cassiar Highway sollte wirklich in der Süd-Nord-Richtung befahren werden. So ist die Strecke viel schöner als in der Gegenrichtung. Es ist zwar immer noch nicht die sensationelle Töffstrecke, aber es ist heute angenehm zu fahren. Die Sonne und die Wärme tragen da sicher das ihre dazu bei. Ich muss zugeben, dass ich heute ein wenig durch die Gegend brettere. Aber warum auch nicht. Polizei gibt es hier sowieso fast keine, und zu sehen gibt es auch nur wenig, da kann ich mich doch wieder einmal ganz klassisch aufs Töfffahren konzentrieren.
Mit der Zeit zeigt die Gegend dann schon noch die eine oder andere Perle mit ihrer wiederkehrenden blau-grün-grau-weissen Farben. Schon fast in Dease Lake treffe ich sogar noch auf richtige Bilderbuch-Landschaften: Spiegelglatte Seen umrahmt von Wäldern oder verschneiten Bergen. Gegen 16.30 Uhr komme ich in Dease Lake an, etwas früher als vermutet, weil ich eben auch etwas schneller unterwegs gewesen bin. Diesmal steige ich im anderen Motel von Dease Lake ab. Die Preise sind zwar identisch, aber das Haus ist etwas sauberer, besser eingerichtet und auch besser organisiert. Heute wird noch eine Gruppe von 14 Motorradfahrern aus England hier eintreffen, informiert mich die Besitzerin. Die werden am Abend dann alle grillieren wollen, und am Morgen werden sie wahrscheinlich ab acht Uhr die Tankstelle blockieren. Ich bin für diese Hinweise dankbar, gehe gleich noch tanken und einkaufen und schaue, dass ich mit dem Abendessen fertig bin, bevor die Gruppe hier eintrifft und aktiv wird.








Bill und Linda


Reiseroute am Samstag, 21. Mai 2016

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