Dease Lake – Whitehorse

Die Motorradfahrer-Gruppe aus England ist gestern Abend angekommen. Es sind ausnahmslos friedliche und freundliche Leute, die in meinem Alter oder noch älter sind. Gestern Abend haben wir noch ein wenig gefachsimpelt. Ich musste etwas schmunzeln, als ich nach der langen Zeit, während der ich mit diesem kanadischen und US-amerikanischen, etwas verwaschenen Englisch zu tun hatte, wieder einmal ein richtig britisches Englisch vernommen habe.
Heute bin ich rechtzeitig wach, packe und frühstücke rechtzeitig, damit ich noch vor der britischen Gruppe hier wegkomme. Als ich aber aufsteigen und abfahren will, sind die meisten von ihnen auch schon draussen und machen sich reisefertig. Die ganze Gruppe wird heute erst unterwegs frühstücken. Darum sind sie schneller gewesen als ich und haben mich zeitlich fast eingeholt. Es sind wirklich ganz nette, liebenswürdige und richtig kollegiale Motorradfahrer. Einer von ihnen ist klar der Boss, das merke ich bald einmal. Kurz bevor ich losfahre geht er an mir vorbei und sichert mir in einem etwas grosszügigen Ton zu, dass sie mich selbstverständlich auflesen würden, wenn ich unterwegs ein Problem hätte. Das ist vielleicht nett gemeint, aber es nicht gerade die feine Art, wie man sich eine gute Fahrt wünscht. Heute Abend in Whitehorse werden wir per Zufall uns wieder im selben Hoteltreffen.

Die Briten haben gestern Abend auch ein Lied über das kalte Wetter der letzten Tage singen können. Von gestern auf heute hat sich aber das schöne Wetter halten können, und anders als bei der kalten und nassen Hinfahrt gefällt mir die Strecke von Dease Lake nach Norden heute richtig gut. Schon nach kurzer Fahrt steht plötzlich ein Karibu vor mir auf der Strasse. Das gibt die erste Vollbremsung mit Olga, und sie steht wie eine eins. Brave Olga! Mein Benzinkanister aber, der seit einer Woche bei mir auf dem Soziussitz mitfährt, kommt etwas ins schleudern und fährt mir in den Rücken. Das tut nicht weh und hat auch keinen Schaden angerichtet. Im Gegenteil, ich bin gerade froh, dass ich auf unkritische Art gemerkt habe, dass ich den Kanister anders anbinden muss, nämlich so, dass er nicht nach vorne ausbrechen kann. In Jade City halte ich an. Das habe ich mir vorgenommen, weil ich mir unbedingt ansehen will, was die da machen. Kaum bin ich abgestiegen und mit den Leuten in Jade City ins Gespräch gekommen, da kommen auch schon die ersten Briten angefahren und machen auch in Jade City Halt. Es gibt hier wirklich viel zu sehen, und daneben – das ist für einige Kollegen ganz wichtig - free Coffee! Die Jade-Objekte, die im Shop ausgestellt sind gefallen mir gar nicht. Sie sind für meinen Geschmack unnötig, kitschig und dazu unglaublich überteuert. Draussen aber, wo man etwas über die Verarbeitung sieht, gibt es rohe Jadestücke, und die interessieren mich mehr. Ein junger Mann zeigt mir, woran man erstklassige Jade erkennt. Man leer etwas Wasser über die Jadebrocken und sucht dann die heraus, die möglichst kompakt und durchgehend dunkelgrün sind und möglichst keinen Grauanteil enthalten. Er nimmt ein Stück in die Hand, zeigt es mir und sagt das sei „shoon“. Das ist was, bitte? Das sei „shoon“, beautiful auf deutsch. Ach so, er meint „schön“. Seine Grossmutter ist aus Deutschland gekommen, darum hat er noch ein paar Brocken Deutsch im Ohr, aber eben eher im Ohr als auf der Zunge. Er will unbedingt Deutsch lernen, hat aber im Moment noch keine Ahnung davon, dazu steht er kerzengerade. Das ist vielleicht einmal ein frischer, offener und sympathischer Typ.
Möglichst bald fahre weiter, weil ich lieber nicht in der Gruppe fahren möchte. Heute habe ich aber keine Chance, denn schon nach zehn Minuten werde ich von den Briten überholt. Bei dem schönen Wetter gibt es auf der Strecke halt allerhand zu sehen und ich mache immer wieder einmal einen Fotohalt. Damit halten sich die Engländer aber überhaupt nicht auf. Heute ist aber nicht nur die Landschaft schön, auch die Fahrstrecke wird noch richtig toll, eine wilde Berg- und Talbahn, wie ich sie seit New Mexico nicht mehr gehabt habe. Das hatte ich von der Hinfahrt gar nicht so in Erinnerung. Bei der Hinfahrt hatte ich mich aber auch strikt an die Tempolimite gehalten. Mein Officer in Wyoming ist mir zünftig eingefahren. Aber mittlerweile habe ich das wieder etwas gelockert, und als ich sehe, wie die GBs fahren, da lasse ich es auch ein wenig krachen – nur ein wenig, un pochito!

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Am Ende des Stewart-Cassiar Highways stehen wir wieder alle an der Tankstelle. Das Hauptrudel der Briten ist gerade fertig, als ich komme. Ich kann also in aller Ruhe tanken und bezahlen, ohne dass ich irgendwo anstehen oder warten muss. Als ich mich wieder reisefertig machen will sehe ich einen Insektenschwarm auf Olgas Windschild. Mir ist das etwas unheimlich und ich rufe Tankwart, weil ich meine, es seien Wildbienen. Der macht grosse Augen. Bienen hätte er hier oben noch gar nie gesehen, das wäre ja eine schöne Neuigkeit. Als er meinen Windschild sieht winkt er aber ab. Das ist ein Hornissenschwarm. Die Hornissen wollen bloss die Fliegenkadaver vom Windschild ablecken. Sobald ich fahre seien die weg. Ich bin da zwar etwas vorsichtig, aber es stimmt. Kaum bin ich losgefahren, sind alle blinden Passagiere auch schon weg.

Kurz nach der Tankstelle machen die Briten wie geplant ihren Frühstückshalt. Sie hatten mich freundlicherweise darüber informiert, so dass ich Gelegenheit gehabt hätte, dazu zu stossen. Ich habe aber eben schon gefrühstückt, und jetzt nutze ich die Gelegenheit, um etwas Land zwischen die Truppe und mich zu bringen. Es ist zwar ganz schön, mit ein paar Kollegen plaudern zu können. Aber beim Fahren ist das eben anders. Das ist ja auch sonst so. Da fahre ich auch entweder alleine oder im Duo.

Jetzt, wieder auf dem Alaska Highway, jetzt fahre ich wirklich zum ersten Mal so richtig ins einsame Yukon hinein. Die Yukon Territories haben einen Slogan: „Yukon, larger than life“. Das hat zwar ein bisschen etwas Makabres an sich, aber es passt auch ganz genau. Einsam in meinem Fall hier heisst aber, dass nur noch alle fünf Minuten ein anderes Fahrzeug zu sehen ist. Auch wenn die Yukon Territories ein unglaublich weitläufiges und wirklich schwächst besiedeltes Gebiet sind, so führt der Alaska Highway letztlich doch durch erschlossenes Land.
Mitten auf der Strasse bleiben zwei Autos stehen. Das heisst meistens, dass ein Tier zu sehen ist. Es ist ein Grizzly, der über die Strasse läuft und im Grünstreifen, stehen bleibt und zurückschaut. Zwei Personen sind aus den Autos ausgestiegen und gehen jetzt mit ihren iPhones näher an den Grizzly heran. Mich dünkt, dass man sieht, dass das dem Grizzly nicht gefällt. Noch zwei Fahrzeuge halten an und Leute steigen mit ihren Kameras aus. Ich steige auf und fahre weiter, weil mir nicht wohl ist, wenn so viele Leute so nahe an den Bären herangehen. Da möchte ich lieber nicht dabei sein.
Die Fahrt durch Yukon führt an fast klischeehaften Seen, Schluchten, Wäldern, Ebenen und schneebedeckten hohen Bergen vorbei. Dabei gibt es nichts beeindruckend Neues zu sehen. im Gegenteil, vieles erinnert auch ein bisschen an die Alpenregionen, aber als Ganzes, als vorbeiziehende und abwechselnde Landschaft ist es hier beeindruckend.
Nach dem Mittag komme ich in Teslin an, einer Station mit ein paar Häusern, einer Tankstelle, einem Souvenirladen und einem Restaurant. Ich bin gerade mit dem Essen fertig, als die Briten ankommen. Wir tauschen kurz Erlebnisse und Informationen aus, dann gehen sie gehen essen und ich fahre weiter. Noch 180 km sind es bis Whitehorse. An der Kasse habe ich gefragt, wie lange die Fahrzeit wohl noch sein wird. Die Frau an der Kasse war ziemlich ausgebufft: „Wenn du 120 fährst, dann hast du noch eineinhalb Stunden“. Vielen Dank, um solche Rechenaufgaben zu lösen muss ich nicht in die Yukon Territories fahren. Aber ich habe verstanden: Die Höchstgeschwindigkeit beträgt hier 100 km/h und kein Mensch hält sich daran, nur wird die Frau an der Kasse sich bestimmt nicht aus dem Fenster lehnen und mir empfehlen, zu schnell zu fahren.
Kurz nach Teslin wird die Strasse neu gebaut, und ich fahre fast 20 Meilen über eine Schotterpiste. Dunkle Wolken ziehen auf und ziehen graue Regenhosen nach sich. Es wird tatsächlich regnerisch und kühl, aber ich komme noch fast trocken, dafür etwas verstaubt und Vverschmutzt von der Schotterpiste, in Whitehorse an.

Im Hotel gibt es Probleme mit meiner Reservation. Der Rezeptionist sagt zwar noch nichts, hat aber meine ID in der Hand, werkelt längere Zeit still an seinem Computer herum und macht dabei ein ernstes Gesicht. Da kommt auch ein Blinder drauf, dass da etwas nicht stimmt. Darum frage ich nach, was denn los sei. Er meint, ja, da gäbe es eine unerklärliche Stornierung meiner Reservation, das tue ihm leid, aber er könne mir eine Lösung anbieten. Das Hotel ist ja zu dieser Jahreszeit nicht überbucht, da haben wir beide Glück gehabt. Jetzt habe ich das Einchecken hinter mir, kann in Ruhe abladen und mich einrichten, bevor sich die 14 Briten am Empfang drängen.
Der Ort Whitehorse interessiert mich. Ich weiss, dass der Schriftsteller Jack London etwas mit Whitehorse zu tun hatte. Hier hat Goldgräber-Geschichte stattgefunden. Darum will ich mich etwas umschauen und gleichzeitig noch einkaufen, um meine Vorräte und die Ausrüstung zu ergänzen. Hier ist aber alles extrem teuer. Ausserdem ist heute Sonntag, da haben viele Geschäfte gar nicht geöffnet. Daran bin ich gar nicht mehr gewohnt, dass am Sonntag ein Geschäft zu sein könnte.
Die Briten sind mittlerweile auch eingetroffen und haben sich eingerichtet. Wir treffen uns beim Bier in der Hotel-Lobby. Eigenartigerweise haben die Kollegen von dem Reisetag heute gar nicht so viel zu erzählen. Auch wenn sie gemeinsam eine Reisegruppe bilden, haben sie offenbar sonst nur wenig miteinander zu tun. Es gibt zwar Untergruppen wie in den meisten Reisegruppen, aber die sind für mich von aussen nicht erkennbar. Hier in Whitehorse hat heute Abend nur ein Restaurant geöffnet, das für ein Abendessen in Frage kommt. Trotzdem dauert es lange, bis sie wissen, wie das mit dem Abendessen gehen soll. Später merke ich, dass sich die einzelnen Untergruppen sehr diskret voneinander separieren.

Ich gerate in die Untergruppe um den Tourguide. Er heisst Graham und ist ein richtiges Alphatier. Von ihm bekomme ich wichtige Hinweise für meine Planung. Meinen Miniurlaub in Haines findet er sehr gut. Haines sei small and beautiful, wohingegen Skagway eher ein Loch sei. Da bin ich froh, dass ich rechtzeitig von Skagway auf Haines gewechselt habe. Meinen Plan, über Dawson City nach Tok zu fahren, findet er gar nicht gut. Durch Dawson City fliesst der Klondike. Um den zu überqueren muss man eine Fähre nehmen. Die ist seit ein paar Wochen wieder in Betrieb. Das wusste ich schon. Auf der anderen Seite des Klondike beginnt der „Top-of-the-World-Highway“, und der ist die ersten 60 km bis zur Grenze zu Alaska unbefestigt und offenbar noch immer in einem Zustand von Wintermorast. Graham rät mir davon ab, über Dawson City zu fahren. Stattdessen empfiehlt er mir, von der anderen Seite her von Tok aus den Top-of-the-World-Highway zu nehmen, bis zur Grenze zu fahren und dann zu schauen, in welchem Zustand die Strasse ennet der Grenze ist. Wenn die Strasse gut ist, könne ich immer noch bis Dawson City fahren, und andernfalls könne ich einfach wieder umkehren. Am Grenzübergang Little Gold soll ich mir übrigens den Pass mit dem Karibu abstempeln lassen. Diesen Stempel gebe es nur da in Little Gold, und das sei eine Auszeichnung für einen Motorradfahrer, wenn er den Karibustempel im Pass habe.
Das sind wichtige Hinweise, für die ich Graham sehr dankbar bin - nicht das mit dem Karibustempel, obwohl ich mir den auch holen werde - sondern das mit dem Strassenzustand und der empfohlenen Routenänderung.
Wenn ich in Anchorage mein Motorrad verkaufen wolle, dann solle ich zu Phil Freeman von Motoquest gehen. Das ist die Firma, von der Graham auf seinen Touren jeweils die Motorräder mietet. Ich solle Phil Freeman sagen, dass er, Graham, mich geschickt habe, und dann werde Phil mir einen guten Preis für Olga zahlen. Motorräder wie Olga brauche Phil dringend. Noch ein guter Tip. Das Bier heute Abend mit der britischen Gruppe hat sich aber kräftig gelohnt.
Dann gehen wir in einer Vierergruppe zum Abendessen. Das Essen im Restaurant ist teuer, das Restaurant laut und alles zusammen soso lala . Graham und ein anderer erzählen von ihren Heldentaten auf zwei Rädern. Das kann es halt geben, wenn man etwas in Fahrt kommt und dabei von etwas Bier beschleunigt wird. Immer wieder kriege ich ungefragt gute Ratschläge von den beiden, und das ist mir mit der Zeit etwas unangenehm. Aber vielleicht ist das einfach so, wenn man so lange und so erfolgreich Tourguide oder Tourenfahrer ist.

Reiseroute am Sontag, 22. Mai 2016

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