Haines – Juneau Whale watching

Tom Ganner und ich, wir treffen uns heute Morgen wie vereinbart pünktlich um 08.00 Uhr. Die Fahrt nach Haines verbringen wir schweigend. Tom ist zu dieser Tagszeit definitiv nicht auf Konversation gebürstet. Ich erinnere mich, wie ich vor Jahren einem Engländer erklärt habe, was es mit einem "Morgenmuffel" auf sich hat. Die englische Sprache hat offenbar kein so schönes Wort für dieses Phänomen, darum hatte mein Gesprächspartner damals das Wort begeistert anglisiert übernommen. Aber so wie ich die Lage hier einschätze ist Tom für einen linguistischen Leckerbissen im Moment wohl kaum zu haben.
Als wir beim Fischhändler vorbeifahren versuche ich trotzdem, etwas Konversation loszutreten. Ich unterbreche unser Schweigen und erzähle Tom, wie ich vorgestern hier einen tiefgekühlten King Salmon gekauft und ihn gestern zubereitet habe, und wie enttäuscht ich vom Ergebnis gewesen bin. Tom zuckt mit den Schultern und brummelt, Fisch müsse eben direkt aus dem Wasser auf den Tisch kommen. Ah ja, spannend! denke ich still für mich, und stimme wieder ins Schweigen ein.

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Wie geplant treffen wir eine Viertelstunde zu früh am Schiffssteg in Haines ein. Viele der Passagiere sind schon da. Etwa 30 Leute nehmen an der Tour teil. Hier treffe ich wieder auf das ältere Paar, das ich vor acht Tagen bei Coal River kennengelernt habe, die beiden, die früher auch Motorrad gefahren sind.
Unser Schiff ist ein Katamaran, ein ziemlich schnelles Boot, erklärt mir Tom Ganner.

Dann wird das Programm unseres Ausflugs heute bekannt gegeben. Wir werden zunächst etwa drei Stunden auf dem Schiff sein. Während dieser Zeit wird unser Kapitän schauen, wo es Tiere zu sehen gibt und uns da hinbringen. Es wird also eine richtige Wassersafari gaben. Etwa 15 Meilen vor Juneau werden wir in einen Bus umsteigen und damit nach Juneau fahren. Das verstehe ich nicht. Warum fahren wir nicht direkt mit dem Schiff nach Juneau? Tom erklärt mir, dass die Küste zwischen dem Fährsteg und Juneau stark verwinkelt und schwierig zu befahren sei. Mit dem Bus wären wir hingegen schon nach 15 Minuten mitten in der Stadt. Das weitere Programm sieht dann vor, dass wir in Juneau drei Stunden Zeit zur freien Verfügung haben und uns die Stadt ansehen können. Danach wird uns der Bus zum Mendenhall-Gletscher bringen, wo wir noch einmal eine Stunde Zeit haben, bevor wir dann wieder zum Schiff zurückkehren und nach weiteren drei Stunden nach Haines zurückkehren werden.

Tom Ganner wird uns während der Busfahrt nach Juneau verlassen, zum Arzt gehen und erst wieder auf der Fahrt zum Mendenhall-Gletscher zu uns stossen. Tom hat sich vor einer Woche in Anchorage einer Notfall-Augenoperation unterziehen müssen. Ein bis zwei Tage vorher hatte er bemerkt, dass sein Gesichtsfeld immer kleiner wird. Sein Arzt in Juneau hat eine Netzhautablösung diagnostiziert und ihn sofort per Hubschrauber nach Anchorage fliegen lassen. Carolyn hat mir davon erzählt. Der Arzt in Juneau hat sie angerufen und sie über Toms Zustand informiert. Daraufhin hat sie sich in den Wagen gesetzt und ist in zwei Tagen nach Anchorage gefahren, wo sie gerade rechtzeitig angekommen ist, um Tom abzuholen. So ist das mit den Distanzen hier in Alaska. Die Operation ist aber offenbar gut verlaufen. Tom trägt im Moment eine Augenklappe und sieht aus wie der Grossvater von Käpt’n Hook. Gute Freunde hätten ihm geraten, die Augenklappe von jetzt an immer zu tragen, weil er so einfach besser aussehe, witzelt er. Ich möchte von ihm wissen, wie man merkt, dass das Gesichtsfeld immer kleiner wird. Tom hat dazu eine Zeichnung gemacht. Es muss für ihn so ausgesehen haben, wie wenn in seinem Gesichtsfeld von unten rechts her zunehmend ein Stück roter, grober Stoff gewachsen wäre.

Endlich fahren wir in Haines los. Unser Schiff ist wirklich ziemlich schnell. Es dauert nicht lange, da hält der Kapitän über die Bord-Lautsprecheranlage eine längere Rede. Ob es mit dem Dialekt hier in Alaska oder ob es mit der blechernen Lautsprecheranlage zu tun hat weiss ich nicht. Jedenfalls verstehe ich kaum ein Wort und schaue Tom fragend an. Der schmunzelt nur und meint, der Käpt'n habe gesagt, er werde Tiere suchen, zu ihnen hinfahren und dort anhalten, damit wir sie fotografieren können. Davon bin ich eigentlich ausgegangen, aber ob man wohl in diesem Dialekt hier tatsächlich eine Viertelstunde braucht, um das bekannt zu geben?

Seeadler 1

Seeadler 2

Unsere erste Station ist eine Region mit einer Reihe von Seeadler-Horsten. Aus einiger Entfernung lassen sich dort mehrere Adlerpaare beobachten. Tom verfügt über eine hervorragende Foto-Ausrüstung. Die Gelegenheitsfotografen wie ich einer bin versuchen krampfhaft, die Adler mit dem Zoom möglichst nahe heranzuholen und bekommen sie dabei gerade einmal stecknadelkopfgross aufs Bild. Aber Tom Ganner stellt sich breitbeinig hin, stabilisiert sein ultralanges Teleobjektiv mit seinem freien Unterarm und holt damit die Adler in seinen Bildern auf Porträtgrösse heran. Seine Augenklappe verleiht ihm dabei noch zusätzliche Martialität und macht aus ihm definitiv den grossen Star unter uns Amateuren. Wenn ich zuschaue, wie Tom sich diskret in Szene setzt, dann ist es offensichtlich, dass er solche Situationen schon oft erlebt hat und sie durchaus geniesst. Warum auch nicht, seine Bilder sind wirklich beeindruckend, das ist unbestritten.

Dann steuert das Schiff quer über die grosse Fläche, in welcher der Chilkat und der Chilkoot River zusammenkommen, wo sich graues und grünes Wasser wie bei einem Delikatessenjoghurt langsam vermischen. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, der Himmel grau bedeckt, aus dem Wasser steigen die Berge jäh empor, zuerst als Mischung aus Felsen und Wald, weiter oben dann als Schneehänge, die sich in den Wolken verlieren. Mancherorts sieht man sogar Gletscher, die wie unglaublich breite Eis-Highways von ganz weit hinten durch die Berge bis zum Meer hinab führen. Zwischen den Bergen hängen entweder Wolken oder Nebelbänke. Je nachdem ergeben sich daraus Bilder von einer mystischen, verwunschenen Landschaft. Die Gegend hier hat jedenfalls etwas sehr Geheimnisvolles.

Nachdem wir alle die ersten 20 Minuten hinten auf dem Freideck herumgestanden sind, die Seeadler fotografiert haben und uns dann krampfhaft nach anderen Sujets umgeschaut haben, legt sich die erste Aufregung wieder. In der grossen Kabine wird ein kleines Frühstück serviert. Immer wieder einmal zieht es ein paar Unentwegte nach draussen, die mit ihren Blicken die Landschaft abgrasen und schauen, ob sich nicht doch noch eine bildwürdige Szenerie zeigt. In Ermangelung eines Besseren werden da Bergbäche, Felsen, Wellen, kurz, alles Mögliche fotografiert. Ich stehe auch immer wieder einmal draussen und versuche, das glatte Wasser, die Berge und die Nebelschwaden so aufs Bild bringen, dass sich das Geheimnisvolle dieser Region hier zeigen würde. Leider habe ich dabei nur mässigen Erfolg.

Seelowen 1

Seelöwen 2

Bei einem Felsen, auf dem sich eine ganze Kolonie von Seelöwen aufhält, kommt zum ersten Mal Safari-Stimmung auf. Alle springen nach draussen und versuchen ganz aufgeregt, sich möglichst schnell einen idealen Fotoplatz zu ergattern. Im Grunde genommen ist das ein völlig überflüssiges Getue, denn die Seelöwen liegen ja einfach faul auf ihrem Felsen herum und bewegen sich kaum. Diese liebenswürdigen Tiere gehen zwar nicht gerade als Mannequins durch, aber sie lassen diese Fotografier-Hysterie so geduldig über sich ergehen, dass sich wirklich niemand davor fürchten muss, die besten Bilder zu verpassen. Bei der ersten Welle dieser hektischen Fotografiererei mache ich noch mit. Dann lasse ich es aber bald einmal ruhiger angehen, ziehe mich zurück und lasse die Anderen nach vorne.

Babywal 1

Babywal 2

Kurz nach den Seelöwen sichtet unser Kapitän den ersten Wal, einen Baby-Buckelwal. Ich muss unserem Kapitän glauben, was er erzählt, denn ich sehe nur mehrmals einen grauen Rücken und eine kleine Fontäne. Zusammen mit anderen Gästen machen wir uns über das Phänomen lustig: Das sind doch lediglich ein paar Kumpel des Kapitäns, die sich hier mit ihrer Taucherausrüstung etwas dazuverdienen, so ähnlich wie die Bigfoot-Markeure in Nordkalifornien.
Während den restlichen zwei Stunden der Überfahrt sehen wir keine Tiere mehr. Die anfängliche Aufregung unter uns Passagieren hat sich fast bis zur Gleichgültigkeit gelegt. Unsere Gruppe mutiert von einer Horde elektrisierter Animal-Paparazzi zu einem handzahmen Haufen von Gelegenheits-Fotografen, die sich gegenseitig ihre tollsten Bilder zeigen und dabei die wildesten Geschichten erzählen. Auch Tom zeigt auf seinem Tablet die besten Bilder, die er mitgebracht hat. Ich habe mittlerweile mein Notebook aufgeklappt und arbeite an meinem Blog weiter.


Bild: Tom Ganner

Kurz bevor unser Schiff vor Juneau anlegt fragt mich Tom, was ich vorhabe, mir in Juneau anzusehen. Ich schaue ihn an und sehe in seinem Gesicht ein leichtes Amüsement. Mit meiner Antwort bin ich etwas zurückhaltend: "Weißt du, ich bin Gast hier und will nicht unhöflich sein, aber in meinen Reisevorbereitungen habe ich nirgendwo gelesen, dass man in Juneau architektonische Meisterwerke besichtigen kann. Ich werde mich daher zuerst in der Stadt etwas umschauen und mir dann ein Restaurant suchen, wo ich etwas zu essen und zu trinken bekomme, und dann werde ich dort weiterschreiben". Aus Toms leichtem Amüsement wird schallendes Gelächter. Offenbar hat er mir auf den Zahn fühlen wollen, und entweder hat er dabei die richtige Plombe ertastet, oder ich habe ihm mein Gebiss richtig herum hingehalten.

Die Busfahrt nach Juneau und der Aufenthalt in der Stadt können mich nicht so recht begeistern. Juneau ist ein Hafenstädtchen, das von Kreuzfahrtschiffen lebt, die hier vor Anker gehen und für ein paar Stunden ihre Touristenmassen ausspucken, die sich dann über die Geschäfte und Restaurants hier ergiessen. Diese Schiffsreise habe ich ja nur deshalb gebucht, weil diese Tour zurzeit das einzige Whalewatching-Angebot in der Region ist. Der Besuch der Stadt Juneau und des Mendenhall-Gletschers sind also nur Beifang, über den ich hinwegsehe.

Mendenhall-Gletscher

Gegen 15.00 Uhr sind wir endlich wieder auf dem Schiff, legen ab und machen uns auf zur Rückfahrt nach Haines. Während unserem Landgang ist ein steifer Nachmittagswind aufgekommen, der jetzt für ziemlich hohe Wellen sorgt. Wer jetzt auf dem freien Hinterdeck des Schiffes steht und die Nase oder sogar das Objektiv in den Wind hält wird sofort vollgespritzt.

Heute Nachmittag haben wir bei der Tierbeobachtung mehr Glück als heute Morgen. Zweimal ortet der Kapitän einen grösseren Buckelwal. Beide Male sehen wir, wie das Tier Fontänen ausstösst, wie es schliesslich einen Buckel macht, zum Tauchgang ansetzt und sich mit einem energischen Schwanzschlag einen kraftvollen Antriebsstoss versetzt, mit dem es in die Tiefe hinabstösst. „This is like the curtain falls,“ sagt Tom und zeigt auf diesen kraftvollen Schwanzschlag des Wals. In der Tat wirkt es so, als ob die Überwasser-Vorstellung beendet ist, der Vorhang fällt und der Buckelwal sich verabschiedet . Wir alle an Bord hätten natürlich liebend gerne als Zugabe einen Wal springen sehen. Aber das steht heute offenbar nicht auf dem Programm. Noch eine ganze Weile tuckern wir in der Lagune herum und hoffen, dass sich noch ein weiterer Wal zeigt. Aber das Programm ist offenbar zu Ende, und so nehmen wir Kurs auf Haines.

Auf der Rückfahrt lerne ich das junge Paar aus Deutschland kennen. Die beiden hatten geplant, fünf Monate durch Kanada zu wandern und jeweils im Zelt zu übernachten. Dazu führen die beiden eine komplette Camping-Ausrüstung mit sich. Als sie vor einigen Wochen gestartet sind haben sie aber bald einmal feststellen müssen, dass die meisten Campingplätze in Kanada noch geschlossen sind. Also haben sie sich einen alten Van gekauft und nutzen den jetzt als Mobilehome. Dummerweise hat sich die junge Frau gestern am Knie verletzt. Wahrscheinlich ist es für die beiden vorbei mit dem Wandern.

Die Sonne scheint und es ist richtig warm, als wir schliesslich am frühen Abend in Haines wieder anlegen. Auf der Heimfahrt von Haines an die Mud Bay tauschen Tom Ganner und ich noch unsere Kontaktdaten aus. Tom schreibt selber auch und ist auf meinem Blog gespannt. Sein Interesse freut mich natürlich, aber ich frage mich trotzdem, was er auf meiner Website zu finden hofft.




Meine Texte sind allesamt auf Deutsch geschrieben, und Tom spricht kein Deutsch. Meine Bilder haben einen hohen Erinnerungswert für mich, sind aber bei Weitem nicht von der Qualität seiner Fotos. Tom ist ein sehr guter Fotograf, er macht tolle Bilder und kennt ausserdem wahrscheinlich die meisten Regionen, in denen ich hier in Nordamerika gewesen bin. Als ich ihm den Zettel mit meiner Webadresse überreiche empfehle ich ihm daher, meinen Beitrag über den Grand Canyon anzuschauen. Er schaut mich ernsthaft fragend an und ich erzähle ihm ein wenig von dem, was ich in der kurzen Zeit meines Besuches dort erlebt habe. Tom schaut wieder zu mir herüber, und in seinem Blick sehe ich, dass er mich verstanden hat. Sechs Mal sei er dem Colorado River dort unten entlanggelaufen, erzählt er. „Holy ground there!“ Ja, das trifft es ziemlich gut. Es freut mich sehr, dass wir uns diesbezüglich ohne grosse Worte verstehen. Ich mag Tom, auch wenn wir wohl kaum dicke Freunde sein werden.

Leuchtturm Haines

Den letzten Abend hier in Haines geniesse ich sehr, schaue noch kurz nach Olga, koche für mich ein Abendessen und fühle mich rundum wohl in meinem kleinen Studio hier. Nachdem ich den Haushalt erledigt und mein Gepäck für die Abreise vorbereitet habe setze ich mich an den grossen Tisch und schreibe noch lange. Heute Abend fühlt sich alles recht harmonisch an, und das macht auch, dass das Schreiben leicht und flüssig von der Hand läuft.

Bevor ich zu Bett gehe prüfe ich noch einmal meine Mailbox und sehe, dass ich Nachrichten aus der Heimat erhalten habe. Besonders über eine Nachricht freue ich mich sehr: Zwei Freunde hatten sich getrennt, und jetzt haben sie sich wieder gefunden. Wer hätte das gedacht. Ich bin so gerührt, dass ich ein paar Tränen verdrücken muss.
Das waren spannende und erlebnisreiche Tage hier in Haines, und sie haben einen so ruhigen und schönen Abschluss gefunden.

Reiseroute am Donnerstag, 26. Mai 2016

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