Beaver Creek – Whitehorse

Heute Morgen wache ich in Beaver Creek auf und schaue aus dem Fenster: Es ist ein strahlend schöner Tag. Das ist ein gutes Vorzeichen für meine Fahrt nach Whitehorse. Bevor ich aber losfahre muss ich unbedingt noch ein paar Dinge erledigen.
Gestern ist meine Aufenthaltsgenehmigung für die USA abgelaufen und ich bin Hals über Kopf nach Kanada ausgereist. Bevor ich wieder in die USA einreisen darf muss ich zuerst nach Europa zurückfliegen. Ich kann mein Motorrad also nicht wie geplant in den USA verkaufen. Darum versuche ich es zunächst einmal hier in Kanada.
Als Erstes gebe ich ein Inserat auf Craigslist auf. Das ist so etwas wie tutti.ch in Nordamerika. Dann schreibe ich auch noch ein Mail an Danny von Blackfoot Moto in Calgary und frage, ob er Olga kaufen möchte. Mehr kann ich im Moment nicht tun. Um alle Weitere kümmere ich mich heute Abend.

In den letzten drei Tagen war meine grösste Sorge, dass ich rechtzeitig aus den USA ausreise und vorher vielleicht noch mein Motorrad verkaufe. Die Ausreise hat geklappt. Jetzt habe ich den Kopf wieder frei für meine Reise.
Nach meinem ursprünglichen Plan wollte ich bis nach Anchorage fahren, dort ein paar Tage verbringen und dann nach Hause fliegen. Jetzt werde ich mir in aller Ruhe überlegen, wo und wann ich meine Reise am Besten zu Ende bringe und was ich bis dahin noch erleben möchte. Der nächste Schritt ist einfach: Von Beaver Creek aus kann ich nur nach Süden fahren. Fünf Stunden dauert die Fahrt nach Whitehorse, dem besten Ausgangspunkt für die weitere Planung und gleichzeitig dem Ort mit der besten Infrastruktur in der Region. Auf der Fahrt dorthin habe ich genügend Zeit, um mir über alles Weitere Gedanken zu machen.
Vorerst frühstücke ich in aller Ruhe, gehe meine Notizen durch, mache mich über die Region und die First Nations hier schlau und denke über das nach, die ich in den letzten Tagen erlebt habe. Um zehn Uhr mache ich mich bereit für die Weiterfahrt.

Auf der Strasse von Beaver Creek nach Whitehorse fahre ich wieder durch die riesige Weite des Yukon. Die Strecke verläuft vorwiegend in langen, geraden Passagen. Sie fordert weder spezielle Fahrkünste noch besondere Aufmerksamkeit. Dafür stellen sich im warmen Sonnenschein und unter dem strahlend blauen Himmel bald einmal wieder Ruhe und eine tiefe Zufriedenheit ein. Ich vergesse die weitere Planung und frage ich mich stattdessen, was wohl der Nutzen, der Sinn, das Fazit dieser Reise sein könnte. Diese Frage hat hat mich schon länger begleitet, und in den letzten drei Monaten haben sich da einige Fragmente angesammelt. Die tauchen auch heute wieder auf, und so dauert es gar nicht lange, bis sich die vielen losen und teilweise bekannten Gedankenfetzen zu einer Ahnung verdichten und sich langsam in eine neue Richtung bewegen.
Die erste grosse Strassenbaustelle taucht auf und die Ampel wechselt gerade auf rot. Hier muss ich mindestens eine Viertelstunde warten. Diese Gelegenheit nutze ich, um mir ein paar Notizen zu machen. Schliesslich liegt noch ein ganzer Tag mit einer sehr gemächlichen Fahrt vor mir, und ich will sicher sein, dass vor lauter Gemütlichkeit meine Ideen nicht verloren gehen.
Bei dieser Baustelle hier gibt es kein Pilotfahrzeug, dem man hinterherfahren muss. Als die Ampel auf grün wechselt fahre ich als Erster los. Die lange grobe Kiespiste hier erinnert mich an die Schotterpiste auf dem „Top oft he world“ – Highway vor drei Tagen. Ich drehe auf, wie ich es noch kaum getan habe, und presche mit Olga durch die Baustelle hier, dass es eine Freude ist. Wir wirbeln dabei ziemlich viel Staub auf, aber ein Blick zurück zeigt mir, dass die Staubwolke der langsamer fahrenden Fahrzeuge genauso gross ist. Darum fahre ich im gestreckten Galopp weiter und koste das schöne Wetter und die tollen Strassenverältnisse voll aus. Dabei werde ich auch nicht im Entferntesten so schmutzig wie noch vor ein paar Tagen.

Im Gebiet der First Nations – also im kanadischen Indianergebiet – halte ich bei einer Tankstelle. An der Zapfsäulesteht eine Indianerfrau, die Schwierigkeiten mit ihrer Kreditkarte hat und mich um Hilfe bittet. Es ist das erste Mal, dass ich Kontakt mit kanadischen Indianern habe. Das Problem mit der Kreditkarte löst sich ganz schnell von selbst. Rückblickend weiss ich zwar nicht mehr, wie die Frau ausgesehen hat und worüber wir uns kurz unterhalten haben. Ich weiss nur noch, dass die kurze Begegnung mit dieser Indianerfrau herzlich, liebenswürdig, locker und selbstverständlich war. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich in dieser Gegend hier eine unendliche Weite, Einsamkeit und Verlorenheit spüre darauf mit grosser Vorsicht und Ernsthaftigkeit reagiere, und das war bei dieser Indianerfrau völlig anders.

Kluane Lake

Kluane Lake 2

Kluane Lake 3

Vor vier Tagen bin ich auf der Fahrt nach Norden schon einmal hier durchgefahren. Damals hatte mich der Kluane Lake überrascht durch seine Grösse, seine Lage und sein helles, türkisblaues Wasser. Auf der Fahrt nach Süden heute bleibt die Überraschung über die Grösse und die Lage des Sees aus. Aber dafür ist die Oberfläche des Sees heute so spiegelglatt, dass sich der Himmel und die Landschaft des Yukon darin als gestochen scharfes Bild spiegeln. Die Wolkenbänke am Himmel und ihr Spiegelbild im See lassen die Landschaft hier wie ein gewaltiges verdoppeltes Segantini-Bild aussehen.

Zum dritten Mal komme ich kurz nach dem Mittag in Haines Junction an, an dem Ort, wo die Strassen von Alaska, Whitehorse und Haines zusammentreffen. Die Village Bakery finde ich leicht und kriege dort ein feines Mittagessen .
In dieser Gegend hier soll man bei jeder Tankstelle tanken, lautet einer der Ratschläge, die man hier zu hören bekommt. Obwohl ich erst vor ein par Stunden im Gebiet der First Nations getankt habe, und obwohl es bis Whitehorse nur noch eineinhalb Stunden Fahrt sind, halte ich mich brav an diesen Rat und fülle in Haines Junction schon wieder den Tank. An der Zapfsäule nebenan hält ein Auto mit einem asiatischen Paar. Mit einer Landkarte in der Hand steigt eine Frau aus, kommt auf mich zu und fragt in einem asiatisch klingenden Englisch, wo denn hier die Abzweigung nach Dawson sei. Das Paar ist heute Morgen in Whitehorse gestartet, hat aber kurz nach Whitehorse die Abzweigung nach Dawson offenbar nicht gesehen und ist jetzt anderthalb Stunden fast 100 Meilen weit nach Nordwesten statt nach Nordosten gefahren. Ich zeige der Dame auf ihrer Karte unseren aktuellen Standort und den Ort, wo sie auf die Strasse nach Dawson hätte abbiegen müssen. Völlig überraschend beginnt da die Frau zu schimpfen: Das könne doch nicht sein, die Strassen hier seien aber auch ganz schlecht ausgeschildert und weiteres mehr. Leider kann ich der Dame nicht weiterhelfen. Als ich vor einer Woche der Abzweigung nach Dawson durchgefahren bin schien mir die Ausschilderung gross und deutlich, aber das werde ich der Dame hier bestimmt nicht sagen. Da steigt der Mann aus dem Auto, beginnt heftig in einer asiatischen Sprache auf die Frau einzureden und drängt sie wieder zurück ins Auto. Dann fährt das Paar weiter ohne zu tanken. Ihre Fahrtrichtung kann ich zwar nicht sehen, aber zurück nach Whitehorse oder nach Dawson fahren sie jetzt gerade bestimmt nicht.

Olga und ich, wir sind beide bestens verpflegt und machen uns auf den Weg nach Whitehorse, zu den letzten eineinhalb Stunden Fahrt heute, auf der wir in umgekehrter Richtung wieder durch den Yukon zurück nach Whitehorse fahre, durch diese für den Yukon typische Landschaft aus Weite, Bäumen und Bergen. Am späten Nachmittag treffe ich in Whitehorse ein und quartiere mich wieder im Town and Mountain Hotel ein, dort, wo ich schon vor einer Woche übernachtet habe. Mittlerweile hat hier die Saison begonnen. Mein Zimmer kostet heute 50 % mehr als noch vor einer Woche, und während der Hochsaison wird der Zimmerpreis wahrscheinlich noch einmal deutlich höher sein. Der sympathische junge Mann an der Rezeption erkennt mich wieder, begrüsst mich sehr freundlich und fragt, wie lange ich denn diesmal zu bleiben gedenke. Ich will nur diese eine Nacht in Whitehorse bleiben. Den weiteren Verlauf meiner Reise werde ich zwar erst heute Abend planen, aber es ist jetzt schon klar, dass ich nach Süden fahren werde.
Nach einer ausgiebigen Dusche und nachdem ich das Nötigste wieder eingekauft habe sitze ich in der Hotellobby bei einem Bier und schmiede neue Pläne. Jetzt, wo feststeht, dass ich nach Süden fahre, würde ich gerne noch einmal bei Bill und Linda in New Hazelton übernachten. Allerdings bin ich die Strecke über den Stewart-Cassiar Highway schon zweimal gefahren. Da ist es eigentlich klüger und interessanter, weiter östlich über den Alaska Highway zurück nach Süden zu fahren. Weil die Übernachtungsmöglichkeiten auf dem Alaska Highway nicht so ideal verteilt sind weiss ich gerade noch nicht, wie ich die Strecke in Etappen aufteilen soll.

Mittlerweile hat Blackfoot Motos in Calgary auf meine Anfrage von heute Morgen geantwortet: Sie sind durchaus daran interessiert, Olga zu kaufen und bitten mich, die Importpapiere einzuscannen und sie ihnen schicken. Importpapiere für Olga gibt es nicht, denn Olga ist in Kalifornien registriert, schreibe ich zurück an Blackfoot. Die Antwort kommt postwendend: In dem Fall hätten sie kein Interesse daran, Olga zu kaufen. Der Import eines US-amerikanischen gebrauchten Motorrads nach Kanada sei viel zu aufwändig, als dass sich das lohnen würde. Jetzt bin ich aber platt. Blackfoot ist immerhin einer der grössten Motorradhändler in Kanada, und die scheuen davor zurück, ein gebrauchtes Motorrad aus den USA zu importieren? Nach einer kurzen Internet-Recherche bekomme ich eine Ahnung davon, was Blackfoot damit gemeint hat, dass der Import zu aufwändig sei. Der Import eines Motorrads von den USA nach Kanada scheint ein Muster übelster Bürokratie zu sein. Das beginnt schon damit, dass bereits bei der Ausfuhr des Motorrads aus den USA ein ganzer Stapel an Formularen auszufüllen und von den US-Behörden abzustempeln ist. Weil ich aber im Moment nicht in die USA einreisen darf, kann ich die Importpapiere gar nicht beibringen. Somit endet dieser ruhige und zufriedene Tag bereits am frühen Dienstagabend hier in Whitehorse mit der bitteren Erkenntnis, dass ich  Olga in Kanada nicht werde verkaufen können.
Zwei Interessenten melden sich noch auf mein Inserat auf Craigslist. Einer zieht sich gleich zurück als er hört, dass Olga nicht in Kanada importiert ist. Mit dem anderen entwickelt sich ein hoffnungsvoller Mailverkehr. Er wohnt im Moment in den USA, will nach Toronto übersiedeln und hat grosses Interesse an Olga, auch wenn sie nicht in Kanada importiert ist. Es wäre ja zu schön, wenn der Deal mit diesem Interessenten zustande käme, obwohl mir nicht klar ist, wie und wo der Olga registrieren lassen will. Ein paar Wochen später stellt sich dann heraus, dass es sich um einen Betrüger handelt. Sein Check ist gefälscht. Der Deal kommt nicht zustande.

Die Eckwerte für die weitere Planung liegen also auf dem Tisch: Zuerst einmal muss ich für Olga einen Einstellplatz finden. Dann werde ich von Vancouver aus nach Hause fliegen. Sobald ich wieder in die USA einreisen darf werde ich wieder herkommen, mit Olga in die USA fahren und sie dort irgendwie verkaufen.
Bis Vancouver sind es 2'500 km, also rund 30 h Fahrzeit. Ich werde also etwa noch eine Woche unterwegs sein. In neun Tagen gibt es einen passenden Flug von Vancouver nach Zürich. Mir bleibt also genügend Zeit, um über den Alaska Highway wieder nach Süden zu fahren.
Der Alaska Highway von Whitehorse nach Süden führt zuerst lange durch schwach besiedeltes Gebiet. Weil ich keine Lust auf übernachtungen in der Pampa habe werde ich morgen zuerst während fast 12 Stunden bis nach Fort Nelson fahren. Von da an werde ich dann deutlich kürzere Etappen fahren und nach Möglichkeit in Orten übernachten, die ich bisher noch nicht gesehen habe. Weil ich morgen so lange fahren muss bereite ich schon heute Abend alles vor und packe meine Sachen so gut wie möglich zusammen. Morgen werde ich um 04.00 aufstehen und dann möglichst bald losfahren.

Reiseroute am Dienstag, 31. Mai 2016

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