Whitehorse-Glenallen

Schon früh am Morgen hole ich Olga bei Yukon Yamaha hier in Whitehorse ab. Der Mechaniker grummelt zwar etwas vor sich hin. Er hätte gerne mehr Zeit gehabt, um Olga bereit zu machen.
Zwei Mal laufe ich um sie herum, starte sie, achte auf das Motorengeräusch und prüfe alle Funktionen. Auf der kurzen Fahrt zum Hotel dauert es nicht lange, bis sie mir wieder vertraut ist. Kein Wunder: Drei Monate lang sind wir zusammen unterwegs gewesen. Drei Monate lang habe ich fast täglich gepackt, geladen, getankt und bin dann weitergefahren. Das ist zwar schon acht Wochen her. Es funktioniert aber noch alles so, wie ich es vorher drei Monate lang eingeübt hatte.
Gegen elf Uhr vormittags habe ich alles Notwendige eingekauft und wie immer gepackt, geladen und getankt. Jetzt stehen wir bereit für den letzten Teil unserer Reise.

Zum zweiten Mal fahre ich in Whitehorse los in Richtung Anchorage. Eine Strecke von etwa 1'200 km und gute 13 Stunden Fahrzeit liegen vor mir. Heute Abend werde ich in Glennallen übernachten, einem kleinen Ort östlich von Anchorage.
Zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten fahre ich durch die einsame Weite der Yukon Territories. Die Gegend hier ist mir also schon etwas vertraut. Eigenartigerweise versetzt mich gerade das in eine besondere Stimmung. Meine Heimat ist zwar auch ein Land, das von Hügeln und Bergen umgeben ist. Aber das Aaretal zwischen Solothurn und Biel ist eine überschaubare Gegend, die man mit dem Fahrrad in gerade einmal einer knappen Stunde durchquert hat. Hier hingegen fahre ich zum dritten Mal stundenlang durch dieses riesige Gebiet der Yukon Territories, erkenne das eine oder das andere wieder und fühle mich dadurch mit der Strecke und der Landschaft hier verbunden. Und so schön dieses Gefühl von Vertrautheit ist, es stimmt einfach nicht. Die Welt, mit der ich vertraut bin, ist sehr viel kleiner als dieses weite Land hier. Vertrautheit ist etwas Anderes als drei Mal durchfahren. Und doch sehe ich auf der Fahrt heute so viel Bekanntes:
In Haines Junction erinnere ich mich an die Fahrt nach Haines, an die Tage dort bei Carolyn und Tom Ganner, an das feine Essen in der Village Bakery und an das streitende asiatische Ehepaar hier an der Tankstelle.
Bei der Weiterfahrt warte ich auf den Augenblick, wo weit vorne der Kluane Lake auftaucht. Türkisblau und schier unendlich weit liegt er am Fuss seiner weiss-blau-grün-roten Berge. An seinem Südende stehen noch immer Schwaden von gelbem Staub in der Luft. Der Wind dreht sich dort in einem Bergkessel über einer verlandeten Fläche und wirbelt ihn auf.
In den beiden Siedlungen Destruction Bay und Burwash Landing ist es immer noch so still, als ob sie verlassen wären. Während ich langsam an den verstreuten Häusern und Schuppen vorbeifahre erinnere ich mich, dass ich schon zweimal nachschauen wollte, was es wohl mit diesen eigenartig klingenden Namen auf sich hat.
Bei der Tankstelle im Gebiet der First Nations halte ich nach der freundlichen Indianerfrau Ausschau. Aber heute ist da niemand.
Dafür sind die unendlich langen Baustellen immer noch da. Es scheint, als ob sie in den vergangenen acht Wochen noch länger geworden sind. Noch immer muss man eine halbe Ewigkeit auf das Pilotfahrzeug warten, das den aufgestauten Fahrzeugkonvoi sicher durch die schwierigen Baustellenabschnitte begleiten soll. Noch immer vertritt man sich hier während dem Warten ein wenig die Beine und wechselt mit den anderen Fahrern ein paar Blicke oder Worte, um sich gegenseitig vor der Ungeduld und vor sinnlosem Ärger zu bewahren, bis es dann endlich weitergeht. Noch immer wird man über und über dick vom Staub eingehüllt, wenn sich die Fahrzeugkolonne dann endlich wieder ein paar Meilen weiter voranschiebt. So zieht sich die Fahrt durch die Gegend hier stundenlang hin, bis sich schliesslich trotz aller Bemühungen die Langeweile und die Ungeduld doch noch einstellen.
Kurz vor Beaver Creek sorgt eine Strassensperre der kanadischen Polizei schliesslich für etwas Abwechslung. Hier werden aber lediglich die Fahrzeugpapiere und der Zustand der Fahrzeuge überprüft. Auch die kanadische Polizei kämpft hier offenbar mit der Langeweile. Ein Motorradfahrer mit einem Schweizer Pass und einer kalifornischen Zulassung scheint da eine angenehme Abwechslung zu sein.

Endlich taucht Beaver Creek auf. Hinter dem Tresen der Tankstelle sitzt noch immer dieselbe Lady. Noch immer wuselt ihr Mann, der gebürtige Ostschweizer, durch den Tankstellenshop und macht seine launigen Sprüche. Beim Bezahlen erwähne ich, dass ich vor einigen Wochen schon hier gewesen bin. Und wie schon beim letzten Mal zeigen sich beide ganz erfreut und meinen, dass sie sich selbstverständlich an mich erinnern würden.

Destruction Bay ist übrigens in den Vierzigerjahren  während der Bauzeit des Alaska Highways entstanden. Ein Sturm hatte an diesem Ort gelagertes Baumaterial und mehrere Gebäude zerstört. Seither trägt die Siedlung diesen Namen.
Die Häuser von Burwash Landing stehen schon etwas länger da. Die Siedlung ist nach Lachlin Burwash benannt, einem Beamten, der um 1904 die Edelmetallfunde in der Region registriert hat.

 

Mit etwas gemischten Gefühlen fahre ich in Beaver Creek wieder los. In einer halben Stunde werde ich die Grenzstation Alcan erreichen. Ich will auf dem Landweg in die USA einreisen. Ob das wohl gut geht?

Eine halbe Stunde später stehe ich wieder am Grenzübergang Alcan. Der Customs Officer ist diesmal eine Frau in meinem Alter, sympathisch, freundlich und bestimmt. Sie sieht gleich, dass ich eine Einreisegenehmigung brauche und schickt mich für die Formalitäten ins Büro. Vorher stellt sie mir aber noch die üblichen Sicherheitsfragen: Ob ich Waffen, Drogen oder Obst dabeihabe. Trotz meines mulmigen Gefühls muss ich schmunzeln. Natürlich habe ich weder Drogen noch Waffen dabei. Ich stelle mir aber vor, wie ich als radikaler Amokläufer heimlich sieben überreife Boskoop-Äpfel in das Gebäude der Grenzbehörde schmuggle. Damit richte ich dann unter den Grenzbeamten eine furchtbare Sauerei an. Die Obstflecken kriegen sie nie mehr aus ihren Uniformen. Was für eine Gefahr ich doch dadurch darstelle! Es ist aber definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für solche Albernheiten.
Der Officer im Bürogebäude ist ebenfalls freundlich und bestimmt. Die ersten Formalitäten sind zwar rasch erledigt. Dann aber beginnt sich das Verfahren zu verzögern. Immer wieder muss ich dem Officer erklären, wann ich das letzte Mal in die USA ein- und ausgereist bin, was meine Stationen und meine Verkehrsmittel waren, und vor allem, was mich dazu bringt, jetzt schon wieder in die USA einzureisen. Ich gebe mir grosse Mühe, die immer gleichen Fragen des Customs Officers immer gleich freundlich, sachlich und gelassen zu beantworten. Ohne Widerrede gebe ich mehrmals meine Fingerabdrücke ab. Mehrmals schaue ich freundlich, jedoch ohne zu lächeln in eine Kamera, die von mir ein Bild machen soll. Ausserdem höre ich mit grossem Interesse zu, wenn der Customs Officer von seinen Erlebnissen als Motorradfahrer berichtet. Er spricht ziemlich schnell, und ich verstehe ihn fast nicht. Trotzdem gebe ich mir grosse Mühe, an den richtigen Stellen erstaunt oder ungläubig dreinzuschauen. Aber ich habe keine Ahnung, warum es mit meinen Einreiseformalitäten nicht weitergeht.
Schliesslich bittet der Officer seine Kollegin um Hilfe. Sie hilft ihm am Computer weiter. Beim Zuschauen und Zuhören kriege ich endlich mit, warum das hier so lange dauert. Das Computersystem für die Erfassung meiner Land-Einreise stürzt offenbar immer wieder ab. Deshalb hat der Customs Officer immer wieder von vorne beginnen müssen. Darum hat er mir auch immer wieder die gleichen Fragen gestellt. Natürlich hat er mir das nicht auf die Nase binden wollen. Nach einer Dreiviertelstunde kriege ich schliesslich meine Einreisegenehmigung. Bis Ende Oktober darf ich diesmal in den USA bleiben.
Es ist 16.30 Uhr und ich bin wieder in Alaska. Etwas belämmert stehe ich im Freien vor Olga und mache mich reisefertig.

Eine Stunde lang fahre ich durch die grüne Weite von Alaska. Der Wegweiser nach Dawson City und die Abzweigung zum "Top of the World" Highway ziehen rechts an mir vorbei und wecken dabei Erinnerungen.
Es war Ende Mai, als ich hier zum ersten Mal durchgefahren bin. Ein junger US Customs Officer hatte auf eine sehr unangenehme Art die Verlängerung meiner Aufenthaltsgenehmigung verweigert. Ich war tiefrot beschämt und wusste nicht, wie ich meine Reise zu Ende bringen sollte.
Ich erinnere mich an die wilde Fahrt über die langen Schotterpisten auf dem Weg nach Little Gold. Olga ist dabei so sicher wie ein Traktor über die staubigen Steine geprescht. Plötzlich ist ein Grizzly, in einem unglaublichen Tempo neben mir hergerannt. Schliesslich hat er durch eine Lücke im Dickicht wieder in den Wald flüchten können.
Ich erinnere mich noch an die Goldwäscher mit ihren Anhängern voll Maschinen, an die Tankstelle in der abgelegenen Siedlung Chicken, an die verkohlten Bäume, die wie schwarze Zahnstocher aus dem jungen, grünen Unterholz dünn nach oben gezeigt haben, an die tolle Strasse kurz vor der Grenze, die schwierige Situation mit dem riesigen US Customs Officer in Little Gold und an den Karibustempel in meinem Pass. Alles ist plötzlich wieder ganz nah.
Heute biege ich hier nicht ab. Stattdessen fahre ich geradeaus weiter nach Tok. Um 17.30 Uhr halte ich dort bei der Tankstelle und fülle noch einmal alles auf, was irgendwie weniger oder leer werden könnte: Benzin, Wasser, Esswaren, Reifendruck. Noch etwa drei Stunden bin ich heute noch unterwegs, bis ich in Glennallen ankomme.

Ab Tok sinkt meine Stimmung spürbar. Die Gegend hier ist einsam und verlassen und wirkt bedrohlich. Die Strasse ist teilweise in einem schlechten Zustand und schwierig zu fahren. Immer wieder regnet es. Ausserdem wird es zunehmend dunkel und unübersichtlich. Lange Trucks brettern mit hoher Geschwindigkeit um diese Zeit noch durch die Gegend. Sie machen die Strecke zusätzlich unberechenbar.
Ich bin froh, als ich gegen 20.30 Uhr endlich in Glennallen ankomme. Das Hotel und das Restaurant hier heben meine Stimmung aber nicht. Beide sind unattraktiv und trotzdem ziemlich teuer. Vor dem Hotel treffe ich einen Motorradfahrer. Er hat beim Parkieren gerade seine grosse, knallgelbe Harley auf den Boden gelegt. Das Malheur trägt er aber mit grosser Gelassenheit. Zu meiner Reise von hier nach Anchorage meint er: "Freu dich! Die Strecke ist das Schönste, was Alaska einem Motorradfahrer bieten kann". Das stimmt. Mir hat die Strecke sehr gut gefallen, als ich hier vor einigen Wochen durchgefahren bin. Die Aussicht auf die schöne Fahrt nach Anchorage und die liebenswürdige, zufriedene Art meines Kollegen hier heben meine Stimmung spürbar. Schliesslich verbringe ich eine ruhige und angenehme Nacht hier in Glennallen.

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