Death Valley

Obwohl ich mich hier in einem abgewirtschafteten Motel an einem lausigen Ort befinde, habe ich lange und gut geschlafen. Das Ziel für heute: Death Valley. Beim Frühstück plane ich die Strecke für heute und sehe, dass das wird wieder ein langer Tag wird. Die langen Strecken, die vor mir liegen, machen mir etwas Sorge. Es braucht noch recht Energie, um über 700 km aufmerksam zu bleiben und die Fahrt auch noch etwas geniessen zu können.
Ich habe Nachricht aus der Heimat, schön! Für heute Abend nehme ich mir vor, auch wieder einmal nach Hause zu schreiben.

Ebene nach Fresno

Zuerst geht es wieder Richtung Süden bis Bakersfield. Die Wegweiser unterwegs zeigen öfters Orte an, in denen ich im Grossraum Los Angeles schon gewesen bin. Das hier ist die Ebene zwischen dem Gebirgszug an der Küste und den Bergen im Landesinneren. Die Tatsache, dass hier mehrere Gebirgszüge und Ebenen parallel zur Küste verlaufen ist offenbar auch der Grund für das Klima im Death Valley. Wenn der Wind vom Pazifik her Wolken ins Landesinnere treibt, dann kommen die nicht bis zum Death Valley sondern regnen sich schon vorher an einem der fünf Gebirgszüge ab. Fürs Death Valley bleibt dann nur noch heisse Trockenheit.

Beim Fahren überfällt mich plötzlich und ohne Vorwarnung das Heimweh. Es berührt mich, daran zu denken, dass ich schon eineinhalb Monate weg bin und noch einmal so lange weg sein werde. Ich freue mich darauf, wieder zu Hause zu sein und Kontakt mit all den Freunden und Bekannten aufzunehmen, die mir in den letzten Wochen geschrieben haben.
Was wohl meine Vorfahren denken würden, wenn sie mich so sehen würden, oder überhaupt alle die, die mir wichtig waren und die schon gestorben sind? Ob der Liebe Gott wohl eine Sitzung mit ihnen allen einberufen hat um zu schauen, was es zu meiner Reise zu sagen gibt und ob es spezielle Massnahmen braucht. Ich stelle mir vor, wie das so wäre. Mein Vater würde wahrscheinlich zusammen mit meinem Schlummervater, Heinz Müller, als letzter hereinkommen. Beide hätten Arbeitshosen an und es wäre nicht sicher, ob sie nicht lieber bei ihrer Arbeit geblieben wären. Sowieso, einen Himmel ohne Werkstätten, ohne Handwerk und ohne Küchen, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Meine Mutter wäre wahrscheinlich zusammen mit Wanda Müller, meiner Schlummermutter, schon einiges vorher im Sitzungszimmer, und die beiden würden zusammen Tee trinken und hätten einen Haufen zu plaudern. Ein Himmel ohne Tee, das kann ich mir übrigens auch nicht vorstellen. Und dann könnten die einzelnen etwas zum Thema sagen. Da stelle ich mir das liebenswürdige und grosszügige Schmunzeln von Bernhard Bonsack vor. Meine Oma, die mich mein ganzes Leben lang nur als kleinen Jungen gekannt hat, würde wahrscheinlich wie immer den Kopf schütteln, lachen, die Hände zusammen schlagen und wie immer sagen: „Maaaartin!“. Mein Grossvater würde wahrscheinlich „Kinder, Leute!“ sagen, so wie er es oft getan hat, und meine Grossmutter würde daneben sitzen und nichts sagen, wie sie es so oft getan hat. Und mein Vater würde wahrscheinlich etwas verlegen lächelnd den Kopf schütteln und sagen: „Was dem wieder alles in den Sinn kommt“.
Mittlerweile bin ich in Bakersfield angekommen, Zeit um zu tanken und etwas zu essen und zu trinken.

Kern River Canyon

Beim sitzen und kauen schaue ich meine Streckenplanung an. Beinahe wäre ich auf den Highways weitergefahren. Das ändere ich jetzt und nehme stattdessen die Abkürzung über den Kern River und den Lake Isabella. Es ist eine dieser Abkürzungen, bei denen weniger Kilometer mehr Zeit brauchen. In meinem Fall sind das nur zehn Minuten. Das nehme ich gerne in Kauf.
Das Tal des Kern River ist ein richtig schöner klassischer V-Canyon. Bis hinauf zum Lake Isabelle und von da noch weiter zum Isabella Walker Pass ist die Gegend nur dünn besiedelt, aber traumhaft schön und zum Fahren das, was man sich so wünscht. Auf der Höhe des Lake Isabella versuche ich, die beste Position für ein Bild abzuwarten, bis es dann zu spät ist. Macht nichts, denke ich mir. Der Lake Isabella, das ist grau (diesseitiges Ufer), dann blau (Wasser), dann wieder grau (jenseitiges Ufer) und dann wieder blau (Himmel). Das kann man auswendig lernen und sich etwas Passendes dazu vorstellen.

0416_03_pass1

Isabella Walker Pass 2

Aber beim Isabella Walker Pass, da halte ich rechtzeitig vor der Passhöhe an und mache ein paar Bilder. Die Nordostseite des Passes führt hinunter ins nächste Tal, wieder auf die Route 14, auf die Strecke zum Death Valley. Schon hier ist die Hitze spürbar.

Ebene vor Olancha

Farbige Ebene nach Olancha

In Olancha zweigt dann die Strasse von der Route 14 ab, die zum Death Valley führt. Reiseführer haben empfohlen, bereits bei der Anreise zum Death Valley darauf zu achten, dass genügend Benzin und genügend Wasser vorhanden ist. Das Death Valley ist offenbar riesig, und wenn da irgendetwas Blödes passiert, dann sollte man zumindest genügend Treibstoff und Wasser haben. Seit langem treffe ich hier wieder einmal auf Kollegen. Sie fahren in dieselbe Richtung und füllen hier in Olancha auch noch auf.
Nach der Route 14 wird die Strecke wieder spannend. Zuerst geht es an eine farbig schimmernden Ebene vorbei. Dann kommt eine Bergregion und es beginnt eine ganz eindrückliche Kurvenstrecke.

Schwarze Strasse in rotem Fels 1

Schwarze Strasse in rotem Fels 2

Strasse über die heisse Ebene

Eine schwarze Strasse auf rotem Fels, das sieht nicht nur für Motorradfahrer martialisch aus. Welche ungeheuren Anstrengungen mussten da erbracht werden, bis aus den Trampelpfaden in der Landschaft verlässliche, ganzjährig befahrbare Strassen geworden waren. Es geht noch einmal hinab in eine Ebene, noch einmal über einen Gebirgszug, dann kommt der Eingang zum Nationalpark. Hier tanke ich noch einmal, dann geht es los mit den Attraktionen des Death Valley.

Sanddünen 1

Sanddünen 2

Als erstes tauchen die offenbar berühmten Sanddünen auf. Wind und Topografie spielen hier so zusammen, dass die Dünen immer am gleichen Ort bleiben.
Dann wechseln sich heisse Ebenen ab mit eigenartigen Hügelformationen. Der heisseste Punkt des Death Valley liegt unter der Höhe des Meeresspiegels.

Death Valley heisse Ebene

Death Valley Dunkle Hügel 2

Death Valley, dunkle Hügel

Death Valley Helle Hügel

Schliesslich kommt das Highlight des Parks, Zabriskie Point. Die Farben und Formen hier, überhaupt, hier zu stehen und alles das zu sehen, das ist sehr eindrücklich. Ich bin froh darüber und stolz darauf, dass ich sagen kann: Ich war bei Zabriskie Point.

Zabriskie Point 1

Zabriskie Point 3

Zabriskie Point 2

Zabriskie Point 4

Der Parkausgang kommt. Es ist schon spät. In der Abenddämmerung beginnt wieder der gestreckte Galopp zu meiner Unterkunft. Heute Abend komme ich in den Staat Nevada. Der Ort heisst Blue Diamond und ist nur wenige Meilen südwestlich von Las Vegas. Eigentlich möchte ich nur noch fahren und möglichst schnell im Motel ankommen. Aber einmal erwischt mich die Landschaft noch. Die Abendstimmung in den Spring Mountains ist zu grandios, um nicht noch einmal anzuhalten. Dann kommt schon bald die Abzweigung nach Blue Diamond. Hier tanke ich noch einmal und nutze die Gelegenheit, um Las Vegas im Abendlicht anzuschauen.

Spring Mountains 1

Spring Mountains 2

Las Vegas

Meine Unterkunft heisst "Bonnie Springs Motel". Die Abenteuerranch steht zwar in der Nähe von Las Vegas, liegt aber doch mitten in der Pampa.
Nachdem ich meinen Zimmerschlüssel gekriegt habe richte ich mich ein. Ein Kaninchen sitzt unter einem Strauch und schaut mir zu, wie ich mein Gepäck ablade. Es dauert nicht lange, da beginnen zwei Pfauen ganz in der Nähe um die Wette zu schreien. Kurz darauf stimmt ein Esel in diesen Kanon ein, und schliesslich fängt auch noch ein Hahn an zu krähen. Nur wegen mir müsste das alles überhaupt nicht sein. Aber so klingen wohl die Bremer Stadtmusikanten in Nevada, wenn sie in einem Motorradfahrer einen Räuber vermuten. Dem Kaninchen wird das alles zu viel. Es haut ab.
Mein Zimmer ist gross und verfügt über einen Balkon zum Innenhof. Um 19.30 Uhr ist ist dort immer noch Betrieb, auch wenn es wegen des Bergschattens schon Dunkel ist. Man hört Familien miteinander reden, Kinder- und Tiergeschrei, und ein Duft nach Marihuana zeigt, dass einige schon weiter sind mit dem Entspannen.
Ich bin froh, dass die langen Strecken zum Yosemite und zum Death Valley vorbei sind. Heute Abend werde ich noch Wäsche waschen und in die Heimat schreiben. Hoffentlich gibt es bald einmal Feierabend.

Reiseroute am Samstag, 16. April 2016

Kommentare

  • Jeanette Samstag, 23. April 2016 Antworten

    und jedesmal find ich es so schade, dass ich wieder nachbin mit lesen…. vor dorther könntest du noch laaange unterwegs sein und wir hier hätten dann das Vergnügen, deine Reise- und Erlebnisberichte zu geniessen,
    aber es ist dann auch schön, wenn du wieder da bist 🙂

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